Sprache und Kultur

„Guten Freunden gibt man ein Küsschen“

© Lisa Paleczek © Lisa Paleczek

… oder zwei, manchmal auch drei. Letzteres aber wiederum nur in gewissen Regionen des deutschsprachigen Raums. Aber das Wichtige an diesem wohlbekannten Werbeslogan ist im deutschsprachigen Kulturkreis der erstere Teil:
„Guten Freunden“ - Immer gern. Aber jedem?


Einer der für mich bedeutsamsten Unterschiede zwischen Portugal und Österreich / Deutschland war und ist, jener der Küsschen (oder Bussis, wie wir ÖsterreicherInnen zu sagen pflegen). In der Familie und zwischen Freunden wird „gebusserlt“. Zur Genüge. Kennt wahrschein-
lich die Mehrheit von diversen Familienfesten, bei denen man häufig ins fragwürdige Vergnügen kommt, von entfernten Verwandten abgeküsst zu werden. Ob man das nun will oder nicht (beziehungsweise sich noch an diese Personen erinnern kann oder nicht) ist hierbei nebensächlich; es wird geküsst.

© Lisa PaleczekWenn man hingegen in Portugal seine ersten Bekanntschaften macht, wird einem recht schnell klar, dass die PortugiesInnen sehr freundlich sind und sogleich großzügig Küsschen links und rechts verteilen. Da freut man sich, vor Allem, wenn man fernab der Heimat komplett auf sich allein gestellt ist und gleich so herzlichst von allen Seiten begrüßt wird. Allerdings ist man sich zu Anfang des Ausmaßes dieses Begrüßungsrituals noch nicht bewusst.

Nachdem man erste Freunde gefunden hat, wird man Freunden der Freunde oder anderen Halbfremden vorgestellt, wenn man sich mal im Bairro Alto oder an sonstigen einschlägigen Orten auf einen Drink trifft. Und hier wird’s dann erst richtig interessant: Man bekommt Namen und Küsschen nur so um die Ohren geworfen. Bis man in so einem Fall dann eine große portugiesische Gruppe an Freunden fertig begrüßt hat, da kann schon einige Zeit vergehen und es wird dem doch eher an einen freundschaftlichen Abstand gewöhnten deutschsprachigen Menschen ganz schwindlig. Zumindest ging es mir so. Anfangs. Eigentlich recht lange. Die gesamten vier Jahre lang. Zumindest dachte ich das.

So kam ich beispielsweise einige Male in die Cafeteria der Universität, an der ich studierte, wo ich netterweise gleich von Bekannten zum Tisch (um nicht zu sagen „zur langen Tafel“) gerufen wurde. Dort „musste“ ich dann direkt eine Runde Küsschen verteilen. Anfangs, als recht unerfahrene „Wahlportugiesin“, machte ich des Öfteren den fatalen Fehler, mich in solch einer Situation mit einem, von dem (meiner österreichischen Meinung nach) passenden Handzeichen begleiteten, „Hallo“ in die Runde dazuzugesellen. Empörte Blicke und komisches (zu diesem Zeitpunkt für mich noch schwer interpretierbares) Schweigen waren die Folge.

© Lisa PaleczekIn etwas höflicheren Situationen passierte es mir auch, dass ich wohlgesittet zum Gruße meine Hand entgegenstreckte, was dann häufig in einem verlegenen und zaghaften Hände-
druck, in den meisten Fällen jedoch begleitet von zwei der berühmten Küsschen, mündete. Man kann sich jedoch vorstellen, wie unge-
schickt Begrüßungen dieser Sorte vor sich gingen. Keiner der beiden Betroffenen wusste, wie man sich jetzt genau zu verhalten hatte (man will ja nicht unhöflich sein) und so endete das Ganze meist in verstrickten halbumarmen-
den Küsschen, bei denen man im schlimmsten Falle noch mit den Köpfen zusammenstieß, da in Situationen wie diesen ja auch die Richtungen der Bewegungen nicht ganz klar, und vor allem für das Gegenüber nicht vorhersehbar waren. Peinlich berührt nahm ich mir als brave Schülerin deshalb bald die Sitten und Bräuche des Landes vor, um beim nächsten Mal kompetenter agieren zu können, sprich gleich so mir nichts dir nichts loszuküssen. Und dieses Mal auch wirklich hochkonzentriert auf die richtige Richtung.

Dabei kann man sich gar nicht vorstellen, wie schwer es ist, solche, ein Leben lang antrainierte, Gewohnheiten abzulegen. Kultur und Verhalten sind tiefer in uns verankert als man annehmen möchte.

Nach einigen Jahren in diesem wundervollen und wundersamen Lande namens Portugal gelang es mir dann doch, mich einigermaßen an die unterschiedlichsten Begrüßungssituationen zu gewöhnen. Anscheinend sogar zu gut. Denn nun, nach vier Jahren wieder zurück im „guten alten“ Österreich, bin plötzlich ich diejenige, die allen um den Hals fällt und mit Freude Küsschen an „Fremde“ verteilt.
Nach 4 Jahren Portugal ist Lisa Paleczek nun wieder in ihre Heimat Österreich zurückgekehrt. Die neuentdeckten interkulturellen Unterschiede faszinieren sie und so findet sie auch sich selbst immer wieder "zwischen den Kulturen", doch der eigene Horizont kann ihr nie (er)weit(ert) genug sein.

Copyright: Tudo Alemão
Januar 2014
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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