Sprache und Kultur

Poetry-Slam – Kunst, Hobby und Beruf

Tobi HeyelMalte_Pressefoto_by Tobi Heyel„Kann man davon leben?“, werden Kunst- und Kulturschaffende in Deutschland häufig gefragt. Die Antwort ist oft: Ja, wenn man es richtig anstellt und gewisse Voraussetzungen erfüllt. In einem Gespräch mit zwei gestandenen Poetry-Slammern aus Leipzig habe ich versucht herauszufinden, was die beiden an dem Dichterwettstreit (Poetry Slam - freundschaftlicher Dichterwettstreit) so fasziniert und inwiefern sie ihr Spoken-Word-Talent beruflich weitergebracht hat. Beide sind international vernetzt und haben auch bereits auf Bühnen nicht-deutschsprachiger Länder gestanden.

Leipzig – ein fruchtbarer Boden für Slam

In einer Studienstadt wie Leipzig wird Kultur groß geschrieben und Literatur nimmt wegen ihrer langen Tradition in der Messe- und Verlagsstadt eine ganz besondere Rolle ein. Es gibt überall Cafés, die auch Lesungen organisieren, und regelmäßig stattfindende Events wie der „Tille-Slam“ ziehen jeden Monat aufs Neue ca. 300 junge Leute in die Distillery. „Warum funktioniert das Format „Poetry-Slam“ in Deutschland so gut?“, fragte ich daher den Slammer Malte Jonathan Roßkopf (29), der in Leipzig und Berlin zu Hause ist. „Poetry-Slam besetzt in Deutschland eine Schnittstelle zu Kabarett und Comedy, die für Studierende zugänglicher ist. Außerdem gibt es im Slam gute Leute, die gute Unterhaltung bieten – und das zu fairen Preisen.“ Nils Straatmann alias Bleu Broode (29) ergänzt, dass die Texte in Deutschland länger sind (5-7 Minuten) als in anderssprachigen Ländern. Da auch die Nachwuchsförderung sehr gut ist, sind Auftretende und Publikum oft in etwa gleich alt.

Bleu Broode by Pierre Jarawan (Ausschnitt)Bleu Broode mag am Poetry-Slam besonders die Mischung: „Anfänger und Profis, Lyrik und Prosa, ernste und lustige Texte – Slam ist eine Wundertüte. Außerdem finde ich die Kollegialität super, viele meiner besten Freunde habe ich im Slam kennengelernt.“ Malte begeistert die Sprachfähigkeit – also die Sprachkunst in einigen Texten. „Witz, Sprachbegabung, Sprachbegeisterung und Tiefe der Texte finden im Poetry-Slam eine Bühne, die sie weder im Kabarett, noch in der Stand-Up Comedy oder im Hip Hop hätten. Die Nähe zu Comedy oder Kabarett eröffnet den Slammern auch ein Berufsfeld: Viele ehemalige Slam-Poeten und -Poetinnen verdienen heute ihr Geld mit Comedy oder gewinnen deutsche Kabarettpreise.“

Wie verbindet ihr nach zehn Jahren Slam-Erfahrung heute Poetry-Slam und Beruf?

Malte ist derzeit Doktorand in Rechtswissenschaften und sagt, dass der Slam ihm das Studium finanziert und er auf der Bühne gelernt hat, wie er auf Menschen wirkt und wirken kann. Auch wenn er nicht hauptberuflich Kleinkünstler oder Moderator sein möchte, wird er weiter mit der Bühne verbunden bleiben, und die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen, das er durch Auftritte vor großem Publikum gewonnen hat, werden ihm beim eigenen Auftreten im Beruf definitiv von Vorteil sein. Bleu, der als Autor unter seinem bürgerlichen Namen Nils Straatmann mittlerweile Reisebücher schreibt und Literatur zu seinem Hauptberuf gemacht hat, sagt mit einem Grinsen, dass Poetry-Slam der angenehmste Teil seines Berufs ist – der mit dem höchsten Spaßfaktor.

Was ihr in Deutschland nicht verpassen solltet

Malte_ by LISA GLS Photography (Ausschnitt)Zum Schluss wollte ich noch wissen, was Bleu und Malte als Kenner der deutschen Kultur portugiesischen Deutschlandinteressierten empfehlen würden, die diesem Land gerne mal einen Besuch abstatten möchten. Malte: „Berlin und Leipzig kann man sich durchaus mal anschauen. Am besten ist es allerdings, interessante Leute zu treffen, egal wo in Deutschland. Trefft coole Einheimische, die euch und euren Wünschen gegenüber aufgeschlossen sind und mit denen ihr definitiv losziehen könnt. Leute sind immer am wichtigsten, egal, wo man ist.“

Bleu: „Ich würde empfehlen, sich einen Slam anzugucken, weil das zeigt, wie man mit der deutschen Sprache spielen kann, und die Performance unterstützt den Text, sodass man es besser versteht. Am besten guckt ihr euch einen Slam in Hamburg an, weil die Stadt die coolste Szene und die coolsten Events hat. Ein Fußballspiel in Deutschland sollte man sich auch anschauen. Und esst deutsches Essen, es ist besser als sein Ruf. Und generell würde ich sagen: Geht im Wald spazieren. Ich habe mir sagen lassen, dass man das woanders nicht so macht, im Wald spazieren zu gehen.“
Nastasia Herold
‪ studierte Lusitanistik und Französistik in Leipzig. Zu Studienzwecken verbrachte sie einige Monate in Portugal (Universidade de Lisboa) und Québec. Im Oktober 2012, noch während des Masterstudiums, gründete sie die Firma "Culture Mondial". Mit dem Unternehmen hat sich Nastasia auf weltweite interkulturelle Informationsarbeit spezialisiert.
Mehr unter www.culture-mondial.com

Copyright: Tudo Alemão
September 2018

Originalsprache: Deutsch
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