Sicherheitsdenken in Zeiten des Terrors. Eine Umfrage in Moskau

Ein Anschlag auf Moskaus größten Flughafen, Terror in der Metro und in russischen Reisezügen. Wenn sich Angst breit macht, kommt schnell die Frage auf, ob sich solche Anschläge durch eine strengere Überwachung der Bevölkerung durch den Staat verhindern ließen. Ist das Sicherheitsdenken in Zeiten des Terrors gestiegen?
Die aktuelle Umfrage auf Moskaus Straßen orientiert sich an folgenden Fragen: Haben Sie jetzt mehr Angst, in Moskau zu leben, als vor dem jüngsten Terroranschlag am Moskauer Flughafen Domodedowo? Hätte dieser Anschlag verhindert werden können, wenn der Datenschutz in Russland größere Priorität hätte? Wären Sie bereit, detaillierte Informationen zu Ihrer Person zur Verfügung zu stellen, wenn Russland dadurch sicherer würde?
Dascha, 14, Schülerin
Ich habe mehr Angst als früher, weil man nie weiß, was passieren kann. Wenn der Staat mehr Informationen gehabt hätte, hätte man den Terroranschlag verhindern können, denn so weiß er ja nicht, was sich abspielt im Verhältnis zwischen den Völkern in unserem Land. Und die Leute nichtrussischer Nationalität führen sich ganz schön unverschämt auf.
Oleg, 19, und Dondok, 19, Studenten am Institut für Stahl und Legierungen
Angst haben wir deswegen jetzt überhaupt nicht. Der Staat kann nicht alles über jeden Bürger wissen, und es wird immer Leute geben, sogar in der Regierung, die Terroristen decken. Informationen über mich möchte ich nicht hinterlassen, aber es gibt da ja noch die Rechtsschutzorgane wie den CIA, die alle Informationen durchschnüffeln, die im Internet stehen. Deshalb sollte man nicht sorglos mit dem Internet umgehen und seine Daten an x-beliebiger Stelle hinterlassen.
Andrej, 23, Student der Kartographie
Ich schaue kaum Nachrichten, deshalb habe ich auch nicht mehr Angst als vorher. Die Medien stellen doch alles übertrieben düster dar. Noch eine neue Datenbank, auch wenn sie noch so streng unter Verschluss steht, ruft doch nur wieder Leute auf den Plan, die sie knacken. Hacker werden heutzutage immer aktiver. Deshalb würde ich meine persönlichen Daten nicht zur Verfügung stellen.
Jelena, 24, Beschäftigte im Sozialwesen
Wovor sollte ich Angst haben? Passieren kann alles Mögliche. Das ist wohl kaum zu verhindern, denn selbst eine supergesicherte Datenbank kann man knacken. Ich möchte nicht, dass meine Daten Hackern in die Hände fallen.
Larissa, 64, und Nadeschda, 63, Rentnerinnen
Nein, Angst haben wir nicht. Wir sind Fatalisten: Was vorausbestimmt ist, dem kannst du nicht entkommen. Der Staat muss strenger überwachen. In Riga zum Beispiel, da wissen sie, wie oft du in der Poliklinik warst und wo du hingespuckt hast. Und bei uns? Es gibt überhaupt keine Daten über Zugereiste. Bei denen wird jeder registriert. Und wenn du in die Poliklinik gehst, dann wird das im Register vermerkt. Kontrollieren Sie doch mal Halb-Moskau: keiner weiß, wo sie herkommen und keiner verlangt von ihnen irgendein Dokument. Wenn es eine Registrierung gäbe, dann wüssten wir, wer abgewandert ist und wer zugereist. Bei meiner Ankunft in Riga, da wurden alle durchgesiebt und kontrolliert. Und deshalb geht es denen auch gut, sie haben keine Fremden aus dem Kaukasus. Und in unserem Land existieren solche Daten nicht, die unter Verschluss gehalten werden können, alles kommt sofort an die Öffentlichkeit.
