Vom Netzpiraten zum Sicherheitsberater: der Chaos Computer Club

Was 1981 als anarchisches Forum der Hackerszene begann, hat sich mittlerweile als feste Vermittlungsinstanz zwischen Internet- und Systembetreibern, Öffentlichkeit und Politik etabliert: der Chaos Computer Club (CCC). Ein Porträt.Kaum hatte Mitte 2011 das Nationale Cyber-Abwehrzentrum (NCAZ) in Deutschland seine Arbeit aufgenommen, forderte eine neue Generation von Computer-Hackern die weltweite Attacke gegen diese staatliche Form des Datenschutzes. „Wir rufen jedes Kampfschiff auf, das Feuer zu eröffnen“, heißt es martialisch in einer gemeinsamen „Kriegserklärung“ von LulzSec und Anonymus: Hackern, die in den Monaten zuvor mit spektakulären Angriffen auf diverse Unternehmens- und Hochsicherheitsdatennetze für Furore gesorgt hatten. Bekämpft werden solle jede Regierung und Behörde, die „unseren Internet-Ozean“ zu kontrollieren versuche.
Gegründet von „Komputerfrieks“
Vorbei scheinen die Zeiten, als die Hacker-Gemeinschaft noch das Image einer Spaßguerilla pflegte: so wie die „Komputerfrieks“ des deutschen Chaos Computer Clubs (CCC), der sich am 1. September 1981 formierte – zu einer Zeit also, als Heimcomputer und elektronische Datennetze mit ihren Telefon-Akustikkopplern, Bildschirmtext (Btx) und analoger Datenfernübertragung (DFÜ) noch in den Kinderschuhen steckten.
Damals hatte sich der ursprünglich in der Westberliner Anarchoszene verhaftete Club eine „kreative Nutzung“ des elektronischen Datenaustauschs – sprich: seine illegale Manipulation – auf die Fahnen geschrieben. Er fand rasch Zulauf unter Technikfans und Computerbastlern. Schon bald verlagerte der CCC seinen Sitz nach Hamburg, wo er bis zur Rückkehr in die Bundeshauptstadt 2003 alljährlich seinen Chaos Communication Congress abhielt: eine Art Happening, das zum Pflichttermin für Anhänger der im gesamten deutschsprachigen Raum dezentral organisierten „Chaos-Treffs“ avancierte.
Menschenrecht auf Kommunikation
Zwar kokettiert der CCC auch dreißig Jahre nach seiner Gründung immer noch gerne mit dem einstigen Ruf einer „terroristischen Vereinigung“. Auch ist bis heute die offizielle Anerkennung der Gemeinnützigkeit ausgeblieben (was aus Imagegründen nicht von allen als Schaden empfunden wird). Trotzdem hat man sich schon 1986 für eine offizielle Organisationsform als eingetragener Verein entschieden.
Denn die Aktivisten um die Gründungsmitglieder Herwart „Wau“ Holland-Moritz, Klaus Schleisiek („Tom Twiddlebit“), Steffen Wernéry und Peter Glaser hatten erkannt, dass sie den ernst gemeinten Zielen des CCC – namentlich die Förderung der Informationsfreiheit und ein Menschenrecht auf weltweite ungehinderte Kommunikation im Internet – durch den Verbleib in der Illegalität einen Bärendienst erweisen würden.
Im Dienst der Spionage
Aufsehenerregend waren die Aktionen des Chaos Computer Clubs von Anfang an. Aber etliche der spektakulären „Hacks“, mit denen der CCC die Sicherheitslücken angeblicher Hochsicherheitsrechner von Weltraumbehörden wie NASA und ESA oder von Großforschungseinrichtungen wie der CERN offenlegte, datieren bereits in die Zeit um die Vereinsgründung oder kurz danach.
Dazu gehört auch die später verfilmte Ausspionierung einer Reihe von Computersystemen westlicher Firmen und Organisationen bis hin zum Pentagon für den sowjetischen Geheimdienst KGB, mit der sich eine Hacker-Gruppe um Karl Koch („Hagbard Celine“), Markus Hess („Urmel“) und Hans Heinrich Hübner („Pengo“) bis zu ihrer Verhaftung 1989 ihrer Geldsorgen zu entledigen suchte.
Zum vorläufig letzten Mal geriet der CCC 1998 durch den mysteriösen Tod des Hackers Boris Floricic („Tron“) groß in die Schlagzeilen. Der 27-jährige Berliner, der die außergewöhnliche Fähigkeit zum Lesen von Binärcodes besaß, hatte zuvor den Beweis angetreten, dass kein kommerzielles Verschlüsselungs- und Authentifizierungssystem vor ihm sicher war.
Hacker werden bürgerlich
Dies alles ist als Legende in die Club-Annalen eingegangen. Langfristig geschadet hat es dem positiven Renommee der inzwischen auf rund 9.000 Mitglieder und Sympathisanten angewachsenen „Chaos-Family“ in der Öffentlichkeit nicht.
Im Gegenteil: Inzwischen sind die Internet-Anarchisten von einst in Kreisen von Wirtschaft und Politik zu ebenso gefragten wie hoch dotierten Sicherheitsberatern und Gutachtern geworden. Heute bekleiden sie Lehrstühle für Informatik oder treten als Sachverständige vor dem Bundesverfassungsgericht in umstrittenen Gesetzesvorhaben auf – etwa in Sachen Vorratsdatenspeicherung, Internetzensur oder Biometrie. Selbst der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) lobte schon vorsichtig ihre Expertise.
Neuerdings sitzt eine CCC-Abordnung sogar in der Enquête-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages – nach eigener Darstellung freilich nur, um „technische Nothilfe bei der Einrichtung eines elektronischen Bürgerbeteiligungssystems“ zu leisten. Als Rechtfertigung für diese unlängst noch verpönte Annäherung an das „Establishment“ führt der Chaos Computer Club dabei die Chancen für eine Erneuerung der demokratischen Politikgestaltung an, die in den neuen, dynamischen Methoden der Online-Beteiligung lägen. Die „Netzchaoten“ von einst scheinen endgültig bürgerlich geworden zu sein.
arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011
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