Sprache und Kultur

Poetry Slam - freundschaftlicher Dichterwettstreit

© Alexandra Faust© Alexandra FaustDichtkünstler, die gegeneinander antreten. Ein Publikum, das entscheidet, wer der Sieger ist. Ein Wettbewerb, bei dem man noch den sprichwörtlichen Blumenpott gewinnen kann. Texte, die bewegen: Das ist Poetry Slam.

Der sogenannte Poetry Slam erfreut sich in Deutschland immer größerer Beliebtheit, es heißt, die Slam-Szene in Deutschland sei weltweit die zweitgrößte neben dem Entstehungsort Amerika. In den einzelnen Bundesländern sowie im gesamten deutschsprachigen Raum werden Meisterschaften ausgetragen, für die man sich qualifizieren muss. Die kleinen Auftritte in Cafés werden dabei selbst organisiert. Über Facebook-Gruppen oder eigene Netzwerke fragt der Künstler, wo er auftreten kann und wenn das Teilnehmerfeld noch nicht voll ist, hat er eine gute Chance, dabei zu sein.
Ich habe mir einen solchen Abend mal genauer angeschaut und mit zwei Slammern gesprochen.

„Babum. Babum. Herzen, die schlagen und förmlich zerspringen. Herzen, die Leben schenken und mir klar machen, dass ich nicht alleine bin. Babum. Babum. Was wäre, wenn die Welt für einen Moment stehen bliebe? Was würde ich tun? Ich würde rennen. Rennen im Takt der Herzen, die sich bewegen und Menschen das Leben geben. Ich würde rennen. Rennen, bis das Atmen schwer fällt in dieser Welt. In dieser Welt voll Einsamkeit, die mich einzuhüllen versucht. Ein Schritt nach dem andern. Ein Fuß vor den anderen. Schritt für Schritt.“ (Auszug aus einem Slamtext von Samantha Pauwels)

Ich bin in einem kleinen Café
in einer Stadt in NRW,
um Slammer zu sehen,
wie sie auf der Bühne stehen.
Hm, das Reimen überlasse ich vielleicht doch lieber den Leuten auf der Bühne. Es heißt doch „Poetry Slam“, also wird gereimt. Oder nicht? Wie auch Gedichte nicht immer Reime enthalten, wird auch an einem Slam-Abend nicht nur mit Reimen um sich geworfen. In der Regel treten an so einem Abend ca. 5-12, manchmal sogar bis zu 20 Teilnehmer mit selbstgeschriebenen Texten auf. Die einzelnen Texte setzen sich mit einem eigenen Thema auseinander. Die formale Gestaltung ist so vielseitig wie der Inhalt: Da gibt es Reime und Verse, sich wiederholende Passagen, es wird einfach eine Geschichte erzählt, teilweise auch gesungen, gerappt oder geschrien. Die Texte können lustig, aggressiv, emotional, nachdenklich, kritisch oder experimentell sein. Das Tolle am Schreiben sei, dass man loslassen könne, was immer einem durch den Kopf gehe. Dass man einfach auch mal eine Idee habe, die man festhält und denkt „geil“. Dass man aus einer Idee über eine Zeit hinweg einem Text beim Wachsen zusehen könne. Dass man oben auf der Bühne stehe und Dampf ablassen kann. Dass man Gedanken, Gefühle und die Liebe zum Text teilen könne. Mit Gleichgesinnten, mit Freunden und mit Fremden. So beschreiben es mir Michel und Samantha Pauwels, die heute je einen ihrer Texte performen. Michel ist schon seit gut drei Jahren erfolgreich auf der Bühne unterwegs, seine Tochter hat mit ihren 15 Jahren nun auch schon über zehn Auftritte vor Publikum hinter sich. Weil es anders ist, man Freundschaften schließt und es einfach unheimlich viel Spaß macht.

© Alexandra FaustHeute treten beide mit sechs weiteren Künstlern an, sie alle kämpfen um einen Keramikpott und eine Flasche Rhababerschorle! „Und warum macht ihr sonst noch mit?“ - „Freibier! Und natürlich Ruhm und Ehre“, sagt Michel mit einem Augenzwinkern. Er selbst hat unter anderem auch schon einen guten Whiskey als Trophäe mit nach Hause nehmen können. Aber auch lokale Spezialitäten oder Kuscheltiere warten manchmal auf den glücklichen Sieger. Gewinnen ist hier aber nicht alles. Es geht um den Auftritt, die Leute und vor allem die Texte. Natürlich ist man als Teilnehmer auch ehrgeizig, aber egal, wie es ausgeht, man will wiederkommen: Verlieren spornt an und gewinnen motiviert, weiterzumachen: Weiterzuschreiben und zu performen.

Bevor es an diesem Abend losgeht, bekommt jeder Tisch sechs laminierte Karten mit Zahlen von 1-6: Das ist die Wertung. Diese Punktevergabe wird oft gewählt – nach dem Auftritt berät sich der Tisch und hält seine Wertung für den Moderator sichtbar nach oben. Wer die meisten Punkte bekommt, darf in der nächste Runde einen weiteren Text vortragen. Eine andere Methode ist, zu hören, wer den lautesten Applaus bekommt. Also je nachdem, wie einem die Performance gefallen hat: Lärm machen! In die Hände klatschen, mit den Füßen trampeln oder Jubelrufe ausstoßen – heute wird gescherzt: laut pupsen zähle auch als Beifall. Bei kleinerer Teilnehmerzahl gibt es meist eine doppelte Vorrunde, alle tragen vor, und die Besten kommen jeweils eine Runde weiter. Bei größerer Teilnehmerzahl wird in Gruppen aufgeteilt und so die Finalisten ermittelt.

© Alexandra FaustDer Moderator dankt, dass wir Gäste uns an so einem sonnigen Tag der Kultur widmen. Es ist tatsächlich gefühlt der erste warme Tag überhaupt in diesem Jahr und in dem kleinen Café ist es ermüdend heiß. Doch es lohnt sich! „Es gibt bei so einem Abend immer auch eine Überraschung“ kündigt Michel mir vorher an und er behält Recht: Ein Finalist steht am Ende seines Textes in Unterwäsche auf der Bühne und die jüngste Kandidatin schmeißt das Mikrofon von der Bühne. Und es passt.

Die Texte sind emotional, vielfältig, unterhaltsam und sie eröffnen neue Blickwinkel. Viele Worte bleiben im Kopf.
Alexandra Faust
ist in einem kleinen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen. In Celle hat sie ihr Abitur gemacht und anschließend das Studium der evangelischen und katholischen Theologie in Hannover begonnen. In diesem Rahmen absolvierte sie auch ein sechsmonatiges Praktikum bei culture.communication, wo sie für den Bereich Public Relations und Marketing verantwortlich war.

Copyright: Tudo Alemão
September 2014

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

    Migration und Integration

    Migration verändert Kulturen   

    rumbo @lemania

    © rumbo @lemania
    Auf nach Deutschland!

    FuturePerfect

    © Future Perfect
    Geschichten für morgen - schon heute, für überall.

    Goethe-Institut Portugal

    Willkommen
    auf unserer
    Homepage!