Ismail, 22, Macintosh-Berater
Mehr Angst als vorher habe ich nicht. Es ist nun mal so, dass vom Menschen an sich eine Gefahr ausgeht und in jedem Menschen sowohl gute als auch schlechte Seiten stecken. Der Terroranschlag hätte wohl kaum verhindert werden können, auch wenn der Staat lückenlose Informationen über jeden Bürger hätte. Im konkreten Fall gab es einen Selbstmordattentäter, und wenn dieser beschlossen hat, so etwas zu tun, dann hätten wohl weder Technik und noch nicht einmal Informationen über den Täter den Anschlag verhindern können. Man kann doch nicht überwachen, was sich bei ihm im Kopf abspielt. Ich würde mein Einverständnis jedenfalls nicht geben, mehr Informationen über mich zu sammeln. Das ist wahrscheinlich eine Frage des Vertrauens gegenüber dem Staat. Wir erfahren doch nicht die ganze Wahrheit und auch die Medien nennen die wahren Hintergründe des Anschlags nicht.
Eine Frau, die anonym bleiben will, geschätztes Alter: 40
Angst auf die Straße zu gehen habe ich auch jetzt nicht. Ganz im Gegenteil: Meiner Meinung nach gewöhnen wir uns allmählich an solche Ereignisse. Ja, der Terroranschlag hätte verhindert werden können: Verdächtiges muss man bei der Behörde melden. Es geht nicht um allgemeine Bespitzelung, aber sachdienliche Hinweise müssen sein. Ich selbst hätte nichts dagegen Angaben über meine Person zur Verfügung zu stellen, warum nicht? Das ist normal und wird in allen Ländern praktiziert. Das, was bei uns passiert, ist die Folge von Schlamperei und Nachlässigkeit der Leute. Es übernimmt einfach keiner in seinem Zuständigkeitsbereich die Verantwortung für die ihm übertragenen Aufgaben. Und hinzu kommt die Wachsamkeit der Bürger – es hat doch keiner gesagt, dass wir uns ohne Argwohn zurücklehnen können. Nehmen Sie die westlichen Staaten: dort ist das gang und gäbe.
Alexej, 20, Student an der Fakultät für Journalistik des geisteswissenschaftlichen Daschkow-Instituts Moskau
Ich denke, jeder Mensch hat Angst um sein Leben, wenn immer wieder solche Terroranschläge passieren. Jeder Mensch hat Angst um sich und seine Nächsten. Wenn der Staat alles über jeden Bürger weiß, dann ist das ein totalitäres System und das widerspricht meinen politischen Ansichten: Ich bin liberal eingestellt. Ich wäre nicht bereit, Informationen über mich zur Verfügung zu stellen.
Jelena, ungefähr 40 Jahre, Verkäuferin
Angst um andere, Mitleid und Mitgefühl empfinde ich natürlich. Aber um mich selbst habe ich keine Angst: Wer weiß schon, wann ihm der Ziegelstein auf den Kopf fällt! Es würde mir nicht passen, wenn ich überwacht würde, wenn man kontrolliert, was ich in der Tasche habe – nein. Ich bin für Freiheit, aber ohne Terroranschläge.
Sergej, 41, Drucker
Ich habe nicht mehr Angst als vorher. Wenn der Staat über alles und jeden Bescheid wüsste, dann könnte man wahrscheinlich Terroranschläge verhindern. Aber so wie es jetzt ist, geht es überhaupt nicht: an einem beliebigen Ort kann jeder so mir nichts, dir nichts was in die Luft sprengen. Ich wäre bereit, Informationen über mich zu hinterlassen: Ich wohne in einer Kleinstadt, bin nicht aus Moskau. Ich lasse mir im Großen und Ganzen nichts zuschulden kommen. Wovor sollte ich denn Angst haben? Ein Unglück kann jedem und überall passieren.
Studentin an der Fakultät für Journalistik der Staatlichen Universität Moskau
Übersetzung: Marlies Wenzel
Copyright: Goethe-Institut Russland
Februar 2011
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