Videokunst am Rande Europas


 

Kiritan Flux
Kiritan Flux

Videokunst am Rande Europas

In den letzten Jahren habe ich wegen meiner beruflichen Tätigkeit als Videokünstler vermehrt Reisen nach Osteuropa unternommen. Besonders die Balkanländer und Rumänien haben mich sehr fasziniert. Daher war ich begeistert, dass ich im Rahmen der „KulTour“ zum Projekt „Alternative Kunsträume“ nach Moldawien und in die Ukraine eingeladen wurde.

Bei Reisen an mir unbekannte Orte versuche ich, den besonderen Zustand des neugierigen, erforschenden Fremdseins einzufangen und in meinen Video-Performances zu verarbeiten. Ich bin in den vier Tagen in Chişinău jeden Morgen mit meiner Kamera losgezogen, um ‚die Seele der Stadt‘ zu erforschen. Dabei meide ich in der Regel die üblichen Sehenswürdigkeiten und versuche, die eher versteckten zu finden: vergessene, verlassene, sich im Umbruch befindliche historische Orte und solche, die für mich ganz subjektiv einen einmaligen Charakter haben können. Vor diesem Hintergrund war Chişinău für mich sehr spannend und inspirierend.

Mehr wie in den meisten Großstädten der EU-Länder scheinen hier im post-sowjetischen Chişinău unterschiedliche ethnische und kulturelle Einflüsse ihre Spuren hinterlassen zu haben. Ich habe trotz sprachlicher Schwierigkeiten viele freundliche Menschen kennengelernt, die mir während meiner Entdeckungsreise geholfen haben. So wurden mir nicht nur verrostete Maschinenräume einer alten sowjetischen Druckerei gezeigt, ich konnte auch durch einen verfallen Tempel in einem verwilderten jüdischen Friedhof klettern und an von verlassenen Fabriken gesäumten Bahnschienen entlang spazieren. Ich habe mich auch unter aufgebrachte Anti-Korruptions-Demonstranten gemischt und vor das von einer Unmenge an Polizeikräften umstellte Regierungsgebäude mittreiben lassen. Sämtliche Eindrücke aus diesen Erlebnissen, Begegnungen und Erfahrungen habe ich auf Video festgehalten und als Material in meinen beiden Video-Performances zusammen mit dem Berliner DJ und Produzenten Stefan Goldmann in den KunsTräumen Buncher und Tipografia 5 verwendet.

Kurz vor meinem Weiterflug in die Ukraine bin ich erkrankt. Deshalb hatte ich leider nicht die Energie, Krementschuk ausgiebig zu erkunden. Aber war mein Aufenthalt dort wurde durch viele schöne persönliche Begegnungen geprägt. Während Chişinău für mich das Flair einer europäischen Hauptstadt verströmt, hinterließ Krementschuk auf mich den Eindruck einer grauen, sowjetischen Satellitenstadt. Aber in einer so kurzen wie sehr intensiven Zeit, in der ich gemeinsam mit ein paar sehr hilfsbereiten und motivierten Menschen ein Videoinstallationsobjekt für den gerade eröffneten Kunstraum „Adapter“ kreiert und gebaut habe. Den vielen Gesprächen mit jungen Leuten aus Krementschuk war zu entnehmen, dass sie in ihrer Stadt relevante Kulturangebote vermissen und dass es schwierig ist, Kultur jenseits des ukrainischen Mainstreams zu leben und zu erleben. Daher war die Freude über den „Adapter“ sehr groß. Alle beteiligten und interessierten Leute waren hoch motiviert, den Raum nutzen zu können.

Ich bin sehr dankbar, dass ich am Projekt teilnehmen und die ausgezeichnete Betreuung vor Ort kennenlernen durfte.

Kiritan Flux arbeitet als Live Visual Artist und Expanded Media Producer seit 2004. Seine Arbeiten reichen von VJ-Shows auf renommierten Techno-Events, wie TimeWarp (DE) oder Sonus Festival (HR) bis zu konzeptionellen Live Cinema Performances, die sich inhaltlich stets auf den individuellen lokalen Kontext beziehen. Neben seiner künstlerischen Arbeit co-kuratiert er den monatlich stattfinden Artist Talk Scope Sessions in Berlin.