Sprache und Kultur

Die fünfte Jahreszeit am Rhein

© Johanne Peito © Johanne PeitoDie Jecken sind los! Wer sich in diesen Tagen in Düsseldorf oder Köln auf die Straße wagt, kommt an ihnen nicht vorbei. Ausgelassen feiernde Menschen in bunten Kostümen treffen sich bei Wind und Wetter in der Altstadt und rufen laut „Helau!“ oder „Alaaf!“. Das kommt euch seltsam vor? Mir auch.

Als in Hannover geborene Halbportugiesin habe ich mit Karneval bisher nicht viel zu tun gehabt. Hannover liegt in Niedersachsen, im Nord-
westen Deutschlands, und verfügt über keine besonders ausgeprägt Karnevalskultur. Ganz im Gegensatz zu Düsseldorf, der Landes-
hauptstadt Nordrhein-Westfalens, wo ich derzeit lebe. Hier am Rhein gibt es eine sogenannte fünfte Jahreszeit – den Karneval. Der Düsseldorfer Fasching, äh, Karneval (Fasching darf man hier nicht sagen!), beginnt am 11. November um genau 11Uhr11 und endet am Aschermittwoch des Folgejahres. Die Zeit des Karnevals wird auch als Session bezeichnet und ist ein sehr wichtiger Bestandteil des gesell-
schaftlichen Lebens im Rheinland. Über Wochen hinweg treffen sich die Karnevalisten, auch Jecken genannt, zu Sitzungen und Bällen, wo satirische Reden geschwungen werden, die aktuelle Politik aufs Korn genommen wird und eigens für den Karneval existierende Bands auftreten.

© Johanne PeitoDer Düsseldorfer Rosenmontagszug ist einer der größten in Deutschland und bundesweit bekannt. Mein erster Rosenmontag in Düsseldorf war ein ganz besonderes Erlebnis: Stocknüchtern und ohne Kostüm habe ich mir das bunte Treiben angeschaut. Tausende von Menschen haben gefeiert, getanzt, gesungen und sich die aufwändig gestaltete Parade angeschaut. Ohne einen Tropfen Altbier im Blut dachte ich, die Welt sei verrückt geworden. Und das ist letztendlich auch der Sinn des Karnevals: Sich selbst und andere aufs Korn nehmen und für ein paar Tage einfach mal den Ernst des Lebens vergessen. Im Karneval ist alles erlaubt – Narrenfreiheit nennt man das hier. „Helau“ ist in Düsseldorf der Schlachtruf, mit dem sich die Narren und Jecken begrüßen. In Köln ruft man hingegen „Alaaf“.

Im Rheinland lebt und liebt man den Karneval. Wer sich als wasch-
echten Jeck bezeichnet, für den hört die fünfte Jahreszeit niemals auf. Denn der Rosenmontagszug muss lange im Voraus geplant und vorbereitet werden. Der Zug besteht aus bis zu 80 verschiedenen Wagen, mindestens 20 Musikkapellen und kann zwischen fünf und sieben Kilometern lang sein. Auf vielen Wagen werden politisch satirische Szenen mit buntem Pappmaché modelliert und dargestellt, beispielsweise, wie ein griechischer Politiker Angela Merkel ein Hitlerbärtchen ins Gesicht malt. Wie gesagt, im Karneval ist alles erlaubt.

© Johanne Peito Die zahlreichen Jecken, die sich den Umzug anschauen, versuchen neben Blicken auf den Zug auch etwas von der Kamelle (Süßigkeiten) zu erhaschen, die von den Wagen in die Menschenmenge geworfen wird. Vielen ist all das aber auch egal. Ihnen geht es ganz einfach darum, ausgelassen zu feiern und ein wenig über ihren Durst zu trinken.

Nicht zu unterschätzen ist allerdings auch die Anzahl der Menschen, die regelrecht vor dem Karneval flüchten. Da viele Arbeitgeber ihren Mitarbeitern am Rosenmontag frei geben, lässt sich das verlängerte Wochenende auch für einen Kurzurlaub nutzen.

Ich gebe dem Düsseldorfer Karneval noch eine Chance, aber dieses Jahr ganz bestimmt nicht nüchtern und ohne Verkleidung. Denn Karneval geht nur ganz oder gar nicht. Helau!
Johanne Peito
ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat aber auch portugiesische Wurzeln. Um ihre zweite Heimat Portugal besser kennen zu lernen, absolvierte sie ein Erasmus-Semester an der Universität Porto. In ihrem Master-Studium hat sich die 25-Jährige auf die Fächer Literatur und Medienpraxis sowie Germanistik spezialisiert. Nebenbei arbeitet sie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Studentenwerk Essen-Duisburg.

Copyright: Tudo Alemão
Februar 2015
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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