Sprache und Kultur

Wie jetzt? Du feierst kein Weihnachten?

© Sümeyye Yil© Sümeyye YilLeere Straßen, geschlossene Geschäfte, eine weiße Decke aus Schnee - Zeit für die Zusammenkunft mit Familie und Freunden. Wie sagt man so schön? Weihnachtszeit ist die schönste Zeit im Jahr! Nahezu einen Monat lang laufen die Vorbereitungen für den 24. Dezember. Die Vorweihnachtszeit beginnt mit dem ersten Sonntag im Dezember, dem ersten Advent, und läuft vier Wochen lang. In dieser Zeit wird das Haus geschmückt und die meisten Kinder bekommen einen Adventskalender mit 24 Türchen bis zu Heiligabend. Am großen Tag werden der Tisch reichlich gedeckt und Geschenke unter dem Weihnachtsbaum platziert, bevor Familie und Freunde zusammenkommen.
Weihnachten ist für alle da

So wird Weihnachten in Deutschland traditionell gefeiert – auch wenn hier längst nicht alle Weihnachten feiern. In Deutschland gehören laut dem Statistischen Bundesamtes 70,5% (2001)* der Bevölkerung dem christlichen Glauben an. Somit gehört Deutschland zu den europäischen Ländern mit der größten Anzahl an nichtchristlicher Bevölkerung und besitzt somit auch eine große Anzahl an Bürgern, die kein Weihnachten feiern.
Als Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund gehöre ich der größten nichtchristlichen Religionsgemeinschaft in Deutschland, den Muslimen, an. Zwar besteht unser 24. Dezember aus einem hauptsächlich schlechten Fernsehprogramm mit mindestens drei Wiederholungen desselben Filmes, jedoch freue ich mich trotzdem jedes Jahr auf die Weihnachtszeit - und das nicht nur wegen der Lebkuchen und Plätzchen.

© Derya KizilkayaEin Einwanderungsland zu sein bedeutet im Rückschluss reich an vielen verschiedenen Kulturen zu sein, reich an Traditionen und Bräuchen. In Deutschland werden diese weihnachtlichen Bräuche mit allen Mitbürgern geteilt, unbeachtet des kulturellen oder religiösen Hintergrundes. Schon im Kindergarten und in der Schule werden zusammen Theaterstücke organisiert, Weihnachtslieder gesungen und Geschenke ausgetauscht. Das Stadtzentrum wird geschmückt und ein großer Weihnachtsmarkt wird veranstaltet. Spätestens mit der Weihnachtskrippe im Miniaturformat, die Jesu Geburt im Nahen Osten darstellt, besinnen sich Ost und West ihrer gemeinsamen Wurzeln. Eben mit diesem, man könnte fast sagen, interkulturellen, Austausch zur Winterzeit bin ich aufgewachsen, habe ihn lieben und schätzen gelernt.

Feste der Liebe

In meiner Familie wird zwar kein Weihnachten gefeiert, jedoch ist für uns ein vergleichbares Fest, das sogenannte „Eid", am Ende des Fastenmonats Ramadan. Während des Ramadans fasten Muslime von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und geben Almosen an Arme, um den Menschen zu gedenken, die es am nötigsten haben. Das Fasten wird in der Regel mit Gästen gebrochen. Es ist eine Zeit der Gemeinschaft: Auch Nichtmuslime werden eingeladen, öffentliche „Iftar"- Essen werden veranstaltet, um sie an dieser Erfahrung teilhaben zu lassen. Auf diesen Monat folgen vier Feiertage, vergleichbar mit den Weihnachtstagen. Nach dem gemeinsamen Gebet wird ein großes Frühstück organisiert, Freunde und Familie werden eingeladen, Geschenke ausgetauscht und es folgen zahlreiche kalorienreiche Verwandtschaftsbesuche.

Sei es Weihnachten oder Eid, wir sollten diese Feste auch als Chance sehen, uns besser kennenzulernen, als Möglichkeit der Zusammenkunft und des Dialoges. Ich kann durchaus behaupten, dass Weihnachten inzwischen auch ein Teil meiner Kultur geworden ist. Genauso wie ich mich auf den Ramadan freue, freue ich mich auch auf die Weihnachtszeit, die Zusammenkunft und die Besinnlichkeit - eine Ausnahme sind dabei natürlich die zusätzlichen Kilos auf der Waage...

© Sümeyye YilStatt also von zwei getrennten Kulturen zu reden, die sich in einer Person vereinen, wäre es für meine Generation passender, von einer neuen Kultur zu sprechen, die wir uns angeeignet haben. Eine Verschmelzung beider Kulturen zu einem Ganzen, das das Beste aus beidem repräsentiert. Ich empfinde es deshalb als das größte Glück, eine solche Zwischenkultur zu besitzen, mit nicht nur einem, sondern gleich zwei Festen der Liebe – wobei das eine kulturell, das andere religiös zu meiner Identität gehört.

In diesem Sinne: Frohes Fest! Und nicht vergessen: Liebe, Glück, Kultur... Alles vermehrt sich, wenn man es teilt!
Derya Kizilkaya
ist geboren und aufgewachsen in der Nähe von München. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Porto, studiert sie derzeit Kommunikationswissenschaften an der Nova Universität Lissabon und parallel auch Sprachen, Literaturen und Kulturen an der Universität Lissabon. Als Deutsche mit türkisch-kurdischen Migrationshintergrund, Leidenschaft und Leben in Portugal, ist sie Weltbürgerin zwischen den Kulturen.

Copyright: Tudo Alemão
Dezember 2016

Orignalsprache: Deutsch

     

     
     

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