Remixkultur

Remix ist (k)eine Kunst!

Sprachflagge
Foto: CC by-sa 3.0 W. Artschwager


Cornelia Sollfrank über Remixkultur, bürgerliches Kunstsystem und Monopolstellung der Kreativität

Lese-Schreib-Kultur

In den Beschreibungen und Analysen der Remixkultur wird in der Regel eine Unterscheidung gemacht zwischen der Kulturproduktion von professionellen Künstlern und der von Amateuren. So assoziiert der Rechtswissenschaftler und Erfinder der Creative Commons, Lawrence Lessig, in seinem Buch Remix das, was er ‚Nur-Lese’-Kultur (Read Only Culture) nennt, in erster Linie mit hauptberuflichen Künstlern, die ihre Werke als abgeschlossen betrachten und die alleinige inhaltliche und ökonomische Kontrolle über diese beanspruchen. In der erst durch digitale Technologien auf breiter Basis möglich gewordenen Lese-Schreib-Kultur (Read/Write Culture) hingegen herrsche eine durch Kollaboration geprägte Kreativität, ein offenes Werkverständnis und damit zusammen hängend auch eine komplexere Vorstellung von Autorschaft. Anhand dieser Unterscheidung kritisiert Lessig das bestehende Urheberrecht, das seines Erachtens die Read-Only-Kultur einseitig befördert. Er argumentiert für eine Reform des Urheberrechts, um die Entfaltung der Read-Write-Kultur nicht zu behindern, die aus bisher passiven Konsumenten selbst kreativ Schaffende mache und somit die zuvor Profis vorbehaltene künstlerische Tätigkeit demokratisiere.

Meta-Methode

Der Medienwissenschaftler Felix Stalder verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Auch er unterscheidet zwischen professioneller und Amateurkultur, interpretiert aber das Entstehen der Remixkultur als eine Annäherung, durch die eine klare Grenze zwischen beiden Bereichen verschwimmt. Stalder definiert Remix als „Meta-Methode“, die viele Genres und Arbeitsweisen umfasst und darin besteht, „aus kulturellen Werken oder Werkfragmente neue Werke zu schaffen“. Er sieht darin eine kulturelle Form, die für die Netzwerkgesellschaft ebenso paradigmatisch geworden ist wie es Konzepte des „originären Werkes und der autonomen Künstlerpersönlichkeiten für die Kultur der bürgerlichen Moderne waren“. Dass letztere wesentlich das Urheberrecht in seinen Grundzügen beeinflusst haben, erklärt das spannungsreiche Verhältnis zwischen Urheberrecht und Remix-Praktiken. Stalder ist aber optimistisch was künftige Entwicklungen anbelangt. Einfach aufgrund der Tatsache, dass Remixkultur ein Massenphänomen ist, für das Ausnahmeregelungen wie Fair Use keinen sinnvollen Umgang mehr darstellen, wird sich das Recht so ausdifferenzieren müssen, dass Remix ein unproblematischer kultureller Standard sein kann.

Monopolstellung der Kreativität

Das Phänomen der Remixkultur stellt aber nicht nur das Recht vor wichtige Fragen; mindestens ebenso komplexen Fragestellungen sieht sich ein bürgerliches Kunstsystem gegenüber, dessen Monopolstellung in Sachen Kreativität ins Wanken gerät. Auch wenn sich die Remixkultur in ihren Methoden und Konzepten aus der Kunst des 20. Jahrhunderts, aus Collage, Montage, Appropriation etc. entwickelt hat, stellt sich nun die Frage, wie die neuen Praktiken der Produktion und Distribution unter digitalen vernetzen Bedingungen auf die Kunst zurück wirken. Was bedeutet es für die Praxis der Kunst, wenn der Werkbegriff sich auflöst und massenweise und kollektive kreative Produktion die Rollen von Autor und Rezipient aufweicht – ganz so wie es postmoderne Philosophie in der Theorie vorweg genommen hat? Wird das System – wieder einmal – in der Lage sein, die neuen Bedingungen soweit zu kooptieren, dass es selbst nicht mehr gefährdet ist, oder wird mit einem vollständigen Paradigmenwechsel das Kunstsystem, inklusive der Künstler ebenso obsolet werden, wie ein Urheberechtsdogma, das genau darauf beruht?

Quellen:
Felix Stalder, Neun Thesen zur Remixkultur, 2009
Lawrence Lessig, Remix, 2008

Cornelia Sollfrank ist Künstlerin und Forscherin und lebt in Celle und Dundee, Schottland. Nach einem klassischen Kunststudium widmete sich Sollfrank der Erforschung digitaler Technologien und deren ästhetischen und sozialen Implikationen. In ihrer Tätigkeit vereinen sich konzeptuelle und performative Ansätze zu forschender Praxis und schreiben praktische Theorie. 2011 hat Sollfrank ihre praxis-basierte interdisziplinäre Forschung an der Dundee Univeristy (UK) mit einem Dokorat abgeschlossen. Unter dem Titel 'Performing the Paradoxes of Intellectual Property' leistete sie einen Beitrag aus künstlerischer Sicht zu den Widersprüchen, die das Konzept des geistigen Eigentums mit sich bringt. Seit 2012 ist Sollfrank in der Lehre und Forschung am Duncan of Jordanstone College of Art and Design, Dundee, tätig.
Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
Oktober 2012

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