Sprache und Kultur

POPphilosophisches Geplauder:
In Berlin läuft's wieder

(c) Jan Voosholz© Voosholz






Läuft in ganz Berlin von November bis April - die Nase.


Das Deutsche kennt gebräuchliche Wendungen mit zweifelhaftem Beigeschmack. Die Aussage „Das läuft!“ ist so ein Fall. Man hört es in Berlin häufig in Gesprächen. Eigentlich ist dieses kleine Sprachspiel einfach, wie ein Beispiel zeigt:

Mein guter, wunderschöner Freund Alrik fragt mich: „Ist Julian wegen der Sache mit Marielle noch sehr sauer auf mich?“ Ich will mich geschickt aus der Affäre ziehen, denn Julian betet Marielle an. Alle wissen das – außer Marielle. Niemand hatte die Größe, Julian darüber zu unterrichten, dass Alrik mit Marielle gestern Nacht in der Küche nicht eine Stunde verbrachte, um über Proust zu diskutieren. Meine Antwort: „Das läuft!“ Nun ist Alrik kein Idiot. Er weiß, ich weiche seiner Frage aus. Wir beide sind uns aber einig, dass jede Entgegnung wie: „Was meinst du damit?“ unweigerlich unfreundlich oder kleinkariert wirken würde. In Berlin ist man lieber unfreundlich als kleinkariert. Doch Alrik und ich sind gute Freunde, beide nicht in Berlin aufgewachsen und schrecklich harmoniebedürftig. Daher sagt er nichts.

Diese beschönigende Wendung funktioniert nur, da es auch das Gegenstück gibt. Sprachspiele, wie der große Wittgenstein (Philosoph und Klinkenerfinder) sie beschrieb, gehorchen zwar immer mehr oder minder expliziten Regeln, aber sie sind nicht abgeschlossen oder notwendig eindeutig. Im Klartext heißt das, ich kann mit „Das läuft“ auch ein anderes Spiel spielen.

Ein Beispiel dafür war die folgende Konversation in einem Seminar an der Freien Universität. Da stand gestern mein Dozent in hübschem Cord-Jackett, sah mich mit einem leicht mitleidigen Blick an und meinte: „Herr Voosholz, dieses Mal bekomme ich die Arbeit aber pünktlich zum Semesterende von Ihnen, nicht wahr?“ Ohne Einleitung, ohne Hallo, ohne den geringsten Humor in der Stimme. Meine Antwort – unschwer zu erraten – war ein schlichtes „Das läuft!“. In dieser Situation setzte ich darauf, dass die Phrase so interpretiert wird wie ein „Aber selbstverständlich.“ Ich halte meine Dozentinnen und Dozenten nicht für dumm.

Der Herr in modischem, blau-grünem Cord wird so gut wie ich wissen, dass seine Frage im besten Fall eine Aufforderung, im schlechtesten eine höfliche Drohung war. Ihm ist darüber hinaus klar, dass ich es versuchen und wahrscheinlich wieder nicht schaffen werde, die Arbeit pünktlich abzugeben. Aber ich werde höflich sein. Und ihn bitten. Und eine richtig, richtig gute Arbeit schreiben. Das läuft.
Jan Voosholz,
aufgewachsen in Münster, hat an der Freien Universität Berlin Geschichte studiert. Nach beruflichen Ausflügen in eine Universitätsklinik und den Literaturbetrieb werkelt er aktuell an einem Mastertitel in Philosophie und schreibt neuerdings Kolumnen für ‚tudo alemão’.

Copyright: Tudo Alemão
Februar 2013

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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