Sprache und Kultur

Unterbrich mich nicht – oder doch?

© Lisa Paleczek Dass die Portugiesen im Vergleich zu den etwas kühleren Deutschen ein lautes Volk sind und alle durcheinander reden ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Wer schon in der Situation war, diese Sprache in einem portugiesischsprachigen Land erlernen zu wollen und sich nach einiger Zeit und unermüdlichen Vokabel
- und Grammatikübungen endlich ein gewisses Sprachniveau angeeignet hat, mit dem zwar fehlerlose Kommunikation weit entfernt, aber Informationsvermittlung und –empfang möglich sein sollten, kennt vermutlich auch die sehr frustrierende Situation mit mehr als einer portugiesischsprachigen Person am Tisch zu sitzen.


 © Lisa Paleczek
Gerade wenn man, so wie ich, Freunde aus verschiedenen portugie-
sischsprachigen Ländern hat, herrscht hier binnen kürzester Zeit (zumindest nach der Interpretation einer deutschsprachigen Person) ein heilloses Durcheinander. Alle sprechen gleichzeitig und da es schon schwierig genug ist, der Konversation überhaupt zu folgen, beschließt man stillschweigendeR und staunendeR ZuhörerIn zu sein.
Alle unterbrechen sich gegenseitig und aufgrund des noch nicht vorhan-
denen Sprachselbstbewusstseins und einer gewissen Langsamkeit im Zusammenklauben der Worte, bleibt man dann doch eher schüchtern im Hintergrund. Mir zumindest ist es am Beginn so ergangen und des Öfteren kreuzte ein Gedanke meinen Kopf: die portugiesischen Mutter-
sprachler sind ja sehr lebhaft und lustig, aber doch ein bisschen unhöflich, denn die gute Kinderstube vermittelt ja als oberstes Gebot das Gegenüber nicht zu unterbrechen. Aber so ist das nun mal mit „Südländern“, dachte ich...

Nach ein paar Jahren in diesem Land habe ich mich daran gewöhnt und als fleißige Lernerin kann ich behaupten, dass mein Portugiesisch nun gut genug ist, um an solchen Diskussionen teilzunehmen. Sehr portugiesisch teilzunehmen, denn siehe da...ich beginne Leute zu unterbrechen. Höchst eigenartig, aber nicht als allgemeine Persön-
lichkeitsveränderung zu beobachten. Auf Deutsch bleibe ich meiner „guten Kinderstube“ weiterhin treu.

Wie gibt es denn so etwas? Eine multiple Persönlichkeit? Je nach Sprache ein anderes Höflichkeitsverständnis? Das Thema begann mich zu beschäftigen und ich diskutierte es mit anderen zweisprachigen Personen. Auch ihnen fiel dasselbe Phänomen auf. Interessant. Mein Professor aus meinem Psychologiestudium an der Universität in Lissabon (ein Deutscher) machte mich mit den Ideen der Psycholin-
guistik, sowie dem Sapir-Whorf-Prinzip bekannt, welches besagt, dass Sprache (oder deren Struktur) unser Denken beeinflusst (ich werde keine großen wissenschaftlichen Reden darüber schwingen, obwohl ich es natürlich sehr verlockend fände): Portugiesisch und Deutsch haben bezüglich der Grammatik sehr unterschiedliche Strukturen. Während die Portugiesische Sprache das Verb sofort verrät, machen wir in der deutschen Sprache oft ein großes „Geheimnis“ darum. In vielen Fällen ist das Hauptverb am Ende des Satzes. Nun...den ganz spitzfindigen LeserInnen beginnt es vielleicht schon zu dämmern. Welcher Baustein des Satzes hat für den Zuhörer den größten Informationsgehalt? Hmmm....grübel: das Verb. Ich werde es an einem einfachen Beispiel veranschaulichen:

© Lisa Paleczek

„Gestern habe ich im Buchladen am Hauptplatz ein kleines, billiges Buch gestohlen.”

“Ontem roubei um livro pequeno e barato na livraria da praça principal.”

So beginnt also der Portugiese gleich mit dem Geständnis des Verbrechens; da interessiert dann der Rest des Satzes kaum noch. Empört wird er wohl unterbrochen werden. Die Deutsch sprechende Person hingegen, hebt sich „das Beste“ für den Schluss auf.

Nun lässt sich auch bei zweisprachigen Personen die schon erwähnte „wundersame Verwandlung“ im Gesprächsverhalten beobachten, welche jetzt, nach diesem Erklärungsversuch, tatsächlich auch ein bisschen mehr Sinn macht.

So sollte uns diese persönliche Veränderung lehren, vorsichtiger mit unseren Vorurteilen und Interpretationen zu sein, denn offensichtlich kann man sich selbst, in unserem Fall je nach Sprache die man gerade spricht, auch sehr rasch verändern. Da ist es wohl besser, die Unter-
schiede in „Kultur“ zu umarmen bzw. fremde Sprachen zu lernen um damit den eigenen Horizont um ungeahnte Facetten zu bereichern. Unvoreingenommenheit ist zwar wahrlich ein schwierig zu realisieren-
der Zustand, aber es ist ein guter Anfang, Unterschiede hinzunehmen anstatt sie zu verurteilen, da sich unter Umständen ganz neue Inter-
pretationsweisen eröffnen, sobald man selbst Teil der jeweiligen (Sprach-) Kultur wird.

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass auch ein „heilloses Durcheinander“ seine Reize hat.
Lisa Paleczek,
geborene Österreicherin, schloss ihr Zweitstudium (Psychologie) in Portugal mit einer Masterarbeit im Bereich der Psycholinguistik ab. Sie liebt Sprachen und lässt sich immer wieder gern aufs Neue von diesen überraschen.

Copyright: Tudo Alemão
Mai 2014
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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