Sprache und Kultur

Auf der Walz

Tobi HeyelFoto: Goethe-Institut / Teresa LaranjeiroSind sie dir auch schon einmal aufgefallen? Schwarzer Hut, Weste, Schlaghose – junge Menschen mit diesem Outfit sieht man seit ein paar Jahren wieder häufiger in Städten oder an Autobahnauffahrten Deutschlands. Und hast du dich dann auch gefragt, was dies für frei lebende Menschen sind, schick und traditionell angezogen, aber scheinbar ohne Heim?

Als Kind dachte ich immer, diese jungen Männer in ihrer Kluft seien Schornsteinfeger. Heute weiß ich: Es sind Handwerker verschiedener Zünfte, die ihre Lehre abgeschlossen haben und umherziehen, um nun auch von anderen Meistern zu lernen. Diese Tradition ist in Deutschland schon etwa 800 Jahre alt und war früher sogar Zulassungsvoraussetzung zur Meisterprüfung. Aber was genau machen diese jungen Leute während ihrer Wanderschaft? Warum tun sie es? Für mich lange Zeit ein Mysterium.
Vor ein paar Jahren lernte ich dann einen Wandergesellen auf einem Festival kennen – endlich eine Möglichkeit, meine Neugierde zu stillen – doch Antworten erhielt ich nur zu offensichtlichen Fragen, vieles blieb mir verborgen.

Hier das, was ich herausbekam:

Diese Wanderschaft – auch Tippelei genannt – dauert drei Jahre und einen Tag. Handwerksgesellen und mittlerweile auch -gesellinnen dürfen nur auf die Walz, wenn sie nicht verschuldet und ledig sind, keine Kinder haben und maximal 30 Jahre alt sind. In der Zeit der Wanderschaft dürfen sie sich ihrem Heimatort nicht mehr als 50 km nähern, außer es gibt schwerwiegende Gründe, wie einen Todesfall im engsten Familienkreis. Die genauen Regeln unterscheiden sich von Schacht zu Schacht und heutzutage gibt es sogar die Möglichkeit, ganz ohne Schacht auf die Walz zu gehen.

Traditionen und Ehrbarkeit

Wer sich für die Tippelei entscheidet, bekommt die oben erwähnte Wanderkluft, einen geschwungenen Wanderstock und ein Stofftuch – den sogenannten Charlottenburger – für die Habseligkeiten. Außerdem nagelt einem ein Tippelbruder ein Loch ins Ohrläppchen, wo dann ein Ohrring hineinkommt. - Autsch! Alle Bestandteile der Ausstattung haben entweder Symbolbedeutung oder sind aus Tradition erhalten geblieben. Auf der gesamten Wanderung – allem voran in den Betrieben und Herbergen – achten die Wanderschaftsgesellen stets darauf, ehrbar und ehrlich zu sein. Dies ist wichtig, damit Brüder und Schwestern, die nach ihnen ankommen, genauso gut behandelt werden, wie sie selbst.

Um diese Tradition des Erlernens von Selbstständigkeit und interkulturellem Austausch zu wahren, ist es in den meisten Schächten verboten, Handys mit auf Wanderschaft zu nehmen. Die Entschleunigung ist damit ein Bestandteil der gesamten Walz. Den meisten Menschen wäre die Vorstellung, oft nicht zu wissen, wo man in der nächsten Nacht schläft oder in welchem Auto man beim Trampen landet zu viel des Abenteuers. Die meisten Gesellen allerdings sehen neben ihrer beruflichen Weiterentwicklung gerade das als besten Teil der Wanderschaft: Von einem Tag zum anderen zu leben, Zeit mit sich selbst zu verbringen und das zu tun, was man gerade möchte.

Im späten Mittelalter machten die Wandergesellen noch vor Kaufleuten, Adligen und Akademikern die größte Gruppe an Reisenden aus. Und dabei ist dieser Brauch kein rein deutscher: Auch wenn Deutschland im Vergleich das Land mit den meisten Gesellen auf der Walz ist, gibt es diese Tradition auch in ein paar anderen Ländern, zum Beispiel in Frankreich.

Egal, mit wem ich gesprochen habe oder welche Interviews ich schaute – es wurde mir bewusst, dass die Gesellen und Gesellinnen uns nur sagen, was wir wissen dürfen. Vieles über den Kodex und das Wissen der jungen Leute auf der Walz bleibt verborgen, und nur diejenigen, die die Tippelei selbst wagen, werden es erfahren.

Aber das ist doch auch irgendwie schön so.
Nastasia Herold
‪ studierte Lusitanistik und Französistik in Leipzig. Zu Studienzwecken verbrachte sie einige Monate in Portugal (Universidade de Lisboa) und Québec. Im Oktober 2012, noch während des Masterstudiums, gründete sie die Firma "Culture Mondial". Mit dem Unternehmen hat sich Nastasia auf weltweite interkulturelle Informationsarbeit spezialisiert.
Mehr unter www.culture-mondial.com

Copyright: Tudo Alemão
November 2019

Originalsprache: Deutsch

     

     
     

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