Sprache und Kultur

Orpheu- Die Wiege der portugiesischen Moderne
Zum 100. Geburtstag des revolutionären Literaturmagazins

© Eva GürStatue von Mário de Sá-Carneiro © Jaime Silva | https://www.flickr.com/photos/20792787@N00/3512032635/
Eine Revolution in zweieinhalb Ausgaben: das Orpheu Magazin modernisierte die portugiesische Literatur in einer Zeit, in der jeder Fortschritt nur Skandal heißen konnte. Fünf Jahre nachdem die erste portugiesische Republik errichtet wurde und das Land politisch wie gesellschaftlich noch ungefestigt war, erschien im März 1915 die erste Ausgabe. Wir feiern diesen Skandal heute, 100 Jahre später, noch immer!


Der Wunsch mit Traditionen zu brechen und die Denkweise ihrer Zeit zu ändern trieb eine Gruppe junger Intellektueller in Lissabon an, eine Literaturzeitschrift herauszubringen. Ihr Ziel? Schockieren. Es war der Skandal, der die portugiesische Literatur in die sogenannte erste Moderne katapultierte. Die Auflehnung gegen Romantik, Naturalismus und alle konservativen Formen des ästhetisch-literarischen Diskurses im Portugal von damals wird hauptsächlich mit den Autoren, Künstlern und Herausgebern des Magazins Orpheu in Verbindung gebracht. Unter Anderem waren das Fernando Pessoa, Mário de Sá-Carneiro, António Ferro und José Pacheko.

Zweieinhalb Ausgaben machen eine Revolution

© Freie Wikipedia Lizenz Das Magazin sollte vierteljährlich erscheinen, überlebte aber aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nur zwei Ausgaben. Die dritte war schon in Arbeit, wurde aber nicht mehr veröffentlicht. Nichtsdestotrotz veränderte das Magazin die damalige Literatur und heute, 100 Jahre später, spricht man noch immer darüber. Damit haben Fernando Pessoa und seine Dichter- und Künstlerkollegen ihr grundlegen-
des Ziel erreicht: Aufmerksamkeit erzeugen! Mit Spott und Empörung reagierte die gewissen-
hafte Elite und Journalisten zerrissen sich das Maul. Die Zeitung A Capital kritisierte, dass „diese armen Jungen doch nichts weiter wollen, als dass man über sie spricht.“ Und wenn es doch keine lobenden Worte waren, die Orpheu erntete, wusste die Gruppe um das Magazin, die „Generation Orpheu“, mit dieser Art von Öffentlichkeit umzugehen. Denn wie schon Oscar Wilde sagte: „The only thing worse than being talked about is not being talked about.”, was soviel heißen mag wie: „Es gibt keine schlechte Werbung.”

„Wir sind das Gespräch des Tages in Lissabon!”

So schrieb Fernando Pessoa an seinen Brieffreund und geschätzten Kollegen Armando Côrtes-Rodrigues im April 1915: „Wir sind das Gespräch des Tages in Lissabon; ohne Übertreibung, sage ich Ihnen! Der Skandal ist gewaltig. Man zeigt auf der Straße mit dem Finger auf uns, und alle Leute, selbst Nichtliteraten, sprechen von Orpheus.“

© Eva GürLiteraturhistorisch ist das Magazin im internationalen Kontext von Futurismus, Imaginismus und Dadaismus einzuordnen. Gedichte im Stil von Pessoas erfundenem Paulismo aber auch futuristische Texte von seinem ersten Heteronym Álvaro do Campos oder provozierende Zeilen von Sá-Carneiro machten das Magazin zu etwas so Außerge-
wöhnlichem, dass die Macher von Orpheu von Kritikern ganz einfach als verrückt erklärten wurden. Gefangen in einem politischen und gesellschaftlichen System mit dem ihr Gemüt so absolut nichts anfangen konnte, versuchte die Gruppe ein Zeichen zu setzen. „Wir müssen dieses Magazin durch-
setzen, denn es ist die Brücke, auf der unsere Seele in die Zukunft schreiten wird.“, erklärte Fernando Pessoa. Dieses Gefühl kann man ganz leicht in die heutige Zeit projizieren.

Kommt uns das nicht allen ein bisschen bekannt vor? Hat nicht jede Jugend mit ihrer eigenen inneren Revolution zu kämpfen? Wenn wir ehrlich sind, wollen wir heute doch auch nichts anderes, als dass man über uns spricht. Einen epochalen Wandel in der Literatur haben wir aber schon lange nicht mehr ausgelöst.
Eva Gür
hat in Deutschland Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Multimedia-und Musikjournalismus studiert. Sie hat für diverse Rundfunk- und Kultureinrichtungen gearbeitet. Aus Liebe zu Sprache und Kultur lebt sie seit einem Jahr in Lissabon und beschäftigt sich mit der portugiesischen Kulturszene.

Copyright: Tudo Alemão
März 2015

Originalsprache: Deutsch.
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