„Bieten Menschen – zu Schnäppchenpreisen“

Wie finden Sie es, dass Ihre Daten zu kommerziellen Zwecken oder von Geheimdiensten genutzt werden können? Ich habe Nutzer sozialer Netzwerke sowie Arbeitskollegen und Freunde befragt. Die meisten antworteten: „Ist mir egal“. Eine Bekannte von mir machte neulich via Skype ihrem Unmut Luft und schrieb wörtlich:
- [7:13:44 PM]: Ich hatte in meinen Facebook-Posts mehrmals erwähnt, dass ich Kopfschmerzen habe. Jetzt wird am Rand meiner Seite häufig Werbung für Kopfschmerzmedikamente eingeblendet. Später stellte ich ab und zu französische Videos ins Netz. Als Reaktion darauf folgte die Empfehlung eines Französischlehrbuchs für Selbstlerner und eines Sprachlehrers obendrein (Smiley).
In Marketingkreisen nennt man das Targeting. Dabei fungieren Sie mit Ihrer Seite im sozialen Netzwerk gewissermaßen als Zielscheibe. Und wer etwas zu verkaufen hat, nimmt Sie ins Visier. Gezielte Werbung im Netz ist relativ preiswert (ab 5 Rubel pro Klick auf eine Anzeige). Wenn man sie tatsächlich einmal verfolgt, bekommt man das Gefühl, überwacht zu werden und den Eindruck, andere wüssten genauestens über einen Bescheid.
Im Visier
Wie finden Sie es, dass Ihre Daten zu kommerziellen Zwecken oder von Geheimdiensten genutzt werden können? Angenehm? Unangenehm? Ist Ihnen egal? Hierzu habe ich Nutzer sozialer Netzwerke sowie meine Arbeitskollegen und Freunde befragt. Die meisten antworteten emotionslos: „Ist mir egal.“ (insbesondere die Männer) und wollten damit zum Ausdruck bringen, es sei ihnen gleichgültig, was die Betreiber der Netze mit ihren Daten anstellen können. Einige der Antworten fielen aber auch ausführlicher aus:
Anna Hjakkinen (27), PR-Fachfrau aus Tscheljabinsk:
„Was die Werbung angeht: Die Nutzung all dieser Plattformen ist kostenlos, deshalb sind sie auf Werbung angewiesen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Personalisierte Werbung ist gar keine schlechte Sache. Wenn ich als Konsument schon über ein Produkt informiert werde, dann sollte es eines sein, das ich brauche, und das mein Interesse weckt. Wenn man mir als Vertreterin der weiblichen Nutzergruppe allerdings Tag für Tag – um ein Beispiel zu nennen - einen neuen Liebesroman zum Kauf anbietet oder den Besuch einer Seite mit Kochrezepten empfiehlt, dann nervt das gewaltig. Was die Geheimdienste betrifft, hatte ich mit ihnen, Gott sei Dank, noch nichts zu tun. Ich habe im Prinzip nichts zu verbergen, und trotzdem ist der Gedanke unangenehm und hat einen üblen Beigeschmack. Besonders dann, wenn auf einer Plattform (nach Beispielen hierfür muss man nicht lange suchen) die Angabe des vollständigen Realnamens, der Mobilfunknummer und weiterer Daten sowie ein Foto plötzlich Pflicht sind.“
Volkmar (32), Modedesigner aus Hamburg:
„Nein, dazu bin ich zu unwichtig, und es gibt viel zu viele User, zum Beispiel bei Facebook.“
Katja Hermann (30), Studentin aus Berlin:
„Manchmal habe ich mir diese Frage schon gestellt. Dasselbe kann allerdings auch mit unseren persönlichen Daten aus dem Telefonbuch, dem Einwohnermeldeamt und der Gebühreneinzugszentrale passieren.“
Tatjana Martschenko (24), Redakteurin eines Moskauer Medienportals:
„Ich denke, dass meine Informationen leicht für Werbezwecke und von Geheimdiensten genutzt werden können. Deshalb mache ich das, was nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist, auch nicht über soziale Netzwerke publik.“
Das Internet als besonderer, sprich virtueller Lebensraum ist ein Abbild gesellschaftlicher Verhaltensmuster. Natalja Prytkowa, Leiterin der Abteilung Social Media Marketing der Moskauer Agentur „Paprika“, die eigene Untersuchungen zu sozialen Netzwerken durchführt, sieht das Internet heute insgesamt auf dem Weg der globalen Sozialisierung. Gegenstand der Betrachtung sind nicht mehr die einzelnen sozialen Netzwerke, sondern in den Mittelpunkt rückt zunehmend das Internet als eine einzige große soziale Netzgemeinschaft, in der wir das finden, wofür uns im realen Leben die Zeit fehlt. Sozialisierung gehört heute zu den Funktionen des Internets. Deshalb weisen inzwischen auch viele Webseiten Merkmale auf, die für soziale Netzwerke typisch sind (zum Beispiel eine Kommentarfunktion). Die sozialen Netzwerke ihrerseits strecken im Internet ihre Fühler durch soziale Plug-ins in Form von Like-Buttons aus und verbinden damit die Plattformen untereinander.
Wo jedoch Sozialisierung stattfindet, gibt es auch Informationen. Als Marketing-Fachfrau, die Strategien zur Vermarktung von Waren und Dienstleistungen im Internet entwickelt, bezeichnet Natalja Prytkowa die Aktivitäten in den sozialen Netzwerken nicht als Werbung, sondern als Informationsaustausch mit den Kunden.
Anton Popow, Generaldirektor der Agentur „Redkaja marka“ (deutsch: Seltene Marke), hebt hervor, dass das Interesse an Werbung in den sozialen Netzwerken in letzter Zeit zunimmt:
„Auf eine richtig angelegte Werbung klicken tatsächlich jene, für die sie bestimmt ist. Wenn jemand im Profil sein Interesse für Autos hinterlegt hat, wird er wahrscheinlich von Autokonzernen zu einer Testfahrt eingeladen. Und möglicherweise nimmt er die Einladung an. Sogar Virusbanner und -videos werden von Nutzern der sozialen Netzwerke angeklickt, überwiegend von Männern."
Wer jedoch erteilt den Werbetreibenden die Erlaubnis, die persönlichen Informationen der Nutzer zu sammeln, um dann mit ihnen in eine kommerzielle Kommunikation einzutreten? Wir selbst etwa?
Regeln sind zum Einhalten da
Alles, was die Verwendung unserer persönlichen Daten zu kommerziellen und anderen Zwecken angeht, ist in den Nutzungsbedingungen der sozialen Netzwerke geregelt.
Die Plattform Vkontakte (das russische Pendant zu Facebook) informiert darüber in Punkt 4.8: Mit seiner Registrierung auf dieser Seite stimmt der Nutzer den hier aufgeführten Regeln zu und erteilt dem Betreiber gleichzeitig die Erlaubnis, seine bei der Registrierung eingegebenen persönlichen Daten sowie die von ihm auf seiner persönlichen Webseite freiwillig veröffentlichten Angaben zu verarbeiten. Der Betreiber des Portals verarbeitet die persönlichen Daten des Nutzers unter anderem mit dem Ziel, ihm personalisierte (targetierte) Werbung zu präsentieren, sowie zum Zweck der Kontrolle …
Das bei deutschen und russischen Jugendlichen gleichermaßen beliebte Facebook drückt sich verklausulierter aus: „Dir gehören alle Inhalte und Informationen, die du auf Facebook postest. Zudem kannst du mithilfe deiner Privatsphäre- und Anwendungseinstellungen kontrollieren, wie diese ausgetauscht werden. Du gibst uns eine nicht-exklusive … unentgeltliche … Lizenz für die Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest („IP-Lizenz“). Unser Ziel ist es, Werbeanzeigen nicht nur für Werbetreibende, sondern auch für dich wertvoll zu gestalten. Du kannst über deine Privatsphäre-Einstellungen einschränken, inwiefern dein Name und dein Profilbild mit kommerziellen … Inhalten … verbunden werden können … Du erteilst uns die Erlaubnis, vorbehaltlich der von dir festgelegten Einschränkungen, deinen Namen und dein Profilbild in Verbindung mit diesen Inhalten zu verwenden. Wir geben deine Inhalte und Informationen nicht ohne deine Zustimmung an Werbetreibende weiter.“
Allerdings ist für die Registrierung auf dieser Website genau diese Zustimmung erforderlich. Klickt man im deutschen Netzwerk StudiVZ auf den Button „Persönlicher Datenschutz“, erscheinen folgende „beglückende“ Parolen: „Du allein bestimmst, wer Deine Daten sehen kann – in Deinen Privatsphäre-Einstellungen. Wir verkaufen keine Nutzerdaten – haben wir noch nie und werden wir auch nicht. Wenn Du etwas löschst, ist es auch weg. Restlos. Für uns gilt das strenge deutsche Datenschutzrecht – und wir nehmen das ernst!“ Mit diesen Zeilen soll der Nutzer beruhigt und sein Vertrauen gewonnen werden. Aber die Nutzungsbedingungen dieses sozialen Netzwerks unterscheiden sich praktisch in nichts von den Regeln bei Facebook oder Vkontakte. Folgen Sie einfach dem unauffälligen Link „Datenschutz-Erklärung“: „Ich willige ein, dass bei einem von mir veranlassten Zugriff auf das studiVZ-Netzwerk automatisch Informationen durch den von mir verwendeten Internet-Browser übermittelt und dass diese durch studiVZ für eine Zeitdauer von höchstens sechs Monaten in sogenannten Protokolldateien gespeichert werden. Ich erkläre mich damit einverstanden, dass studiVZ diese in den sogenannten Protokolldateien gespeicherten Daten (von „Meiner Seite“: besuchte Hochschule, Studiengang/-richtung, Interessen, Clubs/Vereine, Musikrichtung/Bands, Lieblingsbücher/-filme etc. sowie meine Mitgliedschaft in Gruppen) auswertet und analysiert, um das studiVZ-Netzwerk und seine Anwendungen zu optimieren sowie um mir gezielt personalisierte Werbung und/oder besondere Angebote und Services über das studiVZ-Netzwerk zu präsentieren, zum Beispiel eine auf meine(n) Studiengang/-richtung ausgerichtete Buchempfehlung; Produktwerbung, die auf meinen Interessen beruht etc.).“
Haben Sie so etwas gelesen, bevor Sie sich in einem sozialen Netzwerk registriert haben? 28 von 30 jungen Deutschen und Russen, die ich das gefragt habe, verneinten. Lediglich eine junge Moskauerin und ein junger Mann aus Berlin hatten sich die Nutzungsbedingungen angeschaut, konnten sich an deren Inhalt aber kaum erinnern …
freie Journalistin aus Tscheljabinsk, lebt und arbeitet in Moskau.
Übersetzung: Marlies Wenzel
Copyright: Goethe-Institut Russland
Februar 2011
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