Sprache und Kultur

Sprache und Identität – eine Reflexion

© Johanne Peito © Johanne PeitoWir verwenden sie jeden Tag, ganz automatisch, selbstver-
ständlich und oft ohne zu reflektieren: die Sprache. Unsere Muttersprache beherrschen wir so gut wie perfekt, wir sind mit ihr aufgewachsen und können uns gar nicht daran erinnern, sie jemals gelernt zu haben. Die Muttersprache ist einfach da, sie wird einem sprichwörtlich mit in die Wiege gelegt. Ich bin mit zwei Sprachen großgeworden, einer Mutter- und einer „Vatersprache“.


Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater kommt aus Portugal. Ich selbst bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, besitze aber auch die portugiesische Staatsbürgerschaft. Letztes Jahr, mit 24 Jahren, habe ich zum ersten Mal für eine längere Zeit in meiner zweiten Heimat Portugal gelebt und eine ganz neue Seite an mir entdeckt: meine portugiesische Seite. Johanne wurde zu Joana.

© Célia MateusDie Sprache ist ein elementarer Bestandteil unserer Identität. Wir definieren uns darüber, was wir sagen, wie wir es sagen und wie es beim Anderen ankommt. So funktioniert Kommunikation und durch Kommunikation entsteht letztendlich Identität, weil wir erst durch die Abgrenzung zu Anderen uns selbst definieren. Schwierig wird es allerdings, wenn das, was wir sagen, falsch oder gar nicht ankommt. Manchmal auch, wenn wir nicht wissen, was wir sagen sollen, uns die Worte fehlen und Stille entsteht. Wer eine (Fremd-)Sprache lernt, der kennt diese Situationen nur allzu gut. Es frustriert, wenn einem etwas auf der Zunge liegt, es aber nicht so richtig aus dem Mund heraus will. Wenn man die sprachlichen Ausdrücke für seine Gedanken und Gefühle nicht kennt. Ein Gespräch bleibt dann meist auf der Oberfläche, hangelt sich an Floskeln und Alltagsphrasen entlang.

Als ich in meinen ersten Tagen in Portugal das erste Mal so richtig mit Portugiesen in meinem Alter Kontakt hatte, musste ich feststellen, dass mir ein bestimmtes Sprachregister fehlte - die Jugendsprache. Ich hatte mich zuvor immer ganz natürlich in dem Portugiesisch meines Vaters und meiner Großeltern ausgedrückt. Als ich dann plötzlich versuchte, die Sprache meiner portugiesischen Freunde zu übernehmen, kam mir alles seltsam falsch vor. Aus meinem Mund klang bué (Begriff für cool, viel, geil) gar nicht so cool und diese typisch jugendsprachlichen, unvollendeten Sätze hörten sich aus meinem Mund ganz komisch an. Ich musste irgendwie erst meine „eigene Sprache" finden, die portugiesischen Begriffe an mich anpassen beziehungsweise mich an sie anpassen und so in die Sprache hineinwachsen.

 © Johanne PeitoIch habe das Gefühl, dass sich der Mensch eher an die Sprache anpasst, als sich die Sprache an den Menschen. Wenn ich Portugiesisch spreche, ist meine Tonlage eine andere, meine Sprachmelodie abwechslungsreicher. Als meine Eltern einige Monaten später zu Besuch kamen, sagte meine Mutter, sie müsse sich erst einmal an die "neue Johanne" gewöhnen, die portugiesische Johanne. Meine sprachliche Weiterentwicklung hat also auch mich ein Stück weit verändert.

Eine Sprache zu lernen hat viel mit Zuhören zu tun. Zuhören und anschließend kopieren. So wie ich es bei meinen portugiesischen Freunden gemacht habe. Also habe ich mir etwas von den Portugiesen angeeignet, schlüpfe in eine andere Rolle, wenn ich ihre Sprache spreche. Die Rolle gefällt mir. Jetzt ist das Ziel, die Rolle immer perfekter zu können, sie irgendwann so perfekt zu beherrschen, dass sie keine Rolle mehr ist. Perfekt beherrschen heißt gar nicht mal, völlig akzentfrei zu sprechen und jede Vokabel zu kennen, sondern sich ganz und gar sicher zu fühlen und der neuen Sprache einen Hauch von sich selbst zu verleihen.
Johanne Peito
ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat aber auch portugiesische Wurzeln. Um ihre zweite Heimat Portugal besser kennen zu lernen, absolvierte sie ein Erasmus-Semester an der Universität Porto. In ihrem Master-Studium hat sich die 25-Jährige auf die Fächer Literatur und Medienpraxis sowie Germanistik spezialisiert. Nebenbei arbeitet sie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Studentenwerk Essen-Duisburg.

Copyright: Tudo Alemão
September 2015
Originalsprache: Deutsch

     

     
     

    „Mais alemão“

    Werbekampagne des Goethe-Instituts zur Förderung des Deutschunterrichts an portugiesischen Schulen

    Migration und Integration

    Migration verändert Kulturen   

    rumbo @lemania

    © rumbo @lemania
    Auf nach Deutschland!

    FuturePerfect

    © Future Perfect
    Geschichten für morgen - schon heute, für überall.

    Goethe-Institut Portugal

    Willkommen
    auf unserer
    Homepage!