Geografie der Kunst im öffentlichen Raum

Plakatkunst als Brücke zwischen Netz und „Realität“

Mark JenkinsDer Medienaktivist und Künstler Florian Kuhlmann äußert sich in einem kritischen Interview über die aktuelle Netzkultur und über sein Plakatprojekt TransPrivacy.

Worum geht es Euch bei Eurem Projekt TransPrivacy?

TransPrivacy ist zuerst einmal ein Plakatprojekt im öffentlichen Raum. Ich habe zehn Künstler eingeladen ein Plakatmotiv zu gestalten, dieses wird dann in der Auflage von jeweils 200 Stück in den Straßen Düsseldorfs gehängt. Parallel dazu werden Blogger, Wissenschaftler und Autoren Textbeiträge auf unserer Webseite publizieren.



Das Thema ist der aktuelle Wandel der Begriffe Privatsphäre und Öffentlichkeit. Der Verlust oder das Wegfallen der Privatsphäre ist eines der großen Themen der Politik der Netze. Die Fraktion der Datenschützer sieht diese durch staatliche Überwachung, aber auch durch Unternehmen wie Facebook und Google immer weiter bedroht.

Plattformen wie Wikileaks erzeugen zeitgleich neue Formen der Transparenz und des Whistleblowings. Ganz allgemein bietet das Netz den Bewohnern der westlichen Welt derzeit die Möglichkeit, Dinge relativ einfach öffentlich zugänglich zu machen.

Insgesamt, so scheint es, ist der Begriff der Medienöffentlichkeit, aber auch der Öffentlichkeit ganz allgemein, derzeit wieder einmal dabei sich zu verändern.

Im Rahmen von TransPrivacy wird dieser aktuell wahrgenommene Wandel von Privatsphäre und Öffentlichkeit im Kontext der Vernetzung mit den Mitteln der Kunst thematisiert.

Eine neue Ästhetik

Die wichtigste Eigenschaft des Internets ist die Kommunikation in zwei Richtungen. Während Radio, Fernsehen und Printmedien als One-To-Many-Medien gelten, weil Sie als Sender den Empfänger befeuern, ist der Mensch im Internet Sender als auch Empfänger. Das Internet ist also ein Medium für alle. Ist der Plakatdruck nicht wieder ein Schritt zurück zur One-To-Many-Kommunikation?

Ich sehe da keinen Rückschritt. Medien existieren ja immer neben einander, und auch ein Plakat hat seine Vorteile gegenüber der Darstellung auf einem Monitor. Alternativ hätte man ja auch die Plakatmotive bei Facebook posten können. Durch den Druck und das Aufhängen in den Straßen entsteht für mich aber eine andere Wertigkeit und Ästhetik. Ich finde es sehr reizvoll damit zu experimentieren und freue mich, dass so viele Künstler bereit sind sich auf diese Spiel mit einzulassen.

Wie entstehen die Plakate und wer und wo hängt Ihr Sie auf?

© TransPrivacy

 

Die Künstler entwickeln die Plakatmotive, senden sie an mich und ich kümmere mich um den Druck und die Plakatierung. Plakatiert wird wild, aber von Profis. Selbstverständlich ist auch das Wildplakatieren mittlerweile nichts mehr was man noch selber machen kann.

Traditionelle - versus Netzkunst

Ich habe oft das Gefühl, dass digitale Kunst als Kultur von Nerds ungeachtet in der Nische hängen bleibt. Ignoriert der Kunst- und Kulturzirkus digitale Kunst, wie beispielsweise die seit den 80er Jahren bestehende digitale Kunst der Demoscene? Ist Netzkunst gleichzusetzen als Kunst für Nerds und niemanden sonst?

Das immer schwer zu sagen. Es gibt ja auch in diesem Bereich zahlreich große Festivals für Medienkunst, darüber hinaus werden viele der teilnehmenden Künstler durch Galerien vertreten und sind in Sammlungen zu finden. Da tut sich schon einiges, wenn auch natürlich nicht so Spektakuläres wie im Bereich der Malerei beispielsweise.

