Alltag

Dinge, die ich vermisse …

Jeder, der längere Zeit im Ausland verbracht hat, wird dieses Gefühl nur allzu gut kennen. Klar, am Anfang ist alles noch neu und aufregend und es gibt viel in Deutschland zu entdecken: Im Supermarkt wird über unbekannte Produkte gestaunt, auf jede geglückte Bestellung von der deutschen Speisekarte ist man stolz wie Oskar und schon eine banale U-Bahn-Fahrt hat das Zeug zum Abenteuertrip.

Doch früher oder später wird auch der noch so große Deutschlandfan, zumindest während eines längeren Aufenthaltes, an einen Punkt kommen, an dem er etwas aus seinem Land vermisst. Uns hat interessiert, was für Dinge das sein können. Deshalb haben wir sechs junge Ausländer unterschiedlichster Nationalität – und eine Deutsche, die in Spanien lebt – dazu befragt.

Aslí Kurban (26)
kommt aus Ankara in der Türkei und macht zurzeit ihren Master in International Finance and Business Administration in München. Am meisten fehlt ihr in Deutschland …

„ … der türkische Kaffee! Nicht nur wegen des Geschmacks, sondern vor allem wegen unserer Tradition des Kaffee-Satz-Lesens. Du trinkst einen Kaffee und anschließend deutet eine Wahrsagerin aus dem Muster des restlichen Kaffeepulvers am Tassenboden deine Zukunft. Ich mache das meistens mit meinen Freunden zusammen. Das ist immer sehr lustig, und manchmal treten die Prophezeiungen tatsächlich ein. Mir wurde zum Beispiel mal vorausgesagt, dass ich ins Ausland gehen werde – und das hat sich ja immerhin bewahrheitet!“


Carmen Andrea Yanez (24)
kommt ursprünglich aus Kolumbien und arbeitet momentan als Au pair bei einer Münchner Familie. In ihrer Freizeit lernt sie eifrig Deutsch, weil sie anschließend in Deutschland studieren möchte. Was sie in Deutschland vermisst? Jede Menge …

„Gerade in der Vorweihnachtszeit, in der man seine Familie und sein Land ohnehin besonders vermisst, muss ich oft an ein religiöses Fest denken, das in Kolumbien vom 16.12. bis zum 24.12. gefeiert wird und das wir Weihnachtsnovene nennen. Warum das so schön ist? Man trifft sich jeden Tag mit seiner Familie und seinen Freunden und erinnert sich gemeinsam an die Weihnachtsgeschichte. Jeder Abend – und das ist das Wichtigste – endet mit einem Festmahl und vielen leckeren Desserts. Diät zu halten, ist dann praktisch ein Ding der Unmöglichkeit! Außerdem fehlen mir die kolumbianischen Früchte. Mein Lieblingsobst heißt Grenadille. In Kolumbien gibt´s das an jeder Ecke für einen Spottpreis von 2€ für 6 Stück zu kaufen. Hier bezahle ich für eine einzige Frucht 2,50€! Und zu guter Letzt fehlen mir natürlich die kolumbianischen Partys. Die Art, wie in meiner Heimat gefeiert wird, hat mit einer deutschen Party wenig gemeinsam. Wir sitzen nicht in einer Bar herum, um bei einem Bier gepflegte Konversation zu betreiben. Wir tanzen bis zum Morgengrauen, lachen wie verrückt und singen alle Lieder auswendig mit. Aber hallo!“


Mathilde Nielsen (25)
kommt aus Norwegen und wohnt seit Januar 2011 in München, wo sie mittlerweile in ihrem Beruf als Friseurin arbeitet. Obwohl sie sich in der Isarmetropole sehr wohl fühlt und es ihr Spaß macht, ein neues Land und seine Sprache kennenzulernen, gibt es doch das Ein oder Andere, das sie vermisst …

„Was ich am meisten vermisse, ist der norwegische Humor. In Norwegen sind die Leute lockerer und man darf über alles seine Späße und Witze machen, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt. Außerdem gibt es bei uns nur sehr wenige Tabus und wir sind auch nicht so übertrieben höflich wie die Deutschen. Zum Beispiel weiß ich nie, wann ich 'Sie' oder 'du' sagen soll! Und manche Leute sagen so oft 'danke', 'bitte' und 'Entschuldigung', dass es fast schon nervt. Noch was: In Deutschland muss man sich selbst darum kümmern, dass man eine Krankenversicherung hat, renten- und pflegeversichert ist. In Norwegen ist das kein Thema, dort wird alles für dich erledigt. Alle haben den gleichen Versicherungsschutz: Das gibt dir natürlich ein besonderes Gefühl der Sicherheit, das mir hier zugegebenermaßen manchmal fehlt. Die Kehrseite der Medaille ist, dass man in Norwegen mindestens drei Wochen auf einen Arzttermin warten muss, hier in Deutschland geht das viel schneller und die Ärzte sind sehr freundlich und hilfsbereit.“


Osamu Taniai (23)
kommt aus Japan und studiert dort „control theory“, eine Kombination aus Maschinenbau und Elektrotechnik. Seit einem halben Jahr lebt er in Deutschland. Mittlerweile ist sein Deutsch so gut, dass er einen Praktikumsplatz bei einer Stuttgarter Firma bekommen hat. Was der junge Japaner in Deutschland vermisst? Eins sei schon mal verraten: Sushi ist es nicht.

