Mashup − Eine neue Version ist verfügbar


Wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert
„Wenn wir etwas Neues erschaffen möchten, müssen wir nach Dingen suchen, von denen die meisten nicht einmal wissen, dass sie nichts von ihnen wissen.“ Der Mann, der das sagt, hat sein Geld damit verdient, dass er an soziale Netzwerke gedacht hat, als die meisten nicht mal wussten, dass sie so etwas brauchen könnten. Lars Hinrichs leitet heute den Inkubator HackFwd in Berlin, bekannt geworden ist er als er 2003 das Karriere-Netzwerk OpenBC (heute Xing) gründete und später an Burda verkaufte.
Den obigen Satz hat er in das Magazin „Business Punk“ geschrieben, dessen Slogan lautet „Work Hard, Play Hard". In Business Punk muss man nicht erklären, was Xing oder was ein Inkubator ist (eine Firma, die kleine Firmen bei der Entwicklung ihrer Ideen finanziell unterstützt). Dafür sucht man in „Business Punk“ vergeblich nach einer kulturgeschichtlichen Analyse dessen, was eben diese neuen Dinge mit unserer Vorstellung von Kunst und Gesellschaft machen, von denen die meisten nicht mal wissen, dass sie nichts davon wissen.
Lars Hinrichs Inkubator will die Kreativität von Programmieren unterstützen. HackFwd will die Ideen derjenigen fördern, die in der Digitalisierung eine Chance sehen. Hinrichs nennt sie Geeks, er nennt sie nicht Autoren, Schriftsteller, Kreative. Dabei sind Geeks zweifelsohne kreativ, aber nicht in dem klassischen Sinne, in dem man dies einem Künstler zuschreibt. Es ist an der Zeit, die Welt der Geeks und die der klassischen Künstler zusammen zu führen.
Zeit des digitalen Überschusses
Mitte der 1990er Jahre beschrieb der amerikanische Informatik-Professor Nicholas Negroponte die Digitalisierung als den Wandel von Atomen zu Bits. Seit dem versucht die Gesellschaft mit den Folgen dieses Wandels umzugehen: Daten werden von ihrem Träger gelöst und können so kosten- und verlustfrei verbreitet werden. Diese historische Ungeheuerlichkeit ist Kern der digitalen Kopie. Aus ihr leitet sich ein ungeheuerlicher Angriff auf die bestehenden Denk- und Geschäftsmodelle von Kunst und Kultur ab, die auf Verknappung setzen, wo plötzlich Überfluss herrscht. Aus ihr leitet sich aber auch eine ungeheuerliche Chance für diejenigen ab, die nach neuen Möglichkeiten auf Basis dieser historischen Ungeheuerlichkeit suchen.
Die digitale Kopie − das zeigt die Geschichte seit Napster − wird nicht wieder verschwinden. Alle Versuche, den Geist wieder in die Flasche zu kriegen, müssen als gescheitert gelten. Allein deshalb und weil die Kopie schon immer Grundlage unserer Kultur war, sollten wir alle − Geeks wie Künstler und erst recht die Gesellschaft − nach Wegen suchen, mit der digitalen Kopie Lösungen für Kunst und Kultur zu finden statt gegen sie zu arbeiten. Dazu zählt zunächst ein funktionierendes und legitimiertes Urheberrecht. Dieses muss so beschaffen sein, dass es Künstlern die Möglichkeit gibt, ihre geistigen Werke in ihrem Sinn zu vermarkten und davon auch leben zu können. Es muss andererseits aber auch eine legitime Grundlage in der Bevölkerung haben. Gerade das Urheberrecht ist darauf angewiesen, dass die Bevölkerung Einsicht nimmt in die Notwendigkeit des Gesetzes. Diese Einsicht hat in den vergangenen Jahren in dem Maße dramatisch abgenommen wie eine ebenso dramatisch wachsende Abmahnindustrie gewachsen ist. Deren Geschäftsmodell basiert darauf, Menschen für eine Tätigkeit zu verfolgen, die sie als alltäglich ansehen: das Kopieren.
Diesen Legitimationsverlust wird man im Sinne eines tragfähigen Urheberrechts nur dann stoppen, wenn man wie schon bei der Einführung der Kassettenkopie über pauschale Abgabesysteme nachdenkt. Die Kulturflatrate ist hier ein erster Ansatz, um den ideologisch geführten Konflikt um ein zukunftsfähiges Urheberrecht zu befrieden.
Kultur 2.0
Darüber hinaus müssen wir verstehen lernen, welche Folgen aus der digitalen Kopie für unser Verständnis von Kunst und Kultur erwachsen: Vorlage und Vervielfältigung sind einzig durch den Zeitstempel zu unterscheiden und das Original ist immer auch Verarbeitungsvorlage. Kunst und Kultur werden somit zu Software, die wir in Versionen denken müssen. Die Ablösung der Daten von ihrem Träger machen diese flüssig. So rückt der Entstehungsprozess eines Kunstwerks in den Vordergrund und ergänzt das fertige Produkt. Hier können Chancen für eine kollaborative Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Konsumenten liegen. Ein Buchautor schafft so einen Raum, den seine Leser zu Beginn der Arbeit an seinem Buch betreten können − und nicht wie bisher üblich erst am Ende.
Deshalb entsteht mein aktuelles Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ aktuell auf einer Crowdfundingplattform (www.startnext.de/neueversion, ab Mitte Oktober live) im Austausch mit meinen Lesern. Ich will die Verflüssigungsthese des Buches auch in dessen Entstehung darlegen. Denn darum muss es meiner Meinung nach jetzt gehen: Dinge auszuprobieren, von denen wir noch nicht genau wissen, wohin sie führen und wie sie enden. Nur dann kann in dem Sinne Neues entstehen wie Lars Hinrichs es beschrieben hat.
| Dirk von Gehlen, geboren 1975, ist Chefredakteur von Jetzt.de und
Social-Media-Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“. In seinem Buch
„Mashup – Lob der Kopie“ (Suhrkamp-Verlag 2011) tritt der Journalist für
ein besseres Image der Kopie und gegen ihre Kriminalisierung ein. |
Chefredakteur von Jetzt.de und Social-Media-Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“
Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
Oktober 2012
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