Sprache und Kultur

Zur Widerlegung von Gerüchten

© Veronika FaustSchreib mal einen Text zu Stereotypen über Deutsche, sagten sie mir. Pfft, dachte ich mir, wie unkreativ. Die kennt man doch alle: Pünktlich, ordentlich, regelverliebt, unlustig und etwas langweilig im Sinne von „wir gehen mal auf Nummer sicher und wagen nichts Neues“. Und so schob ich das Thema weit von mir. Aber irgendwie spukte es weiter in meinem Hinterkopf und ich begann meinen Alltag zu analysieren. Sind „wir Deutsche“ wirklich so? Alle? Und bin ich sehr „deutsch“?

Deutsche Regeltreue?

© Alexandra FaustLetztens musste ich in der Uni die Bibliothek einer anderen Fakultät benutzen. Die der Juristen - also per se der deutschesten der Deutschen, was Regeln und Gesetzestreue angeht. Meint man. Um in die Bibliotheken gehen zu können, muss man seine Jacke und Tasche vorher in einen Spind einschließen. Natürlich gibt es die Regel, dass man seinen Spind für den nächsten frei gibt, sobald man die Bibliothek verlässt und nicht einfach den leeren Schrank abschließt und ihn so blockiert. Aber bei Jurastudenten scheint diese Regel noch nicht angekommen zu sein – sie ist wahr-
scheinlich in der Flut der Gesetze, die sie zu beherrschen lernen müssen, untergegangen. So stand ich da, mit Jacke und Tasche vor überfüllten Schrankreihen und durfte am Ende beides in meiner Fakultät einschließen, um dann wieder zur Juristenbibliothek zurück zu laufen. „Regeln sind da, damit man sich an sie hält!“, grummelte ich die ganze Zeit vor mich hin. Im Nachhinein betrachtet, war ich in diesem Moment wohl sehr deutsch...

Auf Nummer sicher gehen?

Sehr „deutsch“ war ich auch, als ich mit meiner brasilianischen Mitbewohnerin mitten im Hochsommer ein Schwimmbad in Lissabon gesucht habe. Leider war die Liste der Schwimmbäder in Lissabon, die wir im Internet gefunden hatten, nicht sonderlich aktuell, und so standen wir vor einem geschlossenen Gebäude nach dem nächsten. Das erste sollte seit Jahren renoviert werden, das zweite war bereits abgerissen und das dritte machte Sommerferien (warum auch nicht, sollte ein Schwimmbad im Hochsommer wegen Ferien schließen?). Das letzte, das wir mittlerweile völlig entnervt und kurz vor dem Hitzschlag ansteuerten, bot dann aber paradiesische Zustände: Schwimmbecken draußen und drinnen, bequeme Liegen, die im Halbschatten zum Verweilen einluden, Palmen überall.

© Alexandra FaustWir waren begeistert! Nur der Eintrittspreis war uns armen Studenten viel zu teuer. Als wir uns wieder auf den Heimweg machen wollten, entdeckten wir zufällig auf der Rückseite des Gebäudes eine offene Hintertür. Ich wollte einfach daran vorbei gehen, doch nicht so meine brasilianische Mitbewohnerin! Sie meinte, das wäre die Chance, uns einzuschmuggeln und diesen Katastrophentag ohne den fiesen Eintrittspreis glücklich zu beenden. Mir allerdings kräuselten sich schon beim Gedanken daran, erwischt zu werden die Nackenhaare, und stur wie ein Esel beharrte ich darauf, dass wir nach Hause gehen sollten. „Oh Franzi, sei bloß nicht so deutsch! Was soll schon passieren? Sei doch mal risikobereit!“ war ihre Reaktion – aber was soll ich sagen, meine (vielleicht deutsche?) Sturheit gewann und zur Abkühlung gab es an diesem heißen Augusttag nur ein Eis und eine kalte Dusche zuhause.

Die Mischung macht’s

Ansonsten bin ich, glaube ich, nicht sonderlich „deutsch“. Mein WG-Zimmer sieht regelmäßig so aus, als hätte eine Bombe eingeschla-
gen (so viel zur deutschen Ordentlichkeit …), und wenn man Freunde und Familie nach meiner Pünktlichkeit fragen würde, gäbe es keine schönen Antworten. Deutsch sein ist halt irgendwie doch nicht wirklich einfach und vielleicht ist einfach eine gute Mischung aus allem das Beste.

© Franziska MollitorAllerdings muss ich sagen, dass auch andere Nationalitäten interessante Züge aufweisen, die dem Stereotyp-Deutschen sehr ähnlich sind. Nehmen wir z.B. die Portugiesen. Noch nie habe ich Menschen so ordentlich aufgereiht auf einen Bus warten gesehen, wie in Lissabon. Und wehe dem, der meint, sich an einen vermeintlich besseren Platz zu stellen! Aber so kann man sehen, dass nicht nur „wir Deutsche“ regelverliebt sind. Und bestimmt sind auch nicht nur „wir“ pünktlich oder unpünktlich und ordentlich oder unordentlich. Vielleicht sind Stereotype über Nationalitäten einfach ein überzogenes, veraltetes Konzept.

Aber diese Diskussion anzufangen ist mir jetzt zu mühselig. Ich gehe dann lieber mal in meiner Lederhose einen Krug Bier trinken – oder nicht?!
Franziska Mollitor:
‪ gebürtige Berlinerin, grenzgängerisch tätig bisher in Frankreich und Portugal und zur Zeit in Köln. Studiert Geschichte sowie Romanistik - Portugiesisch und mag Wörterbücher eher weniger - alles Wichtige lehrt das Leben!
März 2015

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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