Sprache und Kultur

Saudade

© Marina Hader © Marina HaderWoran denkst du, wenn du das Wort Saudade hörst? Wenn du Portugiese/in bist, fallen dir jetzt bestimmt jede Menge Dinge ein. Vielleicht denkst du an Fado, vielleicht schwirrt dir das Bild eines einsamen Schiffes auf dem Meer durch den Kopf, vielleicht siehst du vor deinem inneren Auge aber auch das Gesicht eines ganz bestimmten Menschen auftauchen. Wenn du Deutsche/r bist, hörst du das Wort Saudade vielleicht gerade zum ersten Mal.
So ging es auch mir vor mehr als einem Jahr, als ich für ein Praktikum nach Lissabon kam. Immer und immer wieder, in den scheinbar verschiedensten Zusammenhängen, tauchte Saudade auf und weckte so meine Neugier. Also machte ich mich daran, die Bedeutung dieses so speziellen Wortes herauszufinden.

Die Übersetzung in andere Sprachen

Wer ins Online-Wörterbuch Pons „Saudade“ eingibt, erhält als deutsche Übersetzung „Sehnsucht“ oder „Heimweh“. Zusätzlich dazu liefert Pons aber auch noch die Info, dass es sich bei Saudade um eine „Mischung aus Sehnsucht, Heim- und Fernweh mit stark melancholischem Hang“ handelt. Eine englischsprachige Facebook-Seite erklärt Saudade hingegen als „nostalgic longing to be near again to something or someone that is distant, or that has been loved and then lost, „the love that remains“”.
Hm, das hilft mir nicht wirklich weiter.

Nicht einmal der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag für Saudade kann mir eindeutig Aufschluss darüber geben, was Saudade denn nun eigentlich ist: „Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird“.

Vielleicht hilft mir ja die Definition eines Portugiesen besser weiter.
© Katharina FaustDer portugiesische Dichter Fernando Pessoa beschreibt Saudade als ein Gefühl, das ausschließlich Lusophonen vorbehalten ist:

Saudades – nur Portugiesen
können dieses Gefühl kennen.
Weil nur sie dieses Wort besitzen,
um es beim Namen zu nennen.


Diese Meinung hat sich bis heute gehalten. Und so erklären Portugiesen heute in verschiedenen Internetforen, dass es für Saudade in keiner anderen Sprache eine gute Entsprechung gebe. Von Unübersetzbarkeit wird hier gesprochen und man ist sich auch hier einig darüber, dass Saudade wohl tatsächlich nur von Lusophonen gefühlt werden kann.

Stimmt das denn?
Ist es mir also als Nicht-Lusophone tatsächlich vollkommen unmöglich, Saudade zu spüren?

Deutsche Saudade?

Ich denke, eine ungefähre Vorstellung davon, was Saudade sein könnte, habe ich, trotz meiner nicht-lusophonen Herkunft und Muttersprache, bekommen. Als ich Lissabon nach meinem dreimonatigen Aufenthalt wieder verließ, überkam mich sofort eine unbestimmte Sehnsucht nach diesem so besonderen Land im Westen Europas. Und zurück in Deutschland vermisste ich schnell die spezielle, singende Melodie des Portugiesischen, den durch und durch blauen Himmel, der nur über Portugal so blau ist, das Licht, das sich in den Azulejos widerspiegelt, und das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

© Alexandra FaustSeit dem Ende meines Praktikums bin ich bereits zweimal nach Lissabon zurückgekehrt; so sehr hat meine (deutsche) Version der Saudade nach mir gegriffen. Und jeder Besuch war ein bisschen wie „nach Hause kommen“. Lissabon fühlt sich für mich alt und immer gleich an, auf eine positive Art und Weise: Es ist selbstbewusst und treu, es verlässt dich nicht für Trends, muss nicht modern sein, um geliebt und gelebt zu werden.

Aber auch außerhalb Lissabons zeigt Portugal immer wieder auf’s Neue, wie besonders es ist: Im Alentejo findet man Korkeichen und Weinanbaugebiete, die Algarve ist bekannt für ihre Steilklippen und Strände und Porto im Norden verwöhnt mit Portwein und steht Lissabon hinsichtlich seines Charmes in nichts nach. Ich könnte dir noch viele Gründe aufzählen, warum Portugal mich derart begeistert und in seinen Bann gezogen hat, aber ich möchte dich nicht langweilen, sondern dich ermuntern (ob du nun Portugiese/in oder Deutsche/r bist), mit offenen Augen die Schönheit dieses Landes am Westende Europas wahrzunehmen.

Und so verlasse ich dich, mit einer Redewendung der deutschen Sprache, die vielleicht ähnlich schwer zu übersetzen ist, wie Saudade: Portugal ist mir ans Herz gewachsen.
Marina Hader,
aufgewachsen in Thierhaupten, hat Spanisch und Englisch in Heidelberg und Augsburg studiert. Trotz mehrmonatiger Aufenthalte in Berlin und Las Palmas de Gran Canaria bleibt das Gefühl „daheim zu sein“ für sie bis heute dem kleinen Markt Thierhaupten vorbehalten - und natürlich Lissabon.

Copyright: Tudo Alemão
Juni 2014
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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