Auf die Straße!

Kunst auf den Straßen

Mark Jenkins © Mark Jenkins Was ist Public Art?
Warum verlässt
zeitgenössische Kunst
im Westen die Museumssäle
und warum findet man
sie in Russland sofort
auf den Straßen, ohne
dass sie zuvor überhaupt
in Museen zu sehen war?
Sergei Samoilenko hat Antworten auf diese Fragen gefunden.

Die Kunst im öffentlichen Raum (Public Art) erobert Russland. Die zeitgenössische Kunst dringt in den öffentlichen Raum ein, beeinflusst ihn und drängt sich dem Betrachter auf. Der Vormarsch von Public Art findet an breiter Front statt, denn diese Kunst ist reich an Facetten – von Street Art, Straßenkunst, die zum Großteil aus Graffiti besteht, bis hin zu Aktionen auf der Straße, die an soziales Engagement grenzen. Russische Experten versuchen nun Kriterien für diese Kunstform festzulegen, wobei sie sich anlehnen an jene des Westens, wo die Intervention bereits vor einigen Jahrzehnten stattgefunden hat. Dort ging der Ausbruch der zeitgenössischen Kunst aus den Museumssälen in den öffentlichen Raum gesetzmäßig einher mit dem Prozess der Demokratisierung dieses Raumes, seiner Mehrdimensionalität und Polyvalenz. Die Logik hinter all dem ist einfach – zeitgenössische Kunst verlässt jene speziell für sie geschaffenen Paläste und strebt auf die Straße, um für alle, jeden und jede, zugänglich zu sein.

Die Künstlergruppe „Wojna“. Foto: Natalja Jerjomina CC BY-SA 3.0

In Russland erscheint meistens jene Kunst auf der Straße, welche zuvor auf keiner Ausstellung zu sehen war. Bei uns gab es bis vor kurzem überhaupt keine Museen oder Zentren für zeitgenössische Kunst, und auch heute sind es nur wenige. Die Möglichkeit, für die Erschaffung und Präsentation eines Objekts den städtischen Raum zu nutzen, bedeutet für den Künstler, ein größtmögliches Publikum erreichen und seinen Wirkungsbereich und das eigene Spektrum an Mitteln und Materialien maximal ausweiten zu können. Dabei können beliebige Verfahren und Techniken zum Einsatz kommen — von traditionellen Mitteln wie Farbe und Wänden bis hin zu völlig neuen Möglichkeiten, wie man sie beispielsweise bei der Aktion der Künstlergruppe Wojna erlebt hat, bei der eine Zugbrücke zum Kunstobjekt wurde.

Experten auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst sehen Public Art als eine sehr breitgefächerte Kunstart an. Dies spiegelt sich auch in der Definition wider, die vor zwei Jahren im Zuge einer Diskussionsrunde in Nischni Nowgorod formuliert wurde: „Public Art ist eine Existenzform zeitgenössischer Kunst außerhalb der traditionellen Infrastruktur des Kunstsystems. Sie wird im öffentlichen Raum praktiziert und zielt auf die Kommunikation mit dem Betrachter ab, auch auf die mit dem Unvorbereiteten. Sie problematisiert verschiedene Fragen zeitgenössischer Kunst an sich, befragt aber auch die Orte, an denen sie präsentiert wird.“

© Mark Jenkins

Charlotte Cohen, die ehemalige Direktorin des New Yorker Programms „Percent for the Art“, definiert Public Art so: „Public Art sind nicht einfach jene Kunstwerke, denen wir auf der Straße begegnen. Kunst, die zu Public Art gezählt wird, muss eng mit der Geschichte, der Funktion oder der kulturellen Bedeutung des Ortes, an dem sie präsentiert wird, verbunden sein. Public Art ist enorm vielfältig und besteht aus visuellen Kunstwerken, interaktiven Projekten, urbanem Design, Performances, Audios, Installationen und beliebigen anderen künstlerischen Formen. Public Art-Objekte können an Orten untergebracht werden, die eigentlich nicht für die Ausstellung von Kunstwerken gedacht sind, wie beispielsweise Werbetafeln, Baugerüsten, Parks oder Polikliniken. Sie können nur für eine gewisse Zeit ausgestellt sein oder sich dauerhaft dort befinden. Public Art kann uns dazu verhelfen, etwas zu bemerken, was wir zuvor nie gesehen haben, oder Alltäglichem neuen Glanz verleihen. Das Wichtigste an dieser Kunstform ist jedoch, dass sie für jeden zugänglich ist.“

Public Art kann tatsächlich alles sein – von massiven, monumentalen architektonischen Kompositionen und Skulpturen bis hin zu vereinzelten Performances auf Straßen. Von großangelegten Flashmobs und Demonstrationen bis hin zu Musikaktionen in Unterführungen. Demnach kann auch der Veranstaltungsort variieren – von öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen, Flughäfen und Bibliotheken bis hin zu U-Bahn-Wagons, von städtischen Plätzen bis hin zu Feldern und Wäldern.

Public Art kann auch in institutioneller Hinsicht auf verschiedene Weise vorkommen – sowohl von „oben“ genehmigt und mit den Behörden sowie der städtischen Gemeinschaft abgestimmt als auch illegal, wobei die Künstler oft riskieren, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Beide Existenzformen von Public Art sind nebeneinander zu finden. In den westlichen Ländern entwickelt sich Public Art mit der Unterstützung und Finanzierung durch die Behörden. In dieser Kunst werden ein hohes Identifikationspotenzial für eine Gegend und einzigartige Attraktionen entdeckt, die einen Ort markieren, vor anderen hervorheben und Touristen anziehen, ganz abgesehen davon, dass der Raum dem Menschen zugänglicher gemacht und in ästhetischer Hinsicht bereichert wird.

