Sprache und Kultur

Schnacken, ratschen, plaudern

(c) Marina Hader© Marina HaderIn Hamburg wird „geschnackt“, in München „geratscht“ und „geplaudert“ wird überall ein bisschen....

In einer englischen Zeitschrift las ich neulich „we don’t trust those who change their accent“. Der Satz blieb mir im Gedächtnis; wohl, weil er einen Eindruck formulierte, den ich zuvor nicht in dieser Deutlichkeit zu fassen bekommen hatte: Wer seinen Dialekt oder Akzent verändert, muss sich unweigerlich ein wenig verstellen und wirkt dadurch weniger authentisch. Und trotzdem mühen sich gerade deutsche Dialektsprecher häufig, ihren Dialekt möglichst klein oder unbemerkbar zu halten und das zu sprechen, was als „Hochdeutsch“ oder „Standarddeutsch“ bezeichnet wird.

Zur Frage, warum Dialektsprecher in manchen Situationen vermeiden, Dialekt zu sprechen, führt die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem kürzlich veröffentlichten Artikel unterschiedliche Gründe auf: Wer Dialekt spräche, würde laut des Artikels weniger Ernst genommen, im Berufsleben belächelt oder gar gemobbt aufgrund bestimmter Konnotationen, zum Beispiel würde der Thüringische Dialekt manchmal mit rechten Gesinnungen assoziiert.

Sind Dialekte also unweigerlich negativ?

Welche Vorteile es hat, einem Dialekt mächtig zu sein, blieb in dem Artikel hingegen unerwähnt. So zeigen Studien, dass Dialektsprecher durch das Verstehen von Standardsprache und Dialekt eine Wahrnehmungstoleranz entwickeln. Das heißt, ihnen fällt es leichter, andere Dialekte und Akzente des Deutschen zu verstehen. Aber nicht nur in Bezug auf die deutsche Sprache haben Dialektsprecher einen Vorteil gegenüber Nicht-Dialektsprechern: Diese Wahrnehmungstoleranz gilt auch für Fremdsprachen, wodurch Dialektsprecher besser in Hörverstehensaufgaben im Fremdsprachenunterricht abschneiden. Mit Dialekt und Standarddeutsch aufzuwachsen, lässt sich in seinen Vorzügen also durchaus mit einer mehrsprachigen Erziehung vergleichen! (baby-und-familie.de, rero.ch)

© Marina Hader Die Erkenntnis, dass gesprochener Dialekt und die Erhaltung von Dialekt- und Sprachvielfalt durchaus wünschenswert sind, findet inzwischen auch auf politischer Ebene und bei den öffentlich-rechtlichen Sendern Gehör. So bieten zum Beispiel in Bayern manche Grundschulen und Kindergärten spielerischen Bairisch-Unterricht an und der bayrische Rundfunk erzählt seine Gute-Nacht-Geschichten für Kinder (Das Betthupferl um 19.55 auf Bayern 1) unter anderem auf schwäbisch, bairisch und fränkisch. In Leipzig werden Vortragswettbewerbe auf sächsisch veranstaltet, in Immenstadt bieten Schulen Theater-AGs im Allgäuer Dialekt an und in Hamburg lernen Grundschüler im Wahlpflichtfach Plattdeutsch. - Weil das Plattdeutsche nicht als Dialekt sondern als Regionalsprache eingestuft wird, wird seine Erhaltung im Rahmen der Europäischen Charta der Minderheitensprachen besonders gefördert.

Was heißt das für den Deutschunterricht?

Wie weit der Weg noch ist, bis Dialekte auch außerhalb ihrer Regionen als solche erkannt und akzeptiert werden, wird mir persönlich immer wieder bewusst, wenn mich andere Deutsche wegen meines gerollten, typisch Augsburgerischen „R“s danach fragen, ob ich osteuropäischen Migrationshintergrund habe (ganz offensichtlich deshalb, weil ihnen diese Variante des Deutschen völlig unbekannt ist). Eine Möglichkeit, kommenden Generationen zu vermitteln, welche Dialekte des Deutschen es gibt und dass diese nichts mit niedrigem Bildungsstand oder politischen Gesinnungen zu tun haben, wäre Dialekte mehr in den Deutschunterricht in Schulen einzubauen.
Wie Dialektvermittlung im Deutschunterricht gehen kann, zeigt meiner Ansicht nach der DaF-Unterricht am Goethe-Institut in Lissabon. Ich war sehr überrascht, als mich deutschlernende Portugiesen beim Praktikum am Goethe-Institut geografisch richtig einordneten: Im Deutsch-Kurs war ihnen vermittelt worden, dass eine Deutsche, die das ‚g’ in ‚lustig’ wie das ‚g’ in ‚gelb’ ausspricht, höchstwahrscheinlich aus dem Süden der Bundesrepublik stammt.
Marina Hader
lebt nach mehreren Stationen inzwischen in Amsterdam und entdeckt gerade das Niederländische und seine Variante des „R“sfür sich.

Copyright: Tudo Alemão
November 2018

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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