Sprache und Kultur

Schnackst du Platt?

Foto: © Janika Rehak
Sarah (links) und Johanna mit der Teilnahmeurkunde am Plattdeutsch-Lesewettbewerb, Foto: © Janika Rehak

Im Norden Deutschlands scheint das Sprechen des plattdeutschen Dialekts auf dem Rückzug zu sein. Vereine und schulische Arbeitsgemeinschaften wollen dem entgegenwirken – und wecken dabei auch Leidenschaft für das „Platt“ unter jungen Menschen mit Migrationshintergrund.

Mit gerunzelter Stirn beugt sich Johanna über den Text. „Dieses Wort habe ich ja noch nie gesehen. Wie spricht man das bloß aus?“ Ihre Freundin Sarah schaut ihr über die Schulter und hat eine Idee: „Wir können uns das ja mal bei Youtube anhören.“ Die Schülerinnen aus Achim, Niedersachsen (beide 15 Jahre alt), lernen nicht für ihre Englisch-Hausaufgaben. Sie trainieren für einen plattdeutschen Lesewettbewerb. Das Besondere dabei: Johanna hat polnische Wurzeln, Sarahs Familie stammt aus dem Libanon.

Der plattdeutsche Dialekt stirbt aus

Plattdeutsch (kurz: „Platt“) oder auch Niederdeutsch wird vor allem in Ost- und Nordfriesland, dem Emsland, den ehemaligen Hansestädten wie Bremen, Hamburg oder Lübeck sowie in der Lüneburger Heide gesprochen. Strenggenommen ist es keine eigene Sprache, sondern eine Dialektform, die sich aus dem Altsächsischen entwickelt hat.

In Schulen wird jedoch erwartet, dass die Kinder hochdeutsch – also dialektfreies Deutsch – reden. Daher sprechen die meisten nur noch zu Hause Platt – wenn überhaupt. Denn viele Eltern bringen ihren Kindern diese Mundart gar nicht mehr bei, um ihnen bei Schuleintritt Verwirrung, ein mühsames Umtrainieren und eventuelle Lernschwierigkeiten zu ersparen. Die Folge: Immer weniger junge Menschen beherrschten das Plattdeutsche, es „stirbt“ langsam aus. Daher werden in Norddeutschland verstärkt Vereine gegründet, die sie sich der Pflege und dem Erhalt des Niederdeutschen verschrieben haben. An Schulen werden Arbeitsgemeinschaften gegründet und als kleiner Anreiz Lesewettbewerbe ausgeschrieben.

„Dr. Plattdeutsch“ war der Gewinner des Kurzfilmwettbewerbs 2013 des ZFN (Zentrum für Niederdeutsch).

Polnisch, Arabisch, Plattdeutsch

Zu Hause haben Johanna Brylowski und Sarah Omar absolut keinen Kontakt mit dem Plattdeutschen. Johanna spricht mit ihren Eltern fast ausschließlich polnisch, in Sarahs Familie wird überwiegend deutsch und auch arabisch gesprochen. In der Schule lernen beide Englisch, Johanna außerdem noch Französisch. „Ich wurde von einer Lehrerin gefragt, ob ich Lust hätte, es einmal mit diesem Wettbewerb zu versuchen“, erzählt Johanna. Anschließend hat sie Sarah davon erzählt und auch deren Interesse geweckt.

Doch im Gegensatz zu den Schülern, die zu Hause oder in der Verwandtschaft Plattdeutsch sprechen, mussten sich Johanna und Sarah erst einmal an die Sprache herantasten. „Manche Wörter sind total anders als im Deutschen“, findet Johanna. Sie hat sich von ihren Nachbarn helfen lassen, die perfekt Plattdeutsch beherrschen. In Sarahs näherem Umfeld spricht niemand Platt, deshalb griff sie auf das Internet zurück. „Ich habe mir einfach Texte vorlesen lassen“, berichtet sie. „Damit habe ich ein ganz gutes Gefühl für die Aussprache und die Betonung bekommen.“

Sprechhemmungen müssen überwunden werden

Für den Lesewettbewerb durften sich die Teilnehmer selbst einen kurzen Text aussuchen, diesen einstudieren und mussten ihn dann vor einer Jury vortragen. Johanna und Sarah haben fleißig geübt – und hätten angesichts der Konkurrenz beinahe kurz vorher doch noch aufgegeben. „Ein paar andere Teilnehmer waren vor uns dran“, so Johanna. „Und die waren richtig gut.“ Sarah bestätigt: „Die haben sich angehört, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen, als Plattdeutsch zu sprechen. Ich wäre am liebsten geflüchtet.“ Johanna nickt: „Ja, da wäre ich mitgekommen.“

Schließlich haben die beiden es aber dennoch durchgezogen, trotz jeder Menge Lampenfieber. „Ich glaube, ich habe gestottert und tausend Fehler gemacht“, berichtet Johanna und lacht.

Muttersprachler haben (noch) die Nase vorn

Gewonnen haben die beiden tatsächlich nicht, die ersten drei Platzierungen wurden an andere Teilnehmer vergeben. Doch die Jury war längst nicht so kritisch wie die Schülerinnen selbst. Johanna war sogar für den dritten Platz im Gespräch.

Traurig sind die beiden darüber nicht. „Es war total spannend, einfach dabei zu sein“, findet Sarah. Außerdem war Gewinnen gar nicht Sinn der Sache: „Wir haben eine ganz neue Sprache für uns entdeckt“, so Johanna. Wenn die beiden nun „Platt“ hören, können sie bereits eine Menge verstehen. „Und Wörter, die wir nicht kennen, erschließen wir uns einfach aus dem Zusammenhang.“ Nur mit dem Sprechen hapert es bei beiden noch ein bisschen. „Verstehen klappt super, vorlesen auch“, so das Fazit der Schülerinnen. „Freies Sprechen trauen wir uns noch nicht zu“, räumt Sarah ein. „Aber“, ergänzt Johanna, „vielleicht lernen wir das ja noch.“

Janika Rehak

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag Januar 2016

     

     
     

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