„Eine Sache, die mir in Deutschland wirklich fehlt, ist „Tatami“ – eine Art Teppich aus künstlichem Gras. Im Haus meiner Familie in Tokio haben wir einige Zimmer mit „Tatami“ ausgelegt. Es ist total angenehm auf „Tatami“ zu gehen – die Schuhe ziehen wir natürlich vorher aus – weil dieser Bodenbelag viel weicher als die Holzböden ist, die man in Deutschland oft findet. In Zimmern mit „Tatami“ werden übrigens auch Stühle überflüssig, weil man es sich einfach auf dem weichen Boden bequem machen kann. Schade nur, dass „Tatami“ in den letzten Jahren auch in Japan etwas aus der Mode gekommen ist …“


Piero Abbondanza (17)
kommt eigentlich aus Trieste in Italien, verbringt aber zurzeit ein Austauschjahr an einem Gymnasium in Henstedt-Ulzburg in Schleswig-Holstein, um sein Deutsch so richtig auf Vordermann zu bringen. Was er vermisst, ist nicht schwer zu erraten …

„Als ich noch in Italien war, dachte ich, dass dieses Jahr richtig schwierig werden würde, weil man sich ja erst an das neue Leben gewöhnen muss. Aber dann kam ich nach Deutschland und alle waren so nett zu mir. Natürlich fehlen mir meine Familie und meine Freunde manchmal und dann bin ich traurig, weil ich bei Geburtstagspartys oder ganz alltäglichen Dingen nicht dabei sein kann und das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Aber im Großen und Ganzen vermisse ich Italien nicht sonderlich.“


Ruth Houben (26)
kommt aus Antwerpen in Belgien und arbeitet nun schon fast ein Jahr als Shop und Marketing Assistant Netherlands für einen internationalen Webshop. Was sie vermisst, hat uns (als Deutsche) dann doch etwas überrascht …

„Ich vermisse das belgische Bier, das man mit dem deutschen Bier einfach nicht vergleichen kann. Hier in Bayern scheint es in erster Linie darauf anzukommen, sein Bier so schnell und in so großen Mengen wie möglich zu trinken, während in Belgien eher auf Einzelheiten Wert gelegt wird: Die richtige Temperatur, die Schaummenge, die Farbe und sogar die Art des Glases spielen eine Rolle. Jedes Bier hat ein eigenes Glas. Auch Nüsse oder Käse, die man meistens dazu isst, gehören zur belgischen Bierkultur. In manchen belgischen Kneipen gibt es mehr als hundert verschiedene Biersorten und es macht Spaß, sich je nach Stimmung oder Wetter für ein bestimmtes Bier zu entscheiden oder auch mal was ganz Neues auszuprobieren!“  


Sina Braun (29)
ist vor vier Jahren von Hamburg nach Spanien gezogen, um ihre Abschlussarbeit zu schreiben. Geplant war ursprünglich ein Aufenthalt von 12 Monaten. Doch dann kam alles ganz anders. Sina verliebte sich Hals über Kopf in einen Spanier und lebt und arbeitet seither als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache in Vitoria. Welche deutschen Produkte sie wohl in Spanien vermisst?

„Da fällt mir ganz spontan Grünkohl ein. In Norddeutschland, wo ich herkomme, essen wir immer Pinkel dazu, das ist eine grobkörnige, würzige Wurst. Ein herrliches Wintergericht! Und dann fehlt mir natürlich das deutsche Brot. Das spanische Brot schmeckt einfach nach nichts und wird binnen eines Tages steinhart. Dabei geht nichts über eine Scheibe Vollkornbrot mit Margarine und Käse: Jedes Mal, wenn ich in Deutschland bin, decke ich mich mit Sonnenblumenbrot aus dem Supermarkt ein. Dazu hole ich mir die leckeren Brotaufstriche eines deutschen Drogeriemarktes – die gibt´s in Spanien nämlich auch nicht. Ach, und noch etwas, das ich schmerzlich vermisse: die Adventszeit. Bei eisiger Kälte trifft man sich auf dem Weihnachtsmarkt und wärmt sich mit Glühwein, überall riecht es nach gebrannten Mandeln und zu Hause treffen wir uns, um Weihnachtskekse zu backen.“
Franziska Gerlach
arbeitet als freie Autorin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache in München.

Copyright: Todo Alemán
Januar 2012

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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