Sprache und Kultur

Besuch von einer Veganerin

(c) Corinna Lawrenz© Nik Völker
“Eine Tosta mit Salat und Tomaten bitte!”
“Nur Salat und Tomaten? Kein Käse, kein Schinken, gar nichts?”
“Ja, nur Salatblätter und Tomaten. Sonst gar nichts.”


In etwa so hörte sich die Bestellung an, die ich für eine vegan lebende Freundin, die mich vor kurzem in Lissabon besuchte, bei unserem ersten Cafébesuch aufgab. Lissabon zu besichtigen, draußen zu essen und dabei keine tierischen Produkte zu verspeisen, das schien mir eine fast unmögliche Aufgabe zu sein. Während meine Freundin noch kurz zuvor optimistisch verkündete, bestimmt etwas veganes auf der Liste der traditionellen portugiesischen Gerichte zu finden, war ich skeptisch.

Zwar ist es auch in Lissabon kein Problem, an alle Zutaten zu kommen, die für die vegane Küche im eigenen Haushalt notwendig sind – insbesondere die großen Biomärkte Brio und Miosótis bieten alles, was das Veganerherz begehrt – doch das Angebot der lokalen Restaurants und Pastelerias spiegelt diese grundsätzliche Verfügbarkeit nicht im Geringsten wider. Meine Skepsis bestätigte sich schnell: Nicht nur der Bestellvorgang war schwierig, auch das Ergebnis fiel nicht ganz aus wie gewünscht: Die Tosta wurde zwar wie bestellt nur mit Salat und Tomaten belegt, dafür aber mit reichlich ziemlich unveganer Butter getoastet und schließlich, notgedrungen, auch so verzehrt.

© Corinna Lawrenz In Deutschland hat sich die vegane Lebensweise in den letzten Jahren rasant verbreitet: Als ethische Einstellung, die allen Lebewesen die gleichen Rechte zuspricht und den negativen Folgen der Massentierhaltung mit völligem Verzicht auf tierische Produkte begegnet. Aber zum Teil auch als Lifestyle-Trend, der vor allem in Großstädten rasche Ausbreitung findet. Vegane Restaurants sprießen dort wie Pilze auf herbstlichem Waldboden und die Auswahl veganer Kochbücher auf dem deutschen Buchmarkt ist in den letzten Jahren schier explodiert. Auch eine große deutsche Zeitung widmete sich kürzlich in einer ausführlichen Themenwoche Fragen rund um den Veganismus; die Zahl der Veganer steigt stetig.

In Portugal hingegen ist die vegane Lebensweise bisher eher ein Randphänomen. Ja, schon der Versuch sich vegetarisch zu ernähren gestaltet sich außer Haus nicht immer leicht, will man es nicht bei Käsesandwiches, Pommes Frites, Omelette, Beilagen und Nachtisch belassen. Oft begegnet man Unverständnis und ungläubigen Fragen.

Doch auch am modernen Lissabon geht das Umdenken in Richtung einer nachhaltigeren Lebensweise nicht völlig vorüber. Mit dem Schritt raus aus den typischen, von Fleisch- und Fischgerichten bestimmten Lokalen der traditionellen Stadtviertel, wird auch die Suche nach einem veganen Snack für zwischendurch leichter. In der LX Factory, einer kreativen Hochburg im alten Hafenbereich unter der Ponte 25 de Abril, findet sich nach leichten individuellen Anpassungen des Menüs und einer kurzen Erklärung, was vegan nun genau bedeutet, eine Mahlzeit, die über das vorherige Sandwich deutlich hinausgeht und mit einer leckeren Gemüsesuppe auch etwas Warmes bietet. Satt und zufrieden machen wir uns auf den Weg nach Belém – doch hier wartet schon die nächste Herausforderung in Form einer Gewissensfrage: ein Pastel de Nata probieren oder lieber doch nicht? Meine Freundin entscheidet sich für das Probieren und dafür, ob der kulinarischen Erfahrung eine Ausnahme zu machen.

Es bleibt die Erkenntnis, dass, wer zumindest einen kleinen Einblick in die portugiesische Gastronomie gewinnen will, um den ein oder anderen Kompromiss nicht herumkommen wird. Und dennoch bleibt das Pastel de Nata zusammen mit dem Bohnensalat das einzig wirklich typisch portugiesische Essen auf der Wochen-Speisekarte.

© Nik VölkerZum letzten Abendessen der Woche verschlägt es uns schließlich in das einzige rein vegane Restaurant der Stadt, den Food Temple in der Mouraria. Mitten im Herzen des traditionellen, aber auch des internationalen Lissabons hat Alice, eine Kanadierin mit chinesischen Wurzeln, in einem versteckten Hinterhof ein kleines Lokal eröffnet, in dem sie vegane Gerichte mit Einflüssen aus verschiedenen Ländern der Welt serviert. Hier gibt es keinen veganen Döner oder veganes Schnitzel aus Fleischersatzprodukten, sondern liebevoll zubereitete kleine Speisen mit den unterschiedlichsten Aromen und Zutaten. Hier können wir uns nun endlich den Magen vollschlagen, ganz ohne lange die Karte zu durchforsten oder Sonderwünsche zu äußern – und vor allem ganz ohne Kompromisse zu machen.

Und so endet die vegane Reise durch Lissabons Straßen völlig anders als sie begann: mit einer großartigen kulinarischen Erfahrung statt einem buttergetränkten Sandwich mit Salatblättern und Tomaten.
Corinna Lawrenz,
geboren und aufgewachsen in Nürnberg, liebt es schon immer mit Notizbuch und Kamera die Welt zu erkunden. Nach dem Abitur ging sie für ein halbes Jahr nach Paraguay und studierte dann in Düsseldorf Medien- und Kulturwissenschaft. Danach zog es sie wieder in den Süden; in Lissabon setzt sie ihr Studium mit einem Master in Estudos de Cultura fort und berichtet für tudo alemão von dem, was sie an ihrem neuen Wohnort fasziniert.

Copyright: Tudo Alemão
März 2014

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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