Graffiti von Banksy. Foto: Justinc cc-by-sa-2.0

Jene Bewegungen von Public Art, die aus dem „Untergrund“ kommen, sind auf der ganzen Welt nicht weniger respektiert und populär als all die anderen Richtungen dieser Kunstform. Die in den 1970er Jahren in Amerika entstandene Graffiti-Kunst ist mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitet und bewegt sich auf der Grenze zwischen dem Legalen und dem Illegalen. Künstler „bombardieren“ U-Bahn-Wagons und Hauswände, wobei sie oft gegen Gesetze verstoßen und von den Organen für öffentliche Ordnung und Sicherheit verfolgt werden. Nichtsdestotrotz werden einige von ihnen zu echten Stars, wie beispielsweise im Fall von Banksy.

Natürlich ist jeder Fall einzigartig, und die Ergebnisse künstlerischer Intervention im öffentlichen Raum können verschieden ausfallen. Aber man sollte nicht vergessen, dass die meisten Public Art-Objekte nicht für die Ewigkeit gedacht sind und beachtliche Investitionen in ziemlich kurzlebige Unternehmungen getätigt werden. Die Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude, die ihre eigene Verpackungstechnik entwickelt haben, sind hierbei ein Idealfall. Sie hüllten Objekte des öffentlichen Raums in verschiedenste Materialien ein. Ihre Projekte, bei denen sie Bäume, Brücken und sogar ganze Inseln verpacken, realisieren sie auf eigene Kosten, beispielsweise aus dem Verkauf von Skizzen und Modellen. Die Vorbereitung der öffentlichen Meinung, einer der wichtigsten Faktoren, ist Bestandteil des Projekts selbst. So haben die Vorbereitungen für die „Verpackung“ des Reichstags zirka 20 Jahre gedauert, denn die Künstler benötigten dafür 100.000 Quadratmeter Plastikfolie mit einer Aluminiumbeschichtung und 15,5 Kilometer blauen Strick. Doch eben darin besteht die Aufgabe von Public Art – es sich zu erkämpfen, dass die öffentliche Meinung, also die Meinung jenes unvorbereiteten Betrachters aus der Masse, auf der Seite des Künstlers ist.

Long Stories for Perm. Public-Art-Foto aus dem Programm des Museums für zeitgenössische Kunst PERMM. Mit freundlicher Genehmigung

Public Art in Russland wächst in der Regel „von unten“ auch ohne regelmäßige Unterstützung durch staatliche Behörden hervor – und teilweise stellt sie sich dieser auch quer. In Russland kann gar nicht die Rede davon sein, dass in Großstädten Projekte eines Maßstabs und Effekts realisiert werden könnten wie beispielsweise Anish Kapoors Objekt Cloud gate in Chicago, einer gigantischen Installation aus rostfreiem Stahl. Und der Hauptgrund dafür ist nicht, dass es an Mitteln fehlt, sondern die Tatsache, dass die Behörden und die Gesellschaft in Russland für solche Objekte nicht bereit sind.

Doch zum Glück ändert sich die Situation, zwar langsam, aber stetig. In einigen Städten sind bereits zahlreiche Public Art-Programme im Gange. So auch in Permer Museum für moderne Kunst, wo Public Art als eigene Richtung des Tätigkeitsbereichs hervorgehoben wird. Im Rahmen dieses Programms wurden zahlreiche Ereignisse inszeniert: die Errichtung von Straßenobjekten, das Graffiti-Projekt „Long Stories for Perm“, eine Serie von Videoinstallationen sowie der „Triumphbogen“ des Künstlers Nikolai Polisski.

Die Monstration in Nowosibirsk. Foto: Andrey Marshak CC BY 2.0

Auch in Jekaterinburg erlebt Public Art einen Aufschwung. Das bekannteste Public-Art-Objekt dort ist das Tastatur-Denkmal, das ohne Genehmigung durch die Behörden aufgetaucht war und sich aber sehr passend in die städtische Umgebung einfügte. Public Art wird in Jekaterinburg von der örtlichen Niederlassung des National Centre for Contemporary Arts (NCCA) unterstützt, das seine eigenen „Long Stories“ für Graffiti-Kunst hat. Hier treffen sich Künstler aus ganz Europa, um Vorträge und Workshops zu halten. Ein vor kurzem realisiertes Projekt einer Gruppe von Jekaterinburger Künstlern, die die Pfeiler der städtischen Brücke als Dominosteine bemalt haben, wurde sogar für den Preis „Innovation“ nominiert. Auch auf der Museums-Biennale in Krasnojarsk hat ein Public Art-Programm Tradition, in dessen Rahmen sich teilnehmende Künstler schon seit Beginn der 1990er Jahre mit Arbeiten im Stadtraum beschäftigen.

In Nowosibirsk gelten bis heute als die beiden bekanntesten und einzigen Public-Art-Projekte Artjom Loskutows alternative Bürgerversammlung „Monstration“ sowie die Galerie „White Cube“ von Skotnikow und Pusch. Die beiden Künstler wandelten eine alte Blechgarage in einen Austellungsraum um. Beide Projekte enstanden nicht "dank", sondern "sich querstellend zu", und beide wurden letztlich anerkannt und legitimiert.

Sergei Samoilenko
Dichter, Journalist, Koordinator des sibirischen
Zentrums für zeitgenössische Kunst

Copyright: Goethe-Institut Russland
September 2011

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