Frumos!


 

© Ursula Meyer
© Ursula Meyer

Frumos!

Voller Freude über die Gelegenheit, in Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, einen Graffiti- und Street Art-Workshop zu leiten, reiste ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Osteuropa. Die jungen Organisatoren, Dana und Ciprian, bereiteten mir einen herzlichen Empfang. Mein erster Eindruck war sehr positiv. Ich sah mich doch von jungen Menschen umgeben, die bereit waren, die alten Strukturen zu verändern und etwas Neues zu erlernen.

Der Veranstaltungsort des Workshops war der neue alternative Kunstraum „Anexa nr1“ im Zentrum der Kunstakademie. Der Raum bietet viel Potenzial. Er ist nicht nur großzügig angelegt und attraktiv, sondern gibt jungen Künstlern auch die Chance, außerhalb des durchstrukturierten Lehrplans der Akademie, ihre Kreativität weiterzuentwickeln.

Vor Beginn des Workshops musste noch Material wie Spraydosen, Außenfarbe und Malerrollen besorgt werden. Das war nicht ganz einfach. Aber es gelang. Meine acht Teilnehmer Dana, Ana, Nicu, Ciprian, Dan, Vova, Costa und David, alle zwischen 17 und 20 Jahren alt, waren sehr aufgeschlossen und warmherzig. Bei einer kurzen Einführung zum Thema machten wir uns miteinander bekannt, wir tranken dabei Kaffee und aßen etwas. Schnell stellte sich heraus, dass die Studierenden aufgrund der Regeln, der alten Strukturen und der konservativen Denkweisen der Einrichtungsleitung in der Ausbildung ihrer Kreativität gebremst wurden.

Nach einer Einführung in die Geschichte und in die Techniken der Graffiti-Kunst legte ich den Schwerpunkt daher auf die Erklärung, was an Graffiti und Street Art Spaß macht und welche Anreize sich damit verknüpfen. Viel wichtiger war mir noch, den Teilnehmern zu vermitteln, dass jeder die Stadt, in der er lebt, durch Kunst im öffentlichen Raum für sich beanspruchen und in seinem eigenen Stil gestalten kann, dass Kunst ein freier Akt des Ausdrucks ist und in gewisser Weise auch der persönlichen Anarchie.

Anexa nr1 bot den passenden Rahmen, um in diesem Sinne ins Thema einzusteigen. Der Raum eignete sich als gemeinschaftlicher Raum und als Spielplatz, der Kreativität ohne jeden Zwang freien Lauf zu lassen.

Nach der kurzen Einführung begannen die Teilnehmer mit der Planung ihrer Wand. Schritt für Schritt und demokratisch entschieden sie sich für ein politisches Thema und begannen mit dem Skizzieren. Als Team entschlossen sie sich schließlich, die Wand in Form einer Collage zu gestalten, dabei jeder seinem individuellen Stil folgend. Ich ermunterte sie, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie sollten mich auch nicht als Autorität betrachten, sondern als jemand, der ihnen bei Bedarf seine Hilfe anbietet.

Nachdem das Bild definiert war, wurde mit der Arbeit begonnen. Wir verbrachten drei Tage im Freien und bemalten eine 8 x 3 m große Wand. Es war phantastisch mitzuerleben, wie meine Workshop-Teilnehmer ihren Platz fanden, ihren eigenen Stil entwickelten und mit ihren Nachbarn zusammenarbeiteten an einem echten Gesamtkunstwerk. Mir fiel auf, dass sie keine Scheu oder Angst hatten, kreativ zu werden und die Wand mit ihrer Handschrift zu versehen. Dazu gehört eine Menge Mut!

Aus einer grauen Wand wurde eine bunte Fläche mit einer positiven politischen Botschaft. Am letzten Arbeitstag bin ich ebenfalls kreativ geworden und an der kleineren Wand nebenan in Aktion getreten. Dann wurde am selben Abend der Kunstraum geöffnet! Es kamen mehr als 50 Menschen, darunter zahlreiche Studierende, die sehen wollten, was hier in der vergangenen Woche geschehen war. Alle zeigten sich sehr beeindruckt von dem Projekt. Es wurde ein Abend voller Freude. Der Bereich verwandelte sich in einen lebendigen, farbenfrohen Ort mit Live-Musik und DJs. Das hätte ich in dieser kurzen Zeit nicht erwartet. Ich war sehr stolz auf meine Workshop-Teilnehmer, die vor allem auch stolz auf sich selbst sein können.

Mein Aufenthalt in der Republik Moldau war eine überaus bereichernde Erfahrung. Ich freue mich über die Gelegenheit, junge Menschen zu inspirieren. Vor allem aber freue ich mich darüber, dass ich neue Freunde gewonnen habe. Zum Abschied kamen alle Teilnehmer meines Workshops mit Rosen zum Flughafen. Das war schön! Ich hoffe, dass diese jungen Menschen in ihrem Bemühen um eine Änderung der im Vergleich zu Westeuropa vergleichsweise konservativen und altmodischen Strukturen nicht nachlassen. Außerdem wünsche ich mir, dass sich „Anexa nr1“ zu einem unabhängigen Raum entwickelt, den ausschließlich Kunststudierende nutzen, nicht nur, damit aus kreativen Ideen alternative Werke erwachsen, sondern auch zum Üben ihrer Techniken im Bereich Graffiti und Street Art.

Ursula Meyer wurde 1987 in San Juan (Argentinien) geboren. Sie studierte an der Nelson Mandela Metropolitan University in Südafrika und der Folkwang Universität der Künste in Essen. 2013 schloss sie ihr Studium im Bereich Experimental design ab. Ursula Meyer lebt und arbeitet in Essen.