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Blogger: Beruf oder Berufung?

Wie wichtig sind Blogs für die Gesellschaft? Brechen Blogs als Medium von allen für alle die Massenmedien auf? Oder fristen Blogs und deren Betreiber nur ein Nischendasein im Web, das allzu überwertet ist? Und ist Bloggen eine neue Berufsform oder nur ein Publikationsspielzeug für Nerds und Geeks? Eine Bestandsaufnahme.

In seinem Buch We The Media thematisierte der amerikanische Journalist Dan Gillmor bereits 2004 die revolutionären Möglichkeiten des Internets und bewies, welch machtvolles Recherche- als auch Publikationswerkzeug der Browser ist. Blogs kündigte er als neue Graswurzelbewegung im Journalismus an, die die Massenmedien aufbrechen und durchrütteln würden. Wo stehen Blogs und Blogger nach einem enthusiastischen ersten Quasimanifest?



Randmedium für Nischen oder doch ganz groß?

„Es gibt sicher wichtigeres in einer Gesellschaft als Blogs. Zum Beispiel genug zu essen und zu trinken, genug Jobs und geheizte Wohnungen. Aber wenn man sich die Qualität mancher Blogs anschaut, dann gibt es auch sehr viel Unwichtigeres als Blogs. Zum Beispiel parfümiertes Toilettenpapier, unzählige Sorten Mineralwasser und viel zu viele Fernsehprogramme.“ Marcus Bösch/Journalist

Bereits die Tatsache, dass Blogs – oft sehr gut platziert – in Suchmaschinen auftauchen, ist schon ein Garant dafür, dass Blogs die Gesellschaft mitprägen. Schließlich tippen die meisten Suchenden ihre Frage in die Suchmaske des Google-Orakels, um neue Inhalte zu finden. Selbst bei alltäglichen Suchvorgängen, wie beispielsweise der Suche nach einem neuen Computer von Dell, positionieren sich Blogs direkt auf der ersten Seite der Suchergebnisse und machen Meinung: „Dell sucks!“

Lange Zeit rangierte der gleichnamige Artikel des amerikanischen Medienjournalisten Jeff Jarvis direkt unter der offiziellen Website des Computerherstellers. Zahlreiche befreundete Blogs hatten den Artikel durch Links auf die prominente Position hochgedrückt. In seinem Buch „What Would Google Do?“ fragt der Professor somit rhetorisch und selbstbewusst: „Auf welches Suchergebnis klicken Suchende wohl zuerst?“

Deutsche wiegeln oft kritisch ab

Anlässlich solcher Erfolge erstaunen einen die abwiegelnden und relativierenden Antworten deutscher Blogger, die seit mehreren Jahren – manche fast schon ein Jahrzehnt – Beiträge und Meinungen veröffentlichen. So konstatiert Stefan Schmidt vorsichtig: „Im Gegensatz zu den USA ist der Einfluss von Blogs hierzulande als eher gering einzuschätzen. Großen Einfluss haben sicherlich regimekritische Blogger in totalitären Staaten. Im Gegensatz zu den zensierten Staatsmedien können sie ungefiltert über Menschenrechtsverletzungen und Umweltkatastrophen berichten.“

Auch Marcel Weiss, Experte für Internetwirtschaft, formuliert seine Antwort auf die Frage des Einflusses von Blogs auf die Gesellschaft vorsichtig: „In den USA sehr viel. Hierzulande weniger. Einfluss auf den gesamtgesellschaftlichen Diskurs hierzulande findet noch eher über Bande statt: Klassische Medien greifen Themen aus Blogs auf oder Mitarbeiter von Bundespolitikern lesen Blogs und reichen das weiter.“

Dahingegen sieht der Medienjournalist Marcus Bösch einen ganz massiven Einfluss von Blogs auf einige Wenige. Blogs bedienen seiner Meinung nach eine zunehmend fragmentierte Gesellschaft „ganz hervorragend“ bei Nischen-, Rand- und Spezialthemen. „Als zusätzlicher Filter der Wirklichkeit ergänzen sie herkömmliche Berichterstattung und füllen Lücken, die sonst nicht gefüllt werden würden. Durch Blogs findet jeder der will, Freunde und Verwandte im Geiste. Und das ist schon mehr, als man in einer Zeit vor dem Internet zu hoffen gewagt hätte.“

Diese Aussage ergänzt Marcel Weiss mit dem Hinweis, dass „Fachblogs eine tiefe Behandlung von Themen erlauben, die anders nicht stattfinden würde. Das sorgt für einen besseren Informationsfluss in der Gesellschaft und stellt sie damit insgesamt besser.“ Stefan Schmidt fügt weiterhin hinzu: „Blogs richten sich eher an ein Nischenpublikum, das seine Informationsbedürfnisse in den traditionellen Massenmedien als nicht ausreichend abgedeckt sieht.“

Der Technik-Blogger Martin Wisniowski unterstreicht dahingegen die Möglichkeiten des Many-To-Many-Mediums: „Blogs – oder allgemeiner Social Media – ermöglichen Gespräche auf Augenhöhe. Jeder kann mit jedem Kommunizieren. Das trägt deutlich zur Meinungsvielfalt bei und ganz nebenbei bringt es auch Leute zusammen, die sich sonst nie kennenlernen würden.“ Er sieht den „angenehmen Unterschied zu ausschließlich professionell verfassten redaktionellen Beiträgen.“ Weiter führt er aus: „Profi-Redaktionen müssen dauerhaft Inhalte generieren, um ihre Auflagen oder Klickzahlen zu halten. Blogger dagegen haben meist mehr Freiheiten und auch mehr Muße um Beiträge zu verfassen. Das macht Blogs in der Regel sehr authentisch und interessanter zu lesen.“

Mehr Informationsfluss, freiere Gesellschaften

„The blogosphere is the equivalent of constant mental chatter in the forebrain, the voice we hear in all of our heads.“ (Die Blogosphäre stellt das Äquivalent zur ständigen geistigen Aktivität im Vorderhirn dar, die Stimme, die wir alle in unseren Köpfen hören.), schrieb der Verleger und Internetvordenker Tim O’Reilly in seinem Web 2.0-Manifest. Dass Blogs mehr sind als nur ein quasselndes Vorderhirn des Web, erlebt man auf der deutschen Blogger-Konferenz re:publica. Die re:publica ist ein Zeichen dafür, dass Blogs längst in der deutschen Gesellschaft angekommen sind. Dass die Neugierde und das Bedürfnis nach Öffentlichkeit groß ist, untermauert auch der Umzug der Konferenz in eine noch größere Umgebung. Aber auch wenn die re:publica im Mai 2012 dem wissbegierigen Ansturm noch mehr Fläche für Austausch und Diskussionen bietet, schütteln die »normalen« Internetnutzer meist nur den Kopf, wenn man sie fragt, ob sie von dem „Festival für Blogger“ schon einmal gehört haben. Dramatisch ist das keineswegs, schließlich ist die re:publica eine Fachkonferenz, die sich an ein im Web aktives und meinungsfreudiges Publikum richtet.

In einem sind sich die befragten Blogger einig: Blogs lockern den Informationsfluss auf und bereichern ihn. Blogger decken auf, thematisieren, heben Themen in die Massenmedien und bilden den fruchtbaren Humus für eine vielfältige Meinungsbildung. Nicht zuletzt zeigen die massiven tektonischen Verschiebungen in den nordafrikanischen Staaten Tunesien, Ägypten und Libyen, dass Blogs und soziale Medien wie Twitter und Facebook helfen, ein Bewusstsein zu kreieren. Blogs bringen (kleine) Steine ins Rollen. Revolutionen finden zuerst in den Köpfen und dann auf der Straße statt. Blogs bilden genau dafür das Schmiermittel. Somit ist das Dasein als Blogger mehr Berufung als Beruf.

Moritz „mo.“ Sauer
ist Journalist, Buchautor, Dozent und Webdesigner. Organisator der Cologne Commons, Herausgeber von Phlow.net, dem deutschsprachigen Magazin für Musik- und Netzkultur.

Copyright: Goethe-Institut Russland
Dezember 2011

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