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Alles im grünen Bereich – Zertifikate für Öko-Textilien

Biobaumwolle aus Burkina Faso, © Hess Naturtextilien GmbHGeprüft und für schadstofffrei befunden: Die Nachfrage nach Zertifikaten für Öko-Textilien steigt, doch der Gesetzgeber ist bislang noch nicht tätig geworden.

Neunjährige, die in Sweatshops Pailletten auf T-Shirts nähen. Baumwollpflücker, die durch auf den Plantagen eingesetzte Pestizide schwere gesundheitliche Schäden erleiden. Junge Frauen, die 14 Stunden am Tag hinter der Nähmaschine sitzen. Es sind vor allem solche Berichte über unmenschliche Arbeitsbedingungen, die die deutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt haben. Das betrifft Billig- wie Markenhersteller – eigentlich die gesamte, inzwischen globalisierte Textilbranche. Da es im Hochlohnland Deutschland mittlerweile so gut wie keine Textilproduktion mehr gibt, ist die Herstellung der Kontrolle der hiesigen Behörden entzogen. Trotzdem hätten viele Konsumenten in Deutschland gerne, dass bei der Fertigung ihrer Jeans, Röcke und Blusen soziale Mindeststandards eingehalten werden, und darin zudem keine Rückstände von Schadstoffe sind.

Wenig Möglichkeiten der Kontrolle

Schul-Kleidung, © Hess Naturtextilien GmbHDeutschland ist beim Umweltschutz und bei den Bio-Lebensmitteln in vielem Vorreiter. Für Öko-Gemüse, Bio-Brot und Fleisch aus artgerechter Haltung wurden Standards und Siegel entwickelt, mit denen man die Produktion kontrolliert und das Vertrauen der Kunden gewinnen konnte. Der Bereich der Öko-Mode jedoch hinkt da deutlich hinterher. Es gibt noch nicht einmal Zahlen, welchen Prozentsatz sie an der deutschen Bekleidungsindustrie insgesamt ausmacht. „Wann ist ein Kleidungsstück ein Naturtextil? Wann ein Bioprodukt?“ Mit dieser Frage benennt Heike Scheuer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) eines der Probleme. „Bei Lebensmitteln ist die Zuordnung einfacher, weil die Vertriebswege klarer sind.“ Da landet das Bio-Ei im Bioladen oder der Bio-Abteilung eines Supermarkts. Bei Bekleidung hängen Shirts aus Biobaumwolle neben denen aus konventionellem Anbau und denen mit Kunstfaser-Beimischung. Und selbst wenn der Rohstoff aus ökologischer Landwirtschaft stammt, der Weg vom Feld bis zum Kunden ist lang. Da wird das Textil gefärbt, genäht, bedruckt oder mercerisiert – viel Spielraum für chemische Stoffe, umweltbelastende Transporte und unfaire Produktionsbedingungen.

Jeans aus der Serie Cotton made in Africa, Otto, © Otto GmbH & Co KGT-Shirt aus der Serie Cotton made in Africa, Otto, © Otto GmbH & Co KG

Und auch die Ökomode, bei der in allen Verarbeitungsstufen die Vorgaben eingehalten werden, wird ganz unterschiedlich im Markt positioniert. Da sind einmal die Marken, die sich komplett den ökologisch und nachhaltig gefertigten Produkten verschrieben haben. In Deutschland existiert schon lange eine große Anzahl an Traditions-Hersteller von Naturtextilien wie Hess Natur, die für einen eher saisonunabhängigen, beständigen Look stehen. Außerdem hat sich in den letzten zwei Jahren ein gutes Dutzend junger Trendlabels mit Öko-Ausrichtung gegründet.

Ketten und große Marken ziehen nach

Dann gibt es Eco-Ableger großer Marken und Öko-Linien innerhalb internationaler Brands. So machte H&M mit einer Organic-Cotton-Kollektion Schlagzeilen und Levi’s hat die Eco-Jeans im Programm, aus organischer Baumwolle und statt mit Chemikalien mit natürlichem Indigo gefärbt. Öko – insbesondere wenn es gut aussieht – ist bei den Verbrauchern momentan wahnsinnig gefragt. Deshalb sprechen einige bei solchen Aktionen der großen Modeketten vom „green-washing“, einer im Gesamtumsatz kaum relevanten Image-Kampagne.

Logo C & A Bio-Cotton, © C & ALogo Cotton made in Africa von Otto, © Otto GmbH & Co KG

Doch angesichts der Mengen, die die Großen verkaufen, sind sie für die globale Entwicklung eines nachhaltigen Modemarktes äußerst wichtig. So wurde das Versandhaus Otto 2007 für den besten deutschen Nachhaltigkeitsbericht ausgezeichnet. Fast 100 Prozent der Kleidung ist mittlerweile schadstoffgeprüft, das hauseigene Siegel „Pure Wear“ kennzeichnet Textilien, bei denen die Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau stammt. Außerdem macht Otto Kleidung aus „Cotton made in Africa“, wobei neben dem Öko- auch der Fair-Trade-Aspekt berücksichtigt ist. Ebenfalls Vorreiter ist C&A. Die Bekleidungshaus-Kette bietet seit 2007 in 204 europäischen Filialen ein umfangreiches Sortiment aus Biobaumwolle an und will es im März 2008 noch deutlich erweitern.

Zertifikat für Textilprodukte wünschenswert

Textiles Projekt der Firma Hess in Nepal, © Hess Naturtextilien GmbHEtiketten wie „Pure Wear“ sind von den Herstellern selber kreierte Namen. Trotzdem machen Otto und C&A wohl korrekte Angaben, schätzt Alexandra Perschau von PAN Germany, dem Pestizid-Aktions-Netzwerk, den Wert dieser Kennzeichnungen ein.

Bei anderen Firmen, die PAN nähere Auskünfte über die Herstellung ihrer Textilien verweigern, hat sie dagegen ihre berechtigten Zweifel. Doch Begriffe wie Biobaumwolle sind nicht gesetzlich geschützt, erklärt sie. Und das macht einige Hersteller offenbar kreativ. „Es wäre daher wünschenswert, dass die Politik, ähnlich dem Bio-Siegel bei Lebensmittel, ein gesetzlich geschütztes Zertifikat für Textilprodukte schafft“, sagt Perschau.

Jeans aus der Serie Cotton made in Africa, Otto, © Otto GmbH & Co KGBislang sind es Verbände, die diese Zertifikate herausbringen. Vier große Textilverbände aus Deutschland, Großbritannien, den USA und Japan haben gemeinsam den Global Organic Textile Standard (GOTS) festgelegt. Auch der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) vergibt zwei Qualitätszeichen: Naturtextil IVN und Naturtextil IVN best, das Zertifikat mit den derzeit höchsten Anforderungen an eine umwelt- wie sozialverträgliche Produktion.

„Die Nachfrage der Bekleidungsindustrie nach unseren Zertifizierungen steigt“, sagt Heike Scheuer vom IVN. Gesundheit und Wohlbefinden – das merken immer mehr Menschen – gehen nicht nur durch den Magen, sondern auch über die Haut.

Stefanie Dörre
ist Redakteurin beim Berliner Stadtmagazin "tip".

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2008

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