Daten zu Fakten machen


Er mag Kette rauchen, zu viel arbeiten und zerknautschte Klamotten tragen, doch schon immer war der Journalist der Bürger par excellence. Ganz einfach deshalb: Die Wahrheit zu sagen, eine unabhängige Meinung zu haben, und zu vermeiden, dass jemand zu Schaden kommt, das ist nicht nur journalistische Ethik, sondern Aufgabe jedes demokratischen Bürgers. Mit der Digitalisierung verschiebt sich die Rolle des Journalisten nun von der Rolle des Detektives zu der des Hackers. Was heißt das genau?
Im neuen investigativen Daten-Journalismus steht einem anstelle des menschlichen Zeugen das Material zur Seite, und es ist interessant zu sehen, woher das Material diese Kraft nimmt. Doch was ist hier die Rolle des Bürgers? Mit der Frage, ob der Bürger jetzt Informatiker werden muss, etabliert man im Augenblick beim Bürger einen Angst-Diskurs. Achtung, Überforderung! Diese Argumentation ist dazu da, die neue Entwicklung zu behindern. Warum muss aus dem Bürger ein Hacker werden, sieht es so aus, als ob wir die arbeitsteilige Gesellschaft bald verlassen werden? Mit der Frage, wer die Verantwortung für die Veröffentlichung geheimer Information trägt, äußern wir dagegen die Besorgnis, ob der Gesellschaft Wahrheit überhaupt zugemutet werden kann. Nur: Was für eine Gesellschaft wollen wir, wenn wir so argumentieren?
Tatsächlich müssen wir begreifen, dass wir es mit einer neuen Form der Macht zu tun haben. Die Macht hat sich verschoben: Heute tut der Staat schwach und unbedarft, und er tut das, damit wir ihn schlechter kritisieren können. Das ist der neue politische Trick: Nach wie vor gibt es politische Macht, allerdings wird heute nicht mehr offen unterdrückt, sondern das politische Tun dem Zugriff der Kritik entzogen. Etwas wird versteckt, oder mit der Argumentation der Notwendigkeit und dem Mangel an Handlungsspielraum zugekleistert. Kritik bedeutet deshalb heute nicht mehr dagegen zu sein, sondern das Vorgehen der Macht sichtbar zu machen. Was diffus von allen gewusst wird, muss zu einem Faktum werden – das ist heute Kritik.
| Mercedes Bunz Dr. phil, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet zu den Themen Kultur, Neue Medien und Gesellschaft. Sie lebt in London. Studium der Philosophie und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin 1997 Mitbegründerin der Monatszeitschrift De:Bug – Magazin für elektronische Lebensaspekte 1999–2001 Chefredaktion De:Bug Promotion als Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung an der Bauhaus-Universität Weimar zur Geschichte des Internets (1959–1984) Arbeit als freie Journalistin 2006 Post-Doktorandin der Universität Bielefeld und Chefredakteurin des Berliner Haupstadtmagazins zitty 2007 Chefredakteurin von Tagesspiegel Online Seit 2009 schreibt sie regelmäßig für The Guardian zum Thema Medien und neue Technologien. Im Herbst 2011 wird ihr neues Buch zur Digitalisierung, Wahrheit und Journalismus erscheinen. Veröffentlichungen Vom Speichern zum Verteilen. Die Geschichte des Internet. Berlin, Kadmos Verlag 2008. |







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