Alltag

In Nostalgie vereint – Portugiesen und Kaiserslautern

© Theresia Schlechshorn© Christian ReilingEin windiger, verregneter, grauer Samstagnachmittag Anfang Juli – was liegt da näher, als gedanklich in die Ferne zu schweifen? Im Lokal „Portuguesa de Desportos“ in Kaiserslautern sitzt Fernando Lima Costa und erzählt von seiner Heimat in der Nähe von Coimbra; den „Férias“, dem Essen, dem Olivenöl, der Wärme.
Und von der Geschichte der „FCK-Portugiesen“, der portugiesischen Fußballabteilung des 1. FC Kaiserslautern. Seit dem Jahr 1966, die portugiesische Fußballerlegende Eusebio war gerade zum Weltstar geworden, treten die „FCK-Portugiesen“ als eigenständige Mannschaft an. Derzeit in der Kreisklasse. Seit vielen Jahren spielen die Lauterer Portugiesen in den abgelegten Trikots der Profimannschaft und dürfen ihre Partien auf dem Trainingsgelände des Clubs austragen. Sie sind quasi ein „Verein im Verein“. Und ein Symbol für den Stellenwert und die Tradition der portugiesischen Kolonie in Kaiserslautern.

Im „Gut-Heim“ zuhause

© Christian ReilingDie Heimat des Fußballteams ist das „Gut-Heim“, ein betagtes Wirtshaus, dem die Vereinsmitglieder den Zusatznamen „Portuguesa de Desportos“ verliehen haben. Es liegt am Rande des „Kotten“, eines Stadtviertels, das seit dem 19. Jahrhundert Wohnraum für die Arbeiter der Baumwollspinnerei „Kammgarn“, in der Nähgarn hergestellt wurde, bot. Hier reihen sich dicht an dicht kleine Wohnhäuser, in den Hinterhöfen sieht man Gartenparzellen und Eisenrahmen zum Teppichklopfen. Hierher kam Fernando Lima Costa in 1970, an seinem 15. Geburtstag und folgte somit seinem Vater, der Portugal einige Jahre zuvor bereits in Richtung Kaiserslautern verlassen hatte. Nach einem Monat begann er in der „Kammgarn“ als Laufbursche zu arbeiten. Er arbeitete sich Jahr für Jahr ein wenig höher, bevor er 1973 zum großen Nähmaschinenhersteller Pfaff wechselte, wo er zunächst in der Fertigung und schließlich im Vertrieb tätig war. Mittlerweile ist er im Ruhestand. Eine Berufsbiographie, die eng verwoben ist mit der Geschichte der Stadt. Und die - so oder so ähnlich - viele der heute noch etwas mehr als 1000 Mitglieder der portugiesischen Community in Kaiserslautern teilen.

Zeiten ändern sich, doch die Portugiesen bleiben sich treu

Im Juli des Jahres 2017, mittlerweile leben Portugiesen bereits in vierter Generation in Kaiserslautern, werden in der westpfälzischen Stadt keine Garne mehr gesponnen. IT-Unternehmen haben sich angesiedelt, die Technische Universität bildet Ingenieursnachwuchs aus. Aus der ehemaligen Baumwollspinnerei ist ein modernes Kulturzentrum geworden, das mit der „Kammgarn“ von früher nur noch den Namen und die Bausubstanz gemein hat. Die Pfaff-Werke sind längst geschlossen, das ehemalige Fabrikgelände ist ein Geschichte atmendes, verwittertes Zeugnis langsam zerfallender Industriekultur, freigegeben zur Konversion. Geblieben ist das, was sich die Portugiesen der ersten und zweiten Generation aufgebaut haben, um sich bei all der anstrengenden Arbeit fernab der Heimat doch mit ihr verbunden zu fühlen: Ein portugiesischer Supermarkt, portugiesische Feste, die katholische portugiesische Gemeinde und: die „FCK-Portugiesen“.

Gemeinsam stolz auf alte Zeiten

© FCK-PortugiesenIm Grunde haben sich in Kaiserslautern genau die richtigen gefunden. Portugiesen und den FCK eint der nostalgische Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit. Hier die Seefahrernation von Weltrang, dort der mehrfache deutsche Meister, der beim „Wunder von Bern“ 1954 gleich fünf Weltmeister stellte. Von den glorreichen Triumphen zeugen auf der einen Seite Ölgemälde, auf der anderen Seite Fotografien in schwarz und weiß. Der Fußball ist für die portugiesisch-deutsche Freundschaft in Kaiserslautern ein verbindendes Element. Man hat die letzte Deutsche Meisterschaft des 1. FC Kaiserslautern 1998 genauso gemeinsam bejubelt wie den Europameistertitel der portugiesischen Seleção 2016. Und im Sommer 2017 freuen sich viele darüber, dass mit Marcel Correia ein gebürtiger Kaiserslauterer nach sechs Jahren wieder zu dem Verein seiner Heimatstadt zurücklehrt. Correia wuchs im „Kotten“ auf und schnürte Zeit seines Fußballerlebens die Schuhe für den FCK, bis er zu Eintracht Braunschweig wechselte. Und tatsächlich betritt an diesem Samstag im Juli zufällig der Vater des Spielers das „Gut Heim“. Für Fernando Lima Costa keine Überraschung. „Bei uns ist es wie in einem Dorf – jeder kennt jeden“.

Essen verbindet

Während an einem Ecktisch einige Herren das Kartenspiel „Sueca“ spielen, geht das Gespräch mit Fernando Lima Costa langsam dem Ende entgegen. Der ehemalige zweite Vorstand der „FCK-Portugiesen“ blickt optimistisch in die Zukunft. Gleich zwölf Spieler mit portugiesischer Familiengeschichte starten in die neue Saison, auch der Trainer hat portugiesische Wurzeln. „Es ist wichtig, dass wir unsere Traditionen bewahren. Die Verbindung zu Portugal darf nicht in Vergessenheit geraten“, sagt er. Und empfiehlt, doch mal Mittwochabends vorbeizukommen. Denn mittwochs gibt es in der „Portuguesa de Desportos“ Fisch, nach Wunsch auch mit der grünen Soße „Molho Verde“, wie man sie in der Umgebung von Coimbra gerne isst. „Dann kommen auch viele deutsche Freunde“, sagt er schmunzelnd.

„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“ – an diesem kalten Nachmittag im Juli steckt im geflügelten Wort, das auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgeht, sehr viel Wärme. Und Portugal ist für einen Moment gar nicht mehr weit weg.
Christian Reiling
tröstet sich bei Fernweh gerne mit portugiesischen Lulas Grelhadas. Und wenn es bei seinem Lieblingsverein nicht gut läuft, erinnert er sich zurück an ein Traumtor von Jose Dominguez, den kleinen portugiesischen Nationalspieler, der einst bei den Profis des FCK aktiv war. Er erzielte es im Jahr 2003 …

Copyright: Tudo Alemão
Oktober 2017

Orignalsprache: Deutsch

     

     
     

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