#rp12 – ein Rückblick auf die Konferenz „re:publica“ 2012 


„Action“ war das Motto der diesjährigen re:publica. Darunter fanden in einem sehr weit gefassten Verständnis von „Aktion“ oder „Aktivismus“ so vielfältige Themen wie „Das Iranische Internet“, „Selfpublishing“, „Social-Media-Nutzung der Bundesregierung“, „Health 2.0 in Deutschland“, „Wie Musik, Künstler, Labels und das Netz Freundschaft schließen“ oder „Wie fragt man den Staat?“, „Art is Open Source“ und „Open learning“ ihren Platz.
Anfang Mai 2012 fand zum sechsten Mal die jährliche Konferenz re:publica statt. 2007 zunächst ein überschaubares Bloggertreffen, war die Konferenz in diesem sechsten Jahr mit 4.000 Teilnehmern und 350 Rednern auf acht Bühnen größer als je zuvor. In seiner Eröffnungsrede zur re:publica 2010 hatte der Autor und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs Peter Glaser gesagt, er habe das Gefühl, er – und mit ihm die Konferenzteilnehmer – seien zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Viele Themen und Diskussionen, die damals eher von Insidern als interessant oder relevant eingeschätzt wurden, haben heute den Mainstream erreicht: Soziale Medien und ihre mögliche Wirkung sind spätestens seit dem Arabischen Frühling in Gesellschaft und Medien ein Debattenthema, genauso das Urheberrecht, das Leistungsschutzrecht oder die Diskussionen um das ACTA-Abkommen oder Gruppierungen wie Anonymous und die „Occupy“-Bewegung.
Anders als vor zwei Jahren war für die Besucher dieses Jahr der Eindruck geringer, auf der Konferenz Einblick in eine gesellschaftliche Avantgarde zu haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Viele der damaligen Themen sind nach wie vor aktuell, doch werden sie mittlerweile breiter in der Öffentlichkeit diskutiert. Das ist mit Sicherheit auch ein Verdienst der Blogger und Internetaktivisten von denen und für die die re:publica ursprünglich ins Leben gerufen wurde.
Freiheit des Internets
„Action“ war das Motto der diesjährigen re:publica. Darunter fanden in einem sehr weit gefassten Verständnis von „Aktion“ oder „Aktivismus“ so vielfältige Themen wie „Das Iranische Internet“, „Selfpublishing“, „Social-Media-Nutzung der Bundesregierung“, „Health 2.0 in Deutschland“, „Wie Musik, Künstler, Labels und das Netz Freundschaft schließen“ oder „Wie fragt man den Staat?“, „Art is Open Source“ und „Open learning“ ihren Platz. „Action“ als Handlungs- und Gedankenfreiheit des Menschen in einer freien Welt war auch der Grundgedanke im Eröffnungsvortrag von Eben Moglen, Professor für Recht und Geschichte an der New Yorker Columbia University. „Why Freedom of Thought Requires Free Media and Why Free Media Require Free Technology“, so der Titel seines Vortrags in dem er vehement für ein freies Internet plädierte – frei beispielsweise auch von Überwachung nicht nur durch staatliche Stellen, sondern ebenso durch Großkonzerne wie Google und Facebook, deren wesentliches Arbeitskapital die Daten ihrer Nutzer sind, anhand derer sie zielgenaue Werbeanzeigen verkaufen.Eben Moglen: Why Freedom of Thought Requires Free Media and Why Free Media Require Free Technology (re:publica 2012).

Weitere prominente Redner waren beispielsweise der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert, der über seine Erfahrungen mit dem Twittern in seiner Sprecher-Funktion plauderte und die EU-Kommissarin für die Digitale Agenda Neelie Kroes, die zwar als EU-Vertreterin letztlich erwartbare Positionen vertrat, sich aber sehr offen für den Dialog zeigte und mehrfach Nutzen und die Relevanz von Aktivismus wie etwa Demonstrationen gegen das geplante ACTA-Abkommen hervorhob.
Crowdsourcing
Ein weiteres wichtiges Thema waren Crowdsourcing und Crowdfunding, also die Nutzung der „Weisheit der vielen“ und die Gründung von „Unternehmen“ mit Unterstützung einer Community. Ein gutes Beispiel für eine entsprechende „Netz-Karriere“ ist Britta Riley, die in ihrem Vortrag den Werdegang ihres Projekts „Windowfarms“ vom privaten Interesse, in ihrem New Yorker Appartment am Fenster ein paar Nutzpflanzen zu züchten über die Vernetzung mit einer wachsenden Community mit ähnlichem Interesse bis zur spezialisierten Entwicklung und schließlich dem Verkauf von Vorrichtungen zur Pflanzenzucht in sehr beengten Wohnverhältnissen. Ein ebenfalls zunächst von persönlichem Interesse getriebenes Projekt ist die „Wheelmap“ des auf den Rollstuhl angewiesenen Raul Krauthausen. Crowdsourcing wird hier eingesetzt, um auf einer Karte beliebige Orte einzutragen und jeweils ihre Tauglichkeit für die Nutzung mit dem Rollstuhl zu vermerken.Raul Krauthausen über die Wheelmap. (re:publica 2012)
Aktivismus: Anonymous
Neben diesem persönlichen und zunächst privat intendierten Aktivismus kam aber selbstverständlich auch der „echte“ Aktivismus, etwa bei Occupy und Anonymous, zu Wort. Eine interessante Diskussion entwickelte sich beispielsweise zwischen dem Anonymous-„Befürworter“ Jacob Appelbaum und Frank Rieger vom Chaos Computer Club. Während Frank Rieger für die Einhaltung der Hacker-Ethik plädierte, pries Jacob Appelbaum die spontane und hierarchiefreie Organisationsform der Anonymous-Aktivisten. Die Diskussion zu Anonymous, dokumentiert bei Spiegel-Online:Diskussion über Anonymous (re:publica 2012)
Datenjournalismus
Ähnlich wie beim Crowdsourcing ist hat auch der Trend zum Datenjournalismus einen zunächst eher formaltechnischen Hintergrund, interessant ist aber, inwieweit man die technisch immer noch recht neuen Möglichkeiten zum Umgang mit Inhalten nutzt. Kern des Datenjournalismus, der in mehreren Diskussionen und Vorträgen der re:publica Thema war, ist die im besten Fall interaktive Visualisierung großer Datenbestände. So wurde beispielsweise das „Data Journalism Handbook“ vorgestellt, in dem das Datenjournalistische Handwerkszeug quasi lehrbuchartig erläutert wird. Von welch zentraler Bedeutung bei datenjournalistischen Projekten eine enge Zusammenarbeit von Technikern, Designern und konzeptionellen sowie redaktionell-/journalistischen Teammitarbeitern ist, zeigten Stefan Plöchinger (Chefredakteur Süddeutsche.de) und der Journalist Lorenz Matzat bei der Vorstellung ihres Projektes „Zugmonitor“.Stefan Plöchinger und Lorenz Matzat über Zugmonitor (re:publica 2012)
Auf der Basis von Daten, die auf technischem Weg („scraping“) von der Website der deutschen Bahn „abgegriffen“ werden, zeigt der Zugmonitor Zugverspätungen im deutschen Fernbahnnetz an – in „Echtzeit“ und per „Replay-Funktion“ mehrere Monate rückwirkend. Ein Projekt, dessen Nutzen sich jedem angesichts der visuellen Umsetzung und der einfachen Zugänglichkeit schnell erschließt.
Jörn Müller,
Redakteur in der Internet-Redaktion des Goethe-Instituts
Dieser Artikel (Text) ist unter der Creative-Commons-Lizenz CC0 1.0 als gemeinfrei freigegeben.
Juni 2012
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andreas.fertig@moskau.goethe.org
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Juni 2012
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