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Mein Leben im Materialismus

12:30 Uhr ... 13 Uhr... Das Café ist nun leer. Warum ist sie noch nicht da? Meine Aufregung ist schon offensichtlich. Wie bin ich in diese Situation geraten? Wie bin ich zu einer Fremden für meine eigene Tochter geworden? Vielleicht hatte meine Familie dieselben Gefühle, als ich tief in meiner Arbeit versunken war.

Ich kann mich an Beförderungen in meiner Karriere besser als an Lisas Geburtstag erinnern. Nach vielen Jahren hatte ich es endlich geschafft: Geschäftsführerin bei einem berühmten Unternehmen! Trotz aller Freude brachte dieser Erfolg auch Einschnitte in meinem Leben. Es blieb keine Zeit mehr, Lisa bei den Hausaufgaben zu helfen oder an ihrem ersten Konzertauftritt teilzunehmen. Zum Glück hatte sie immer ihren Vater dabei. Ja, Erik stand im Mittelpunkt ihrer Kindheit. Nach meiner Beförderung bestand zwischen uns beiden keine richtige Verbindung mehr - dabei war er meine einzige Liebe. In meinen Augen wurde aber nur zu einem anderen Geschäftskontakt. Wenn meine Rechnung stimmt, haben mein Kind und mein ehemaliger Mann mehr Zeit mit unserer Putzfrau verbracht als mit mir.

Am 25. Mai 1998 lag dann ein Blatt Papier auf dem Tisch in der Küche. Nach einer Ehe, die nur 5 Jahre dauerte, habe ich die Scheidungsurkunde bekommen. Wir hatten viel gestritten, die Scheidung kam nicht überraschend, aber das Papier hat mich erstaunt. Am Anfang hielt ich die ganze Lage für ungerecht. Für wen hatte ich denn jeden Tag Überstunden gemacht? Warum hatte ich mich gequält, um viel zu verdienen? Meiner Meinung nach, hatte ich nie nur auf meine eigene Person Wert gelegt. Ich hatte meiner Familie alles geboten. Lisa trug immer nur Markenklamotten, Erik die teuersten Anzüge. War das nicht genug?

So naiv war ich.

Ich habe versucht, die Löcher in meiner Seele mit allem zu stopfen, was ungesund war. Es lag ja auf der Hand: Alkohol, Arbeit und viel Fast-Food. Das Glas Wein, das ich normalerweise abends trank, wurde schnell zur Flasche. Dazu brauchte ich etwas Passendes. Und so begann ich, über eine Packung Zigaretten am Tag zu rauchen. Durch die Arbeit war ich immer in Eile. Ich hatte keine Zeit, keinen freien Moment, über den falschen Weg nachzudenken, den mein Leben eingeschlagen hatte. Der Körper litt aber – und damit mein Aussehen und das Selbstvertrauen. Der Gang zum Schönheitschirurgen war die natürliche Entscheidung, denn Augenringe, Falten und das Extra-Fett mussten weg. Alles passierte so schnell, dass ich unbewusst sogar mein Leben in Gefahr brachte...

“Bei so viel Stress bis du auf dem besten Weg zum Herzinfarkt“, sagte mir mein Arzt; seine Diagnose sollte meine Perspektive auf den Kopf stellen. Den Moment empfand ich als Herausforderung. Gleichgewicht sollte meinen Alltag bestimmen. Ich habe die Kraft aufgebracht, um für meine Existenz und meine Gesundheit zu kämpfen.

Als erstes suchte ich einen Psychologen auf, der mir geholfen hat, meine Sucht loszuwerden. Stattdessen setzte ich auf Bio-Essen und viel Sport. So kam also der Tag, in dem gerade mein berühmtes Gehalt half, denn der neue Lifestyle kam nicht gerade billig. Ich lag immer im Trend mit den neuesten Detox-Diäten und nahm sogar Kochunterricht bei den besten Chefs. So wurde ich allmählich zur Ernährungsexpertin.

Wie der Zufall es will, war das auch der Moment für einen Karrierewechsel. Zusammen mit anderen Frauen, die ähnliche Lebenserfahrungen machten, gründete ich eine Beratung. Das war die beste Möglichkeit, andere Karrierefrauen vor den Gefahren eines materialistischen Lebensstils zu warnen. Die kleine Firma entwickelte sich weiter und immer mehr Anhänger eines gesunden Lifestyles kamen zu uns. Heute gibt es ein komplexes Angebot an Ratschlägen, um den Körper fit zu halten. Mein persönliches Lieblingsprogramm ist Yoga. Eine Yoga-Gruppe hat einmal meine Aufmerksamkeit gefesselt, denn diese Menschen sahen so entspannt aus, dass ihnen die innere Ruhe geradewegs im Gesicht geschrieben stand. Das finde ich heute noch wunderbar und deshalb betreibe ich es weiter. Das Gefühl, das man dabei bekommt, kann mit nichts anderes verglichen werden.

„Bist du wieder in Gedanken versunken, liebe Karla?“

Endlich ist sie angekommen. Und ja, sie ruft nicht nach Mutti, sondern nach mir, Karla, der Frau, die noch versucht, mit ihrem Kind wieder in Kontakt zu kommen. Vielleicht werde ich irgendwann wieder „Mutti“ hören. Warum denn nicht auch „Omi“? Darauf lohnt es sich zu warten.
Sascha Ciupagea, Daniela Racoviță, Ilinca Barbato, Bianca Theodoru, Andra Roman und Teodora Ștefan

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