Ganz abgesehen davon, kann sich aber auch der etablierte Kunstbetrieb auf Dauer nicht vor den Auswirkungen des Netzes und der Digitalisierung verstecken. Obwohl natürlich klar ist, dass die Offenheit des Netzes nur schwer mit den elitären Machtzirkeln des globalisierten Kunstzirkus zu vereinen sind. Aber natürlich wird auch digitale- und Netzkunst in den Kanon der Kunst aufgenommen werden, Künstler wie Aids3D beispielsweise bieten ja auch ganz starke Bezüge zur Netzkultur. Es wird spannend das weiter zu beobachten und zu sehen wie es sich entwickelt.

Frisst uns das Web auf?

Florian, in einem Eintrag auf der Website, schreibst Du: „Langsam und scheinbar unaufhaltsam frisst sich das Netz in unser aller Leben und die damit verbundene Digitalisierung der Welt schreitet nach wie vor mit atemberaubender Geschwindigkeit und völlig ungebremst voran.” Frisst das Web uns wirklich auf?

© TransPrivacy 

Nein, das glaub ich nicht und das steht ja auch so nicht da. Klar hat das Netz neben den positiven, eben auch negative Effekte auf unser Leben. So werden wir beispielsweise wirklich noch einen kulturellen Umgang mit den Verlockungen der Überwachung entwickeln müssen. Und wer sich viel mit Facebook und ähnlichem beschäftigt und diese Dienste täglich nutzt, merkt auch wie diese Nutzung an der einen oder anderen Stelle auf einmal Einfluss auf das eigene Leben nimmt.

Ein schönes und recht plakatives Beispiel ist für mich das Beziehungsstatus-Update bei Facebook. Ein kleiner Button, der aber mit Sicherheit auch schon zu einigen kleinen Unsicherheiten im zwischenmenschlichen Bereich geführt hat. Ich habe mich relativ lange mit Secondlife beschäftigt und gemerkt, dass das völlige Abtauchen in den digitalen Simulationen auf Dauer unbefriedigend ist. Von daher bin ich fest davon überzeugt, dass es eher um synthetische Verbindungen von Netz und Nichtnetz geht, wir also zumindest vorerst keine totale Assimilation fürchten müssen.

Diese Idee der synthetischen Verbindung ist ja auch im TransPrivacy-Projekt wieder zu finden, welches die Medienöffentlichkeit des Netzes und die des öffentlichen Raums der Stadt verbindet.


Florian Kuhlmann ist Medienaktivist und Künstler. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf und London. Seit mehr als 15 Jahren untersucht er die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft. Er gestaltet riesige digitale Collagen am Rechner, stellt sie jedem zur Verfügung unter einer Creative Commons Lizenz. Des Weiteren publiziert Florian Kuhlman im Netz und hält weltweit seine Vorträge. Im Oktober 2011 löst sein Plakatprojekt TransPrivacy auf den Stassen Düsseldorfs die Grenze zwischen Internet und Straße auf.
Moritz »mo.« Sauer
ist Journalist, Buchautor, Dozent und Webdesigner. Organisator der Cologne Commons, Herausgeber von Phlow.net, dem deutschsprachigen Magazin für Musik- und Netzkultur.

Copyright: Phlow.net
September 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolandreas.fertig@moskau.goethe.org

Links zum Thema

Newsletter des Online-Magazins „Deutschland und Russland“

Abonnieren Sie aktuelle Themen per Newsletter.

Hochschule für Stadtentwicklung

Masterprogramm im Bereich Stadtentwicklung und Raumplannung

Going Public – Über die Schwierigkeit einer öffentlichen Aussage

Kunst im öffentlichen Raum in Litauen, Belarus, Kaliningrad und Deutschland

Wolfs Welt der Bücher

Leiter der Prog-
rammabteilung am Goethe Institut Moskau schreibt über seine Lieblingsbücher

GIF.ru

(c) GIF.ru
Nachrichten-
agentur für Kultur

Weblog von novinki.de

Zeitnah, subjektiv und vielseitig informiert Weblog von novinki.de über aktuelles Kulturgeschehen im östlichen Europa

ARTgals.info

(c) ARTgals.info
Kunst und Gegenwart

Architektur und Stadtplanung

Heute bestim-
men wir unser Leben als Stadt-
bewohner von morgen

Bildende Kunst in Deutschland

Artikel und Links zu ausgewählten Themen