„Mein Publikum bin ich selbst“ – der Blogger Ilja Kabanow im Gespräch

Für Ilja Kabanow ist ein Leben ohne sein Online-Tagebuch metkere.com undenkbar. Der Blogger aus Nowosibirsk plaudert mit uns über seinen gewohnten Tagesablauf, Kommentare im russischen Internet, Medien der Zukunft und Sowjetnostalgie.Ilja, wie sieht der Tagesablauf eines Bloggers aus?
Der Tagesablauf ist in etwa immer gleich. Er wird von der Informationsrecherche und dem Schreiben von Einträgen für Metkere.com bestimmt. Manchmal gehe ich zu Veranstaltungen, wenn ich auf der Suche nach Themen für mein Blog bin.
Also könnte man sagen, dass sich die Grenzen zwischen dem Bloggen als Arbeit und dem Bloggen als Form des persönlichen Lebens in deinem Fall verwischt haben?
Für mich ist das Hobby zum Beruf, zur Karriere und zum Lebensinhalt geworden. Das Weblog erlaubt mir all das zu machen, was mir gefällt: zu schreiben, Veranstaltungen zu besuchen oder sie selbst zu organisieren und gleichzeitig ein gefragter Autor zu sein.
Dein Blog enthält nur wenig Persönliches?
Da gibt es überhaupt nichts Persönliches. Anfangs habe ich versucht aus der Distanz zu schreiben, schrieb über mich in der dritten Person und nannte mich Redaktion. Dann wurde mir klar, dass es platt und langweilig ist, von sich als Redaktion zu sprechen und ich begann Personalpronomen zu verwenden. Mitunter erlaube ich mir schon mal persönliche Einträge.
Worin besteht deiner Meinung nach der grundsätzliche Unterschied zwischen einem Blogger und einem Journalisten?
Darin, dass Journalist ein Beruf und Blogger eine Leidenschaft ist. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass Blogger für sich schreiben, Journalisten hingegen für Redaktionen und Leser. Ein Journalist kann alles Mögliche schreiben, schreibt jedoch ein Blogger alles Mögliche, dann gehen Kommentare ein, die ihm zu denken geben: „Ach du lieber Schreck, meinen drei Lesern hat nicht gefallen, was ich geschrieben habe.“ Das Feedback, das ein Blogger erhält, ist in seiner Wirkung stärker als der Einfluss des Publikums auf einen Journalisten. Deshalb gibt es bei mir keine Kommentare, damit so etwas nicht geschrieben wird.

Also warum genau gibt es nun bei dir keine Kommentare? 
Weil die Kommentare im russischsprachigen Internet grässlich sind und man sie nicht lesen kann. Ich möchte nicht, dass metkere.com eine Plattform für fremde Gedanken wird. Im Unterschied zu Russland wird in den Kommentaren auf deutschen Blogs ernsthaft diskutiert. Wir hingegen halten uns für allwissende Experten und trauen uns zu, jedes Thema zu kommentieren. Deshalb beginnen die Kommentare in der russischsprachigen Sphäre mit den Worten: „Was ihr schreibt, ist alles falsch.“ und enden mit: „Ich bin selbst ein Blödmann.“ In der internationalen Blogosphäre sind Niveau und Qualität der Diskussion wesentlich höher.
In deinem Blog gibt es viele historische Themen. Womit hängt das zusammen?
Das würde ich nicht als historische Thematik einordnen, sondern eher als Retrospektive oder Vintage. Solche Themen sind interessant und beim Publikum sehr gefragt. Sogar Menschen, die erst nach dem Ende der UdSSR geboren wurden, verspüren eine Nostalgie nach den 60er und 70er Jahren. Mit meinen Fotos russischer Städte aus der Sowjetzeit bediene ich diese nostalgischen Gefühle. Ich finde es allerdings viel interessanter über die Zukunft zu schreiben als über die Vergangenheit. Wie sich künftig Computer und Medien entwickeln werden oder wie man Karriere machen wird.
Dann erzähle uns etwas über die Zukunft des Bloggens. Wie wird es um die Blogger und ihre Blogs in zehn Jahren bestellt sein?
