20 Jahre danach

Zeitmaschine in die sowjetische Kindheit

Museum der sowjetischen Spielautomaten. Foto:readymedia.comMitte der 70er-Jahre tauchten in der UdSSR die ersten Spielautomaten auf. Warum diese „Ebenbilder“ westlicher Automaten ausnahmslos positive Emotionen auslösten, obwohl sie von Betrieben der Rüstungsindustrie gefertigt wurden, kann man im Museum der sowjetischen Spielautomaten erfahren.

Genau einen Tag nach dem 46. Jahrestag des ersten bemannten Weltraumfluges, am 13. April 2007, wurde in Moskau das Museum der sowjetischen Spielautomaten eröffnet. Wir plaudern mit Maxim Pinigin, dem Aufseher des Museums. Die technischen Hintergrundinformationen liefert uns der künstlerische Leiter Alexander Wugman.

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Maxim, wie ist die Idee entstanden, ein Museum der sowjetischen Spielautomaten zu gründen?

Alles begann damit, dass ich mit zwei Freunden vor zirka fünf Jahren zu Hause einen Spielautomaten vom Typ Morskoi boi (Seegefecht) aufstellen wollte. Aus diesem Wunsch ist dann das Museum der sowjetischen Spielautomaten entstanden, in dem wir uns jetzt befinden.

Stand dahinter die Absicht, damit ein besonderes Stück sowjetischer Geschichte zu bewahren?

Ursprünglich dachten wir nicht an die Bewahrung der Automaten als Teil des kulturellen Erbes. Nachdem wir „unsere“ ersten Automaten aufgestellt hatten, wurde klar, dass sie auch für unsere Freunde und Bekannten von Interesse sind. Deshalb mussten wir uns einen Standort einfallen lassen, wo wir die Automaten zeigen, aufbewahren und reparieren können. Unser Ziel war es nicht in erster Linie, die Exponate für die Nachwelt zu bewahren, sondern unseren Zeitgenossen Gelegenheit zu bieten an den funktionstüchtigen Automaten zu spielen. In unserem Museum kann man alles mit den Händen anfassen.

Wann und in welchem Zusammenhang kam es zur Entstehung der ersten Spielautomaten in der UdSSR?

Die ersten sowjetischen Spielautomaten tauchten in den 70er-Jahren auf. Das waren Kopien amerikanischer und japanischer Automaten. Von sowjetischer Seite hatte man eine Ausstellung organisiert, zu der westliche Hersteller eingeladen worden waren. Diese hatten, in der Hoffnung auf eine Erschließung des sowjetischen Marktes, gern zugesagt. Das Ganze endete damit, dass die gekauften westlichen Spielautomaten demontiert und in Rüstungsbetrieben unter Verwendung sowjetischer Bauteile und Elektronik neu projektiert wurden. Nur ein geringer Teil wurde von unseren Ingenieuren von Grund auf neu entwickelt.

Trotz ihrer Vorgeschichte waren diese Kopien in der Sowjetunion megapopulär. Nicht zuletzt deswegen, weil es an Freizeitangeboten und Möglichkeiten sich zu amüsieren mangelte. Deshalb bildeten sich an den Spielautomaten lange Schlangen und die Kinder bettelten bei ihren Eltern um Münzen für ein weiteres Spiel.

Ein elektro-mechanischer (links) und ein computerbasierter Spielautomat aus der UdSSR. Foto: readymedia.com


Blieb es seitens der sowjetischen Hersteller beim Kopieren westlicher Produkte?

Zu den rein sowjetischen Entwicklungen kann man die Automaten vom Typ Gorodki (Städtchen), Repka (Rübchen) und Skorochod (Schnellläufer) zählen. Der Automat Gorodki hat ein sehr originelles Spielszenario, ein amüsantes Gameplay. Es handelt sich um die Computeradaption eines gleichnamigen slawischen Volkssportes aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Automat Repka ist eine Art Kraftmesser und beim Automaten Skorochod führt der Spieler die Figur auf dem Bildschirm aus einem Labyrinth heraus, indem er mit den Füßen in bestimmten Kombinationen vier Platten berührt.

Vor vier Jahren hatten wir ein Interview gegeben und daraufhin schrieb man, warum auch immer, die sowjetischen Spielautomaten hätten zu Aggressionen und Spielsucht geführt. Meiner Ansicht nach trifft das überhaupt nicht zu. Auch wenn man an vielen Automaten auf etwas schießen muss, löst das keine Grausamkeit, sondern nur positive Emotionen aus. Das kann man auch an den Gesichtern unserer Besucher ablesen. Übrigens konnte man an den sowjetischen Automaten als Preis immer nur ein zusätzliches Spiel gewinnen, aber niemals Geld. Aus den Manipulationsautomaten vom Typ Kran und Sond (Sonde) konnte man mit etwas Glück einen Kaugummi oder einen Schmuckanhänger herausangeln.

Wer besucht euer Museum am häufigsten? Wer sind die typischen Besucher?

Darüber denke ich oft nach und muss sagen, dass wir in letzter Zeit kein spezielles Zielpublikum mehr haben. Anfangs kamen zu uns nur Menschen, die bestimmten Trends folgen: Designer, Architekten und so genannte Hipster. Nachdem dann die ausländische Presse über uns berichtet hatte, unter anderem die Zeitschrift Wire, kamen auch Ausländer. In letzter Zeit fällt auf, dass an den Wochenenden viele Kinder unter den Besuchern sind. Das ist für uns eine angenehme Überraschung, da wir angenommen hatten, dass für Kinder diese „alten“ Automaten uninteressant sind, weil sie nicht mit ihnen groß geworden sind. Und manchmal kann man beobachten, wie eine Mutter ihren Sprössling vom Automaten wegdrängt mit den Worten: „Das kannst du nicht! Guck mal! So geht das!“

Als „Sport“ und „Zirkus“ getarnte Pinball-Automaten. Allerdings konnte man hier auch kein Geld erspielen. Foto: readymedia.com


Welche Automaten im Museum sind besonders beliebt?

Interessant ist, dass die Besucher, wenn sie kommen, zunächst natürlich die populärsten Modelle der sowjetischen Automaten im Kopf haben, wie zum Beispiel Morskoi boi. Danach halten sie sich meist lange an Automaten auf, an denen man zu zweit oder zu viert spielen, das heißt miteinander wetteