Sprache und Kultur

Von Knoblauch, Basilikum und Plastikhämmern

© Johanne Peito © Johanne PeitoDer Sommeranfang ist in Portugal eine Zeit voller Feste. Gefeiert werden die sogenannten Santos Populares, die drei wichtigsten Heiligen des Landes: Santo António in Lissabon, São Pedro in Évora und São João in Porto. Obwohl ich Halbportu-
giesin bin, habe ich dieses Jahr mein erstes São-João-Fest erlebt. Durch meinen Erasmus-Aufenthalt an der Universität Porto konnte ich erfahren, wie ausgelassen, fröhlich und verrückt die Portugiesen feiern können. Es war eine lange Nacht!


Da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, waren für mich Heiligenfiguren bisher nur mit Religion und Kirche verbunden. So kam es mir zunächst sehr seltsam vor, dass sich meine portugiesischen Freunde alle schon im Mai auf São João freuten und mir erzählten, an diesem Tag würde eine der größten Partys des Jahres steigen. Doch sie hatten mir nicht zu viel versprochen – so lange und lustig hatte ich vorher noch nie gefeiert! Denn die Feste der Santos Populares, zu denen São João gehört, haben im Grunde nichts mit dem Christentum zu tun und es geht alles andere als heilig zu.

© Johanne PeitoDie Santos Populares sind für die Portugiesen das, was für die Deut-
schen das Oktoberfest ist: eine Mordsgaudi! Es wird getrunken, getanzt und gesungen. Hinzu kommen einige zunächst etwas merkwürdig klingende Bräuche. In Porto ist es üblich, sich an São João gegenseitig mit einem quietschenden Plastikhammer auf den Kopf zu hauen oder eine stinkende Knoblauchblüte unter die Nase zu halten. Etwas liebevoller ist hingegen die Tradition, seinen Freunden und Verwandten einen Topf manjerico (Basilikum) mit einem gedichteten Vierzeiler zu schenken. Basilikum ist das Symbol der Santos Populares und sein Duft erfüllt an diesen Tagen die ganze Stadt. Auch die bunten Girlanden, die in jedem Viertel aufgehängt werden, tragen die Form eines Basilikum-Topfes. Für mich war an São João allerdings ein anderer Geruch durchdringender als der des Basilikums:
Gegrillte Sardinen sind zwar lecker, dafür riechen sie aber ziemlich penetrant. Sardinhas und Caldo Verde (eine Kartoffel-Kohl-Suppe mit einem Stück chouriço) sind die typischen Gerichte des Monats. Dazu fließt viel Bier.

Dennoch war ich überrascht, dass es an São João in Porto relativ gesittet zuging: Natürlich wurde viel getrunken, doch im Mittelpunkt standen die Bräuche und das Zusammensein mit der Familie. Menschen jeder Generation waren auf der Straße, sogar Kinder blieben bis in die frühen Morgenstunden wach. Die Stadt war völlig überfüllt.

© Johanne Peito Auf den Straßen waren Buden aufgebaut, die Getränke und Essen verkauften, überall tönte Musik und einige Familien trugen ihren eigenen Grill auf die Straße, um Sardinen zu braten. Die Stimmung war ausge-
lassen und fröhlich. Mein Abendessen war besonders lustig: Ich staunte nicht schlecht, als meine Freundinnen und ich eine einzige Sardine am Stück bekamen, ohne Messer und Gabel. Auf Nachfrage, wie wir den Fisch denn nun essen sollten, sagte die Verkäuferin: mit Kopf, Haut und Gräten! Es war ein Bild für die Götter, wie wir Mädels mitten auf der Straße auf dem Boden saßen und mit leicht angeekelten Gesichtern die Gräten aus der Sardine pulten. So waren wir auch ein gefundenes Fressen für all die Leute mit ihren Plastikhämmern, die uns beim Vorbeigehen auf den Kopf schlugen.

Um Mitternacht versammelte sich die Menschenmasse am Fluss Douro, um das Feuerwerk zu bestaunen. Ich habe noch nie so ein tolles Spektakel gesehen! Das Licht spiegelte sich im Wasser und jede abgefeuerte Rakete wurde von lauten "Oohs" und "Aaaahs" begleitet. Ein absolutes Highlight war der goldene Feuerregen von der Ponte Dom Luís, der großen Brücke die über den Fluss führt.

Anschließend wollte die ganze Menschenmenge in die Oberstadt, um zur Musik eines bekannten DJs zu tanzen, der vor dem Rathaus auf einer großen Bühne auflegte. Wir benötigten eine ganze Stunde für einen Weg, den man normalerweise in zehn Minuten zurücklegt. Die Menschen drängten sich durch die engen Gassen, es wurde gesungen, gelacht und natürlich viel Gebrauch von den Plastikhämmern gemacht.

© Johanne PeitoDie Nacht fand ihren krönenden Abschluss durch den Sonnenaufgang, den ich mit meinen Freundinnen und vielen anderen Feierenden am Strand erlebte. Der Brauch verlangt eigent-
lich, dass man in den frühen Morgen-
stunden noch ein Bad im Meer nimmt, doch nach dieser langen, außergewöhnlichen Nacht fielen uns, gemütlich auf dem Sand liegend, schnell die Augen zu.

Also eins muss ich wirklich sagen: Feiern können die Portugiesen!
Johanne Peito
ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat aber auch portugiesische Wurzeln. Um ihre zweite Heimat Portugal besser kennen zu lernen, absolviert sie zurzeit ein Erasmus-Semester an der Universität Porto. In ihrem Master-Studium hat sich die 25-Jährige auf die Fächer Literatur und Medienpraxis sowie Germanistik spezialisiert. Nebenbei arbeitet sie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Studentenwerk Essen-Duisburg.

Copyright: Tudo Alemão
Juli 2014
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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