Iwan Begtin über das Social Camp 2011 in Twer
In diesem Jahr fand bereits zum zweiten Mal die Un-Konferenz Social Camp statt, die zivilgesellschaftliche, karitative und Non-Profit-Projekte einschließlich ihrer Internetaktivitäten zum Gegenstand hatte.
Ich hatte die Gelegenheit das zweite Mal mit dabei zu sein, und während das beim ersten Mal vor allem aus Neugier geschah, war es in diesem Jahr ganz bewusst und gezielt. Ein Social Camp ist keine Business-Konferenz und kein Forum über E-Government. Das ist eine Veranstaltung, erlebnisintensiv und voller Eindrücke, die mir persönlich gefällt und das aus folgendem Grund.
In Russland ist das Misstrauen der Bürger gegenüber dem Staat, den Politikern und Staatsbeamten groß und das Vertrauen in die eigene Kraft gering. Unser Land weist traditionell schlechte Werte im WorldGivingIndex auf, und das ist kein Zufall. Wir sind schon daran gewöhnt, dass die Menschen selten Geld für Wohlfahrtsorganisationen spenden. Es gibt nicht viele Freiwillige, die bereit sind an zivilgesellschaftlichen Aktionen teilzunehmen, und noch geringer ist die Zahl derer, die bereit sind, das aus eigener Überzeugung zu tun und nicht, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Genau deshalb ist das Social Camp einzigartig, denn es ist ein Treffpunkt für jene, die nicht nur an ihre Kraft glauben, sondern auch den Willen haben, diesen Glauben in reale Taten umzusetzen.
Das Social Camp 2011 fand vom 5. bis 8. Juli in Twer statt. Das besondere Format dieser Konferenz, das eines Barcamp, bedingt, dass das Vortragsprogramm durch die Teilnehmer selbst entwickelt und gestaltet wird. Die Aktivisten, die bereits auf die erfolgreiche Gründung von Non-Profit-Projekten und deren Kommunizierung im Internet zurückblicken, tauschten mit ihren Kollegen Erfahrungen aus. Am Rande der Präsentationen machten sie sich miteinander bekannt und verabredeten gemeinsame Projekte. Die Teilnehmer hielten ihre Vorträge zeitgleich in fünf Sälen des ehemaligen Flusshafen-Gebäudes. Die große Anzahl von Vortragenden und Themen sorgte für eine große Programmfülle der Konferenz und stellte viele Zuhörer vor die schwierige Frage, für welche der Präsentationen zu interessanten Projekten sie sich entscheiden sollten. Aus diesem Grund kann ich nur die Projekte und Vorträge beschreiben, die ich selbst gehört habe.
Das Projekt „Tak prosto!“ (deutsch: So einfach!)
Das Projekt Tak prosto! wurde von der Agentur für Soziale Informationen (ASI) gegründet, die es seit 2004 gibt und deren Spezialgebiet das Zusammenwirken von Non-Profit- und Wohlfahrtsorganisationen mit den Staatsorganen und der Geschäftswelt ist. Tak prosto! ist eine Kampagne, die Non-Profit-Organisationen bei der Festigung ihrer sozialen Basis unterstützt. Beim Social Camp wurde dieses Projekt ausführlich und informativ von seiner Sprecherin Olga Drosdowa vorgestellt. Menschen für Initiativen zu gewinnen und Non-Profit-Organisationen transparent und für die Gesellschaft nachvollziehbar zu machen war eines der Ziele des Projektes Tak prosto!. In seiner Startphase führte ASI Untersuchungen zum Grad des Vertrauens in Non-Profit-Organisationen durch und fand heraus, dass die meisten Bürger Non-Profit-Organisationen öffentlich nicht unterstützen und ihre guten Taten nicht zur Schau stellen wollen. Der Name des Projekts wurde nicht zufällig gewählt. Denn helfen ist wirklich einfach und Ziel des Projektes ist es zu zeigen, dass Wohltätigkeit kein Ding der Unmöglichkeit ist, sondern jeder Wohltätigkeit üben kann, seinen Kräften und Möglichkeiten entsprechend.
Das Projekt „Musora Bolshe Nеt“ (deutsch: Kein Müll mehr)
Über das Projekt Musora Bolshe Net und dessen Propagierung berichtete sein Gründer Denis Stark. Seiner Meinung nach ist es wichtig, dass das Projekt Netzwerkcharakter trägt und in jeder Region von einem konkreten Vertreter vorangetrieben wird. Die Gründer konzentrierten ihre Anstrengungen von Anfang an darauf denjenigen, die eine Aktion starten und registrieren wollen, nützliche und nachvollziehbare Anweisungen zu geben. Auf der Website des Projekts gibt es außer einer Karte, auf der die Standorte von Müllsammelstellen eingetragen sind, auch Ratschläge für die Aktivisten. Dank dieser Anleitung finden Aktionen der Initiative „Musora Bolshe Net “ jetzt in mehreren Regionen Russlands statt. Die regionalen Gruppen nutzen die Erfahrungen, die ihre Kollegen in Sankt Petersburg gesammelt haben.
Das Projekt „Wirtualnaja rynda“ (deutsch: virtuelle Glocke)
Wirtualnaja rynda ist für Russland, das in den letzten Jahren von Natur- und technogenen Katastrophen betroffen war, ein Projekt von großer Aktualität. Seine Gründerin Anastassija Sewerina berichtete, wie ihr erstes Projekt – die Karte der Waldbrände und Hilfszentren Russian-fires.ru – entstand. Das Projekt bekam ständig Feedback von den freiwilligen Helfern und Betroffenen. Die Internetseite entwickelte sich während der Waldbrände in Russland im Juli und August 2010 zu einem der wirksamsten Projekte der Bürgerselbsthilfe. Ein weiteres Projekt – Choloda.info (deutsch: Kälte) – war Problemen gewidmet, die durch die starke Kälte verursacht wurden: gerissene Stromleitungen, Störungen der Wärme- und Warmwasserversorgung, Wasserschäden und vieles mehr. In diesem Jahr wurde mit Unterstützung des Instituts für Moderne Entwicklung die Internet-Plattform Wirtualnaja Rynda gegründet, in der die Autoren alles bisher Entwickelte in ein System integriert haben.
Das Projekt „Goworjaschtschije golowy“ (deutsch: sprechende Köpfe)
Rostislaw Wylegshanin stellte ein Medienprojekt vor, das er selbst als „Anti-Projekt“ bezeichnet. Bei Goworjaschtschije golowy treffen sich zwei Experten und unterhalten sich über ein vorgegebenes Thema, wobei das Gespräch nicht moderiert wird. Das bedeutet, dass die Experten die Dinge direkt beim Namen nennen und Themen sowohl von allgemeinem Interesse als auch sehr spezifische ansprechen. Die Gespräche ohne Anwesenheit eines Journalisten, so Rostislaw, kommen ohne platte und oberflächliche Fragen aus und greifen Themen auf, die für das Publikum von Relevanz sind. Das Projekt ist äußerst interessant, es vereint Fachleute verschiedener Gebiete. Unter ihnen sind solche mit großem Bekanntheitsgrad, aber auch solche, die Experten auf einem ganz speziellen Gebiet sind, mitunter sogar die einzigen. Leider wird das Projekt vorerst nur über Zuschüsse finanziert.
Das Projekt „Zalivaet.SPb“ (deutsch: es überschwemmt uns)
Das Projekt Zalivaet.SPb entstand auf private Initiative von Fjodor Goroshanko im Winter 2010, als die kommunale Wohnungswirtschaft in Sankt Petersburg durch den ständigen Wechsel von Frost und Tauwetter lahmgelegt wurde. Infolge dieser Naturereignisse und der mangelnden Initiative der städtischen Behörden sahen sich zahlreiche Menschen mit Bedingungen konfrontiert, die mit dem Leben in der Stadt schlecht vereinbar sind. Eine Schlüsselfunktion des Projektes erfüllt die Karte aller Wasserschäden, auf der die Bürger die Standorte von Häusern markieren können, deren Dächer undicht sind.
Das Projekt „Wo ist mein Geld, Bruder?“
Andrej Schtscherbakow stellte ein sehr simples, aber, wie sich herausstellte, äußerst nachgefragtes und aktuelles Projekt vor – einen Steuerrechner. Ich erinnere an eine Besonderheit des russischen Steuersystems: Die meisten Russen reichen keine persönliche Steuererklärung ein und wissen nicht, wie viel Steuern sie an den Staat zahlen. Das liegt daran, dass in Russland jedes Unternehmen als Steueragent fungiert und die Steuern für seine Mitarbeiter selbst abführt. Diese Steuern fließen in den Staatshaushalt und in den Haushalt des Rentenfonds. Der von Schtscherbakow geschaffene Steuerrechner erlaubt es jedem Bürger, die Höhe seines offiziellen Gehalts einzugeben und zu erfahren, welcher Teil seines Verdienstes pro Jahr als Steuern an den Staat abgeführt wird. Dem Autor zufolge wurde das Projekt in nur sieben Tagen entwickelt.
Offene Daten und der Wettbewerb „Apps4Russia“
Ich kann auch nicht unerwähnt lassen, was ich beim Social Camp im Gepäck hatte. Ich habe über offene Daten und den Wettbewerb Apps4Russia, den ersten Wettbewerb in Russland, der auf offenen Daten basiert, gesprochen. Bereits seit mehr als zwei Jahren propagiere ich das Thema der offenen Daten in Russland aktiv und trete dafür ein, dass die staatlichen Organe den Bürgern ihre Datenbanken in maschinenlesbarer Form zugänglich machen und die Bürger diese Informationen im Rahmen von Projekten für das Gemeinwohl nutzen. Die Schaffung nutzerfreundlicher offener Datenbanken vollzieht sich weltweit sowohl dank der Initiative engagierter Bürger als auch im Rahmen von Wettbewerben, die von den Landes-, Regional- und Stadtregierungen initiiert werden. Apps4Russia ist ein solcher Wettbewerb in Russland, bei dem Preise ausgelobt sind, die von den Organisatoren aus Eigenmitteln finanziert werden. Dieser Wettbewerb verfolgt keine staatlichen, politischen oder kommerziellen Ziele. Während meiner Ausführungen erlebte ich ein großes Interesse sowohl am Thema der offenen Daten als auch am Wettbewerb selbst. Viele wollten wissen, woher man bestimmte Daten bekommt: Preise von Waren, Krankenstatistiken und vieles mehr. Es war zu spüren, dass die Aktivisten gut verstehen, wie wichtig der Zugang zu staatlichen Informationen ist.
Als Fazit
Das Social Camp war für mich persönlich ein Beweis, wie viele Menschen in Russland sich an zivilgesellschaftlichen Projekten beteiligen und wie das Interesse daran Jahr um Jahr wächst. Ich hoffe, beim Camp im nächsten Jahr mit neuen Projekten und Ideen wieder dabei zu sein.
Gründer von Projekten im Bereich Open Government, Leiter des Laboratoriums für intellektuelle Datenanalyse
Übersetzung: Marlies Wenzel
Copyright: Goethe-Institut Russland
Juli 2011
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