Sprache und Kultur

Portugal auf der Leipziger Buchmesse

THFO_Einkaufswagen_© Torsten Backofen (MDR)© Ana Patrícia Severino/Embaixada de Portugal em BerlimDie Buch- und Literaturtradition Leipzigs ist eine der bemer-
kenswertesten Deutschlands. Auf 170 Einwohner kam bereits 1780 ein Schriftsteller (in Berlin war das Verhältnis 1:675). Die Zensur war liberal, und da es keinen Zunftzwang gab, war die Stadt ein sehr attraktiver Standort für Verlage. Die freie geistige Atmosphäre machte Leipzig zur deutschen Metropole für Buch-
handel und überholte Frankfurt im 17. Jahrhundert weit an Bedeutung. Den vordersten Rang als Buchhandel-Metropole konnte sich Frankfurt erst nach 1945 wieder zurückholen.


Der portugiesische Messeauftritt

Heute besitzt Leipzig mit 186.000 Besuchenden (2015) (Tendenz steigend) die zweitgrößte Buchmesse Deutschlands. Dieses Potenzial haben sich dieses Jahr (17.-20. März) auch die Botschaft von Portugal und das Instituto Camões zunutze gemacht, indem sie portugiesische Bücher erstmals an einem eigenen Stand präsentierten. Und nicht nur das: Sie haben auch die Autoren Rui Zink, David Machado und João Tordo, sowie die Schriftstellerinnen Hélia Correia und Alexandra Lucas Coelho einfliegen lassen, um dem deutschen Publikum portugiesische Literatur und Mentalität näher zu bringen. Und das ist ihnen mehr als gelungen.

Lesungen portugiesischer Textschaffender

Hélia Correia ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Portugals und erhielt 2015 den Prémio Camões, die höchste literarische Auszeich-
nung Portugals. In den Texten, die sie vorlas, wurde deutlich, dass sie die portugiesische Sprache liebt und der Kunststil Realismus sowie feste Formvorgaben in Prosa und Lyrik nicht Teil ihrer Werke sind.

© Ana Patrícia Severino/Embaixada de Portugal em BerlimDavid Machado stellte seinen dritten Roman Índice Médio de Felicidade vor, für den er den Literaturpreis der Europäischen Union 2015 gewonnen hat. Der Roman handelt von einem wütenden Protagonisten in Machados Alter, der Inhaber einer Schuhwerk-
statt ist. Der Autor bettet die Ge-
schichte in Portugals wirtschaftliche Situation ein, wo Kleinläden in den letzten Jahren von riesigen Einkaufszentren verdrängt wurden und die Wirtschaftskrise ihr Übriges tat.

João Tordo las aus seinem Roman Stockmans Melodie, der nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Das Werk behandelt die Themen Identität und Doppelgänger: Ein portugiesischer Jazzmusiker kehrt nach erfolglosen Jahren in Montreal nach Lissabon zurück und geht eines Abends auf das Konzert eines gefeierten Jazzkomponisten, wo er seinen Ohren nicht traut, weil dieser eine Melodie des zurückgekehrten Musikers spielt. Als er später auf der Straße auch noch mit diesem Musiker verwechselt wird, begibt er sich auf die Suche nach seinem Kollegen und nach der eigenen Identität.

Alexandra Lucas Coelho ist Journalistin und Schriftstellerin und las unter anderem aus ihrem neusten Roman O meu amante de domingo vor, mit dem sie mit der Mythologie des portugiesischen Jammerns brechen und stattdessen Wut und Widerstand darstellen will. Es handelt von einer Frau in den Fünfzigern, die einen Mann auf möglichst schmerzhafte Weise töten will.

Die Messe und Deutschland aus portugiesischer Sicht

Hélia Correia © Nastasia Herold Im Gespräch mit diesen vier literarischen Koryphäen Portugals konnte ich ein wenig über ihre Beziehung zu Deutschland und zur Buch-
messe Leipzig erfahren. Für Lucas Coelho zum Beispiel spielt Literatur deutschsprachiger Autoren seit ihrer Jugend eine große Rolle. Besonders geprägt haben sie Thomas Mann, Goethe, Musil und Rilke. Hélia Correia lehnt Einladungen zu Messen normalerweise ab, weil ihr das marktschreierische Verkaufen von Literatur nicht gefällt. Von Leipzig wurde ihr jedoch berichtet, dass hier die Konzentration auf den Texten und den Lesenden liegt (das während der Messe stattfindende Lesefestival Leipzig liest gilt als das europaweit größte seiner Art). Tatsächlich war sie sehr erfreut, festzu-
stellen, dass das wirklich stimmt. Das einzige, was die Schriftstellerin, die mit vier Jahren lesen lernte und der mit sechs Jahren wegen Erschöpfungszustand ein einjähriges, ärztlich verordnetes Leseverbot ausgesprochen wurde, auf der Leipziger Buchmesse stört, ist, dass sie kein Deutsch spricht und damit die unglaublich vielen Bücher nicht lesen kann.

Auch Tordo und Machado waren von der Buchmesse sehr angetan. Für beide ist es zwar nicht die erste Autorenreise nach Deutschland, jedoch ihr erster Besuch auf der Leipziger Buchmesse. Ihre Lesungen waren so gut besucht, dass viele Zuhörende stehen mussten. Diesen Andrang sind sie, wie sie sagten, aus Portugal nicht gewöhnt, da nach ihren Beobachtungen dort viel weniger Bücher gekauft werden als in Deutschland.

Wie kam der portugiesische Auftritt an?


Die portugiesische Botschaft und das Instituto Camões verrieten zu Beginn der Messe, dass sie auch in den kommenden Jahren einen Stand unterhalten möchten, sofern dieses Jahr eine gute Nachfrage festzustellen sei. Meiner Einschätzung nach waren nicht nur die Lesungen sehr gut besucht, sondern auch der Portugal-Stand an sich. Das liegt nicht nur an der starken Nachfrage nach portugiesischer Literatur, sondern auch an dem toll ausgestatteten Portugal-Stand und der unglaublich guten Auswahl an eingeladenen Schriftstellern und Schriftstellerinnen aus Portugal.

Und somit freue ich mich schon auf die Buchmesse 2017!
Nastasia Herold
‪ studierte Lusitanistik und Französistik in Leipzig. Zu Studienzwecken verbrachte sie einige Monate in Portugal (Universidade de Lisboa) und Québec. Im Oktober 2012, noch während des Masterstudiums, gründete sie die Firma "Culture Mondial". Mit dem Unternehmen hat sich Nastasia auf weltweite interkulturelle Informationsarbeit spezialisiert.
Mehr unter www.culture-mondial.com

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Mai 2016

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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