Sprache und Kultur

Augsburg, die Stadt, in der die Puppen tanzen

© Iris Wildfeuer© Elmar HerrFür viele Deutsche ist der Name meiner Geburtsstadt Augsburg synonym mit dem Wort „Puppenkiste“. Ich bin schon als kleines Kind oft in unserem Marionettentheater gewesen. Jetzt habe ich diese Erfahrung vor zwei Tagen als Erwachsene wiederholt. Gespielt wurde ein Kinderstück, „So Hi und das weiße Pferd“. Eine Geschichte über Freundschaft, ferne Länder und Abenteuer. Und am Ende sind durch das magische weiße Pferd alle Personen der Geschichte zu Freunden geworden. Kein Wunder, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene es genießen, in diese heile Welt einzutauchen!

Ein berühmter Augsburger Holzkopf

Von den Marionetten geht eine ganz eigene Magie aus: Kein Wunder, denn alle Puppen sind handgemacht, geschnitzt aus leichtem Lindenholz, und mit Ölfarben bemalt. Die Kleidung wird auch selbst genäht, Haare angeklebt und die Puppe so bis ins kleinste Detail ausgestattet. Puppenkisten-Marionetten unterscheiden sich an den Augen von anderen Marionetten: Diese sind ein Schuster- oder Polsternagel. Als Walter Oehmichen in 1948 kurz nach dem Krieg die Puppenkiste gründete, waren diese leicht zu beschaffen und günstig. Diese Tradition hat man bis heute beibehalten. Warum? Aufgemalte Augen sehen tot aus, in den Nägeln kann sich hingegen das Licht spiegeln und das gibt der Puppe einen Anschein von Lebendigkeit!

© Elmar HerrEine der ältesten, von Walter Oehmichen selbst geschnitzte und wohl auch die bekannteste Puppe ist der Kasperl - in richtigem Augsburgerisch natürlich „Kaschperl“ ausgesprochen! Der Kasperl eröffnete am 26.02.1948 die erste Vorführung der Augsburger Puppenkiste und ist noch heute eine wichtige Persönlichkeit. Er wurde schon als Sprecher ins Fernsehen eingeladen, zu „Wetten dass“ zum Beispiel. Der Kasperl ist jetzt 70 Jahre alt, aber er ist genauso spitzbübig, pfiffig und holzköpfig wie immer! Er wurde an seinem Geburtstag von der  Zeitung „Augsburger Allgemeine“ gefragt, ob er wohl bald in Rente gehen würde? Selbstverständlich nicht!  Denn was wäre die Puppenkiste ohne ihn? Werner Marschall, der augenblickliche Geschäftsführer der Puppenkiste und Enkel des Gründers, lässt es sich nicht nehmen, die Stimme des Kasperls selbst zu sprechen.

Die wichtige Rolle des Zuschauers im Marionettentheater

Aber die wirkliche Magie der Puppenkiste kreiert der Zuschauer selbst, indem er die Puppen für sich selbst zum Leben erweckt. Wie Michael Neumeir, der mir meine private Führung hinter die Kulissen ermöglicht, sagt: „Er muss sich auf das Marionettentheater einlassen, ein bisschen Fantasie mitbringen.“ Die meisten Zuschauer meistern dies sehr gut und sind sogar später überrascht herauszufinden, dass die Marionetten den Mund nicht bewegen. So realitätsnah ist die Kombination aus Spiel und Fantasie!

Wer zieht die Fäden hinter der Bühne?

Gespielt wird von zwei so genannten Spielbrücken in ca. 3 Metern Höhe aus, mit jeweils 4 Marionettenspielern pro Brücke. Dabei spielen die Marionettenspieler die auf der vorderen Brücke stehen mit dem Rücken zum Publikum und müssen jede Aktion ihrer Puppe spiegelverkehrt ausführen! Überhaupt ist die Aufgabe des Puppenspielers nicht einfach. Ein paar kleine Tricks haben die Spieler jedoch, um sich das Führen der Puppe am Spielkreuz zu erleichtern: Jede Puppe hat etwas Blei an den Füßen, somit kann der Spieler hören, wenn seine Puppe den Boden der Bühne berührt. Eine große Gefahr ist auch, dass sich die Fäden der Marionetten in den Bühnenbildern oder in denen der anderen Puppen verfangen. Aus diesem Grund trägt jeder Puppenspieler eine Schere in der Hosentasche um den Faden ggf. kurzerhand abzuschneiden.

Früher war alles noch etwas komplizierter, als die Puppenspieler noch die Puppen und deren Dialog gleichzeitig durchführen mussten. Jetzt wird der Ton auf Band abgespielt und so können auch berühmte Deutsche  wie bspw. Farin Urlaub von der Band „Die Ärzte“ oder Harald Schmidt den Puppen ihre Stimme leihen.

Puppenkiste im Fernsehen

© Iris WildfeuerDie meisten Deutschen kennen die Puppenkiste aus dem Fernsehen, wo vor Allem zwischen den Fünfzigern und Achtzigern die verschiedensten Geschichten gezeigt wurden. So wuchsen viele Deutschen mit Geschichten wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ oder „Urmel aus dem Eis“ auf.  Seit 2001 läuft die Puppenkiste leider nicht mehr im Fernsehen. Auch aus dem Archiv des Kinderkanals wurde sie verbannt: Sie sei zu langsam und nicht mehr zeitgemäß.

Es rappelt in der Kiste- noch immer!

Davon merkt man in der Puppenkiste selbst jedoch nichts. 95% aller Aufführungen sind ausverkauft, wer Karten will muss sich regelmäßig beeilen! Und nicht nur das: Auch in Japan, Saudi Arabien und den USA waren die Puppenspieler schon: Die Puppen begeistern überall. Auch gefilmt wird immer noch: Für das Kino. Jedes Jahr wird im gesamten deutschsprachigen Raum ein Weihnachtsstück der Puppenkiste in den Kinos gezeigt.

In Augsburg selbst findet man vielerorts kleine Anzeichen der Puppenkiste. Es gibt zum Beispiel eine Fußgängerampel in der Nähe der Puppenkiste auf der ein kleiner grüner Kasperl zu sehen ist. Und der Augsburger Fußballverein FCA überreicht seinen Gegnern bei Spielen eine Marionettenpuppe. Immer wenn eine Delegation aus Augsburg irgendwo hinfährt und sich vorstellt, wird ebenfalls eine „typisch augsburgerische“ Marionette mitgebracht.
Man kann sich diese Stadt einfach nicht ohne die Puppenkiste vorstellen. Und die vierte Generation des Familienunternehmens steht bereits in den Startlöchern, um eine lange Tradition des Marionettenspielens fortzuführen.

Also keine Sorge: Weder der Kasperl noch die Puppenkiste werden in nächster Zeit in Rente gehen!
Iris Wildfeuer
stammt ursprünglich aus Augsburg aber lebt und arbeitet derzeit in München. Hat moderne Sprachen und Literatur in Barcelona und später Übersetzen in Salamanca, Spanien, studiert. Sprach-und kulturbegeistert schätzt sie es nun, nach fast 10 Jahren im Ausland, die kulturellen Besonderheiten ihres Heimatlandes neu erleben und entdecken zu können.

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Januar 2019

Orignalsprache: Deutsch

     

     
     

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