Blogs als Format wird es immer noch geben. Blogger sind wichtig, weil heute jeder Mensch die
Möglichkeit hat das zu lesen, was ihm selbst gefällt und nicht das, was
irgendeine Redaktion ihm vorsetzt. Erst liest man ein Material aus den
Massenmedien, ein weiteres aus einem Blog und ein drittes aus einem sozialen
Netzwerk. Der Mensch schafft sich sein eigenes globales individuelles
Massenmedium, in diese Richtung wird die Entwicklung garantiert gehen. Die
Materialien werden qualitativ besser werden, multimedialer und interaktiver.
Welchen Stellenwert haben Ereignisse in Nowosibirsk in deinem Blog?
Einen großen. Da ich in Nowosibirsk lebe, interessiert mich, was hier passiert, interessieren mich Vergangenheit und Zukunft der Stadt.
Hast du mal analysiert, wer dein Blog liest?
Das interessiert mich wenig. Das Publikum von metkere.com bin ich, ich führe das Blog für mich selbst und werde niemals das zum Thema machen, was andere interessiert. Eine Zeit lang erschienen meine Posts auf der Internetseite von Echo Moskwy. Ich habe versucht über vorgegebene Themen zu schreiben, bis mir dann klar wurde, dass mein Blog eine Filiale von Echo Moskwy war. Ich hatte kein Interesse mehr so etwas zu lesen und natürlich zu schreiben. Jetzt wird monatlich nur noch ein Post von mir veröffentlicht und damit kann ich gut leben.
Was denkst du über die russische, europäische und weltweite Blogosphäre?
Insgesamt geben die Vertreter der russischsprachigen Blogosphäre ein ziemlich trauriges Bild ab. Ihre Entwicklung ist ab einem gewissen Zeitpunkt in die falsche Richtung gelaufen. 90 Prozent des Contents sind keine Fakten, sondern Bewertungen von Meinungen. Eine interessante Sache, aber das allein genügt nicht. Hauptsächlich sind russische Blogger damit beschäftigt, einen Content zu diskutieren, den andere kreiert haben. Wir haben auch nur sehr wenige Themenblogs. Außerdem ist bei uns ein Blogger ein Publizist, der über alles schreibt und zu allen Problemen seinen Standpunkt hat. Diesen kann er äußern und zudem als Lebensberater fungieren.
Stehst du im Kontakt mit Nawalny, Kaschin und anderen Top-Bloggern?
Wir sehen uns bei Meetings, kommunizieren aber nicht per Blog. Ich schreibe keine Kommentare auf anderen Blogs, außer bei einigen Bekannten aus Nowosibirsk.
Ist das ein Grundsatz von dir?
Ich will die Sache nicht unnötig anheizen: wenn die russischen Kommentare so schrecklich sind, wozu sollte ich etwas von mir hinzufügen?
Einige Ratschläge von Ilja Kabanow für New-Blogger …  
Ihr müsst darüber schreiben, was euch selbst interessiert, und nicht darüber, was das Publikum interessiert. Wenn über die Dinge schreibt, in denen ihr firm seid, dann kommt das Publikum von ganz allein. Fotos, Infografiken und Videos müssen voll einbezogen werden. Außerdem sollte man das Blog am Anfang nicht als Einnahmequelle sehen, sondern einfach aus Spaß an der Sache führen.
| Ilja Kabanow lebt in Nowosibirsk und wurde beim Wettbewerb „The Best of the Blogs“ von der Deutschen Welle zum besten russischsprachigen Blog gekürt. In seinem Blog erzählt über alles, was ihm interessant erscheint und worüber er auch anderen berichten will: Dokumentarfilme, seltene Fotografien, verschollene Bilder und geheimnisvolle wissenschafliche Erkenntnisse. |
Journalistin, Internetredakteurin und freie Mitarbeiterin des Goethe-Instituts Nowosibirsk, hat Philologie an der Staatlichen Universität Nowosibirsk studiert und ist Mitglied im Verband der Journalisten Russlands.
Maja Schelkownikowa
Fotografin.
Copyright: Goethe-Institut Russland
Dezember 2011
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