Sprache und Kultur

Humor in Sachsen

THFO_Einkaufswagen_© Torsten Backofen (MDR) ZmF_Pressebild_Bühne © Steffen RinkaDa ich aus Riesa komme, hatte ich bis zum Abi hauptsächlich Kontakt zu Leuten aus Sachsen, mit denen ich allesamt die gleiche Art des Humors teilte. Witze bestanden für mich aus Sarkasmus, Zynismus, Wortwitzen, totalem Blödsinn und Selbstironie. Dass es innerhalb Deutschlands regionale Humorunterschiede gibt, wurde mir erst bei intensiverem Kontakt mit Kommilitonen und Kommilitoninnen aus anderen deutschen Regionen bewusst. So stellte ich mir irgendwann die Frage: Was unterscheidet denn unseren sächsischen Humor von anderen Regionen? Und warum werden die Sachsen und Sächsinnen in Deutschland als Witzfiguren angesehen, obwohl die Deutschen allgemein ja als humorlos bezeichnet werden?

Sachsen – Lachopfer der deutschen Nation

 Tom Pauls_Ilse Bähnert © Carsten NüsslerBei meiner Suche nach Antworten stieß ich auf das wunderbare Buch Deutschland, deine Sachsen – Eine respektlose Liebeserklärung von Tom Pauls und Peter Ufer. Die Autoren sagen, dass die Sachsen die Lachopfer der deutschen Nation geworden sind, weil sie sich selbst dazu machen lassen. Und damit haben sie recht, denn Menschen aus Sachsen sind selbstkritisch. Indem wir uns über uns selbst lustig machen, täuschen wir Schwäche vor, um durchzukommen. Bestes Beispiel ist hier der sächsische Komiker Olaf Schubert in seinem Pullunder. Gepaart mit einer leichten Unsicherheit, die er mit Lässigkeit zu überspielen sucht, bekommt das Publikum das Gefühl, dass er ungefährlich ist, wird durch Schuberts Wortakrobatik im Dresdner Dialekt aber im nächsten Moment eines Besseren belehrt.

Meine Lieblingsvertreter des sächsischen Humors

Dass sich der echte sächsische Witz im Alltag abspielt, beweisen „Zärtlichkeiten mit Freunden“, die dem Publikum zeigen, wie in Sachsen eine Bandprobe ablaufen kann. Die beiden Künstler Christoph Walther und Stefan Schramm alias Rico Rohs und Ines Fleiwa sind jung und lassen sich humoristisch kaum einordnen. Nur dass sie sächsische Komik auf die Bühne bringen, ist unbestreitbar. Was eigentlich eine Bandprobe sein soll, wird zu einem wunderbaren Spagat aus Lächerlichem und Schönem, Provokation und Herzensgüte, Verwirrung, Blödsinn und Genialität.

Im Kabarett nutzen Sachsen außerdem gern Figuren, in denen sie sich verstecken können, um offen zu sein. Bestes Beispiel ist hier Tom Pauls in seiner Rolle als Ilse Bähnert.
Auch Situationskomik ist Teil des sächsischen Humors, Traurigkeit nicht. Das zeigt das Duo „The Fuck Hornisschen Orchestra“ mit seinen tollen Liedern und den unverwechselbaren Tanzeinlagen.

Was unterscheidet Sachsens Humor von anderen Regionen?

 THFO_Einkaufswagen_© Torsten Backofen (MDR)Alle hier genannten Künstler verbinden vor allem die Situationskomik und der sächselnde Wortwitz, der so typisch für die Menschen in Sachsen ist. Aber auch andere Regionen, wie Bayern, kennen sich mit Wortakrobatik aus. Was unterscheidet den sächsischen Humor also von anderen? Dieser Frage gehen auch Pauls und Ufer nach und finden Antworten: Von Bayern unterscheidet uns beispielsweise nicht nur die Selbstkritik, sondern auch der fehlende Hang zur Melancholie. Während sich die Bayern Pauls und Ufer zufolge schlichtweg mit dem Unvermeidlichen abfinden, geben sich die Sachsen zwar auch mit dem ab, was ist, hoffen aber „innerlich auf Veränderung, weil hinter dem scheinbar Unabänderlichen immer noch ein Einfall lauert.“

Auch zu anderen Regionen gibt es Unterschiede. „Mario Barth ist Berliner Humor, den der Sachse nur mit Mühe erträgt“, stellen Pauls und Ufer fest. Damit meinen sie die Angewohnheit der Berliner, sich über alle (anderen) lustig zu machen. Ein beliebtes Opfer ist hier die sächsische Bevölkerung. Diese wiederum „forgaggeiert“ (veralbert) sich zwar gern selbst, mag es aber nicht, wenn sie von anderen durch den Kakao gezogen wird, das schafft sie schon alleine. Ganz unter dem Motto: „Der Sachse denkt erst und redet dann“ üben wir uns in Selbstkritik und wollen andere nicht aufklären, sondern uns selbst erklären.

Wir denken um den heißen Brei herum

ZmF_Pressebild_Allgemein © Edgar SchröterDie Antwort auf die oben gestellten Fragen würde ich also wie folgt beantworten: Unser sächsischer Humor lässt sich durch Selbstkritik, Wortwitz, Absurdität und eine Liebenswürdigkeit beschreiben, die Vertreter und Vertreterinnen aus anderen deutschen Regionen dazu veranlasst, uns und unseren Dialekt ins Lächerliche zu ziehen, was wir hinnehmen, obwohl wir es besser wissen.
„Und weil der Sachse noch Ideale hat, die die Wirklichkeit permanent infrage stellen, fallen ihm Witze ein. Lächerlich schön. Der sächsische Humor spiegelt das Wesen des Sachsen wider: Er denkt um den heißen Brei herum. Aber er denkt.“

Buchempfehlung:
Pauls, Tom / Ufer, Peter (2015): Deutschland, deine Sachsen. Eine respektlose Liebeserklärung. Berlin: Aufbau Verlag.
ISBN: 978-3-7466-3117-2

Wenn du herausfinden möchtest, ob auch in dir ein kleiner Sachse steckt, empfehle ich folgende Videos:


Zärtlichkeiten mit Freunden
The Fuck Hornisschen Orchestra
Tom Pauls
Olaf Schubert
Nastasia Herold
‪ studierte Lusitanistik und Französistik in Leipzig. Zu Studienzwecken verbrachte sie einige Monate in Portugal (Universidade de Lisboa) und Québec. Im Oktober 2012, noch während des Masterstudiums, gründete sie die Firma "Culture Mondial". Mit dem Unternehmen hat sich Nastasia auf weltweite interkulturelle Informationsarbeit spezialisiert.
Mehr unter www.culture-mondial.com

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Januar 2016

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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