Aus reinem Enthusiasmus – TEDx zum ersten Mal in Sankt-Petersburg
Was braucht man, um ein anspruchsvolles nicht kommerzielles Projekt auf die Beine zu stellen, und das von null an und mit reinem Enthusiasmus? - Ein Team von Gleichgesinnten, meinen die Organisatoren von TEDxNevaRiver, des ersten Projektes dieser Art in Sankt Petersburg.

Warum habt ihr euch entschieden in Petersburg eine Konferenz ausgerechnet im TEDx-Format zu organisieren und nicht etwa im Format Pecha Kucha oder Wissenschaftsslam?
Die Weltkonferenz TEDGlobal und die unabhängigen TEDx-Veranstaltungen unterscheiden sich von anderen Formaten durch ihre idealistische Philosophie. Eine Idee taugt nur dann für den Austausch auf TEDx, wenn du selbst an sie glaubst und sie unser gemeinsames Leben besser machen kann. Idealismus, verknüpft mit Aufrichtigkeit, schafft eine einzigartige Atmosphäre, in der formalistischer Umgang mit der Sache, Snobismus und andere unangenehme Dinge keinen Platz haben.
Im vorigen Jahr standen hinter der Online-Übertragung von TEDGlobal in Petersburg drei Organisatoren. Jetzt besteht das Team von TEDxNevaRiver aus zehn Leuten. Wie habt ihr nach Mitstreitern gesucht und das Team formiert?
Wir haben eine Anzeige in sozialen Netzwerken geschaltet, als uns klar wurde, dass ein vollwertiges Projekt zu dritt nicht zu stemmen sein würde. Wir haben viel Resonanz bekommen, aber Teil des Teams sind dann nur fünf-sechs Leute geworden.
Welcher Schritt folgte als zweiter, nachdem das Team stand?
Wir haben die Verantwortungsbereiche entsprechend den persönlichen Interessen aufgeteilt: Public Relations, Arbeit mit Sponsoren, Suche nach einem Saal, Training der Speaker und Proben. Wobei sich im Selbstlauf das Prinzip durchsetzte: „Ich habe jetzt 15 Minuten Zeit, ich kann helfen, gebt mir eine Aufgabe.“ Die Speaker haben wir gemeinsam ausgewählt.
Die Diskussionen eurer Gruppe auf Facebook zeigen, dass sich jedes Teammitglied für oder gegen einen Redner aussprechen konnte, der übermäßig mainstream- oder undergroundlastig schien. Die typischen Merkmale der Netzwerkdemokratie sind nicht zu übersehen.
Ja, allerdings ist das absolut uneffektiv, weil die Wahl eines Speakers und die Diskussion darüber sich eine ganze Woche hinziehen oder gar völlig in einer Sackgasse enden kann. Aber wir hatten uns fest vorgenommen, dass es demokratisch zugehen soll. Allerdings ist nun ein kompliziertes demokratisches System dabei herausgekommen. Zum Beispiel haben wir uns stärker an der Meinung derjenigen orientiert, die im vergangenen Jahr die Online-Übertragung von TEDGlobal organisiert oder am World Summit der TEDx-Organisatoren in Katar teilgenommen hatten.
Wie kann man die Demokratie im Team wahren und dabei die Entscheidungsfindung effizienter gestalten?
Als erstes braucht man ein striktes Deadline-System: bis Sonntag 12:00 Uhr müssen wir zu einem Konsens kommen; alle nachträglich geäußerten Meinungen finden keine Berücksichtigung. Zweitens ist ein strenges System der Berichterstattung vonnöten. Bevor du einen Sponsor anrufst, hast du das Team in der Facebook-Gruppe darüber zu informieren. Ist der Anruf erfolgt, dann informiere über die Ergebnisse entweder sofort oder am Ende des Tages.
Welche Anwendungsprogramme habt ihr bei der Arbeit am Projekt genutzt?
Es gibt soziale Netzwerke, die dir jeden Tag Reminder schicken: „Haben Sie Ihre Aufgabe schon erledigt? Bis zum Termin verbleiben X Tage.“ Bei uns im Team hat sich diese Praxis nicht eingebürgert, weil diese täglichen Erinnerungshinweise zu sehr nerven. Stattdessen haben wir mit einiger Mühe die Tabellen von GoogleDocs eingeführt. Nur zwei von zehn Leuten hatten damit bereits gearbeitet, als sie bei TEDxNevaRiver einstiegen.
Welche Medien habt ihr für die gruppeninterne Kommunikation genutzt?
Anfangs haben wir uns live im Coworking-Zentrum Sona dejstwija (deutsch: Aktionszentrum) getroffen, um uns persönlich kennenzulernen und die Konzeption zu diskutieren. In der zweiten Phase, als die Vorbereitung auf vollen Touren lief, kommunizierten wir hauptsächlich im Rahmen unserer Facebook-Gruppe. Und in der Schlussphase, wenige Tage vor Beginn von TEDxNevaRiver, als die Updates im 15-Minuten-Rhythmus kamen, waren tägliche, genauer gesagt: nächtliche Skype-Konferenzen die einzige Möglichkeit, sich auf dem Laufenden zu halten.
Wie seid ihr bei der Suche nach Sponsoren und Partnern für TEDxNevaRiver vorgegangen, zu denen auch das US-Generalkonsulat in Sankt Petersburg zählt?
Die Sponsoren haben wir selbst gesucht und dabei unsere persönlichen Kontakte genutzt. Manchmal lief es auch anders. Ein Geschäftsmann ist von sich aus auf uns zugekommen und hat gespendet, weil er daran glaubt, dass TEDx-Veranstaltungen die Welt zum Besseren wenden können. Auch das US-Generalkonsulat in Petersburg hat selbst die Initiative zur Zusammenarbeit mit uns ergriffen. Fast alle unsere Sponsoren sind langjährige TED-Fans und haben schon Dutzende Videovorträge auf www.ted.com verfolgt. Weißt du, in Russland macht es keinen Sinn irgendwo anzurufen und der Sekretärin langwierig zu erklären, dass es da eine solche „innovative Konferenz“ gibt. An die Wirtschaft hätte man sich offiziell bereits im Herbst wenden müssen, dann nämlich, wenn der Haushalt für das kommende Jahr beschlossen wird, aber unser Team war erst im Februar vollständig aufgestellt.
Könnt ihr erklären, warum das Team von TEDxNevaRiver bereit war, völlig unentgeltlich seine Zeit und Kraft für dieses Projekt einzusetzen?
Ja, TEDx ist ein absolut nicht kommerzielles Projekt, das niemals Gewinn bringen wird. Dieses Projekt wird in nächtelanger Arbeit von Enthusiasten gemacht, die die Welt verbessern wollen. In erster Linie war es natürlich die Liebe zu unserer Heimatstadt, die uns motivierte. Petersburg ist ein einmaliger Ort, dessen riesiges Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist. Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der die Menschen darüber reden, was sie inspiriert und wovon sie träumen, um damit neuen Helden Raum zu geben, die der Entwicklung der viel beschworenen Zivilgesellschaft Impulse verleihen.
Was ist euer Rat an Enthusiasten, die zum ersten Mal ein TEDx-Projekt in Pskow oder Sotschi oder ein anderes gemeinschaftliches Projekt in Angriff nehmen wollen?
Ihr braucht ein Team von Gleichgesinnten. Sonst nichts.
Internetredaktion des Goethe-Instituts Moskau
Übersetzung: Marlies Wenzel
Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
August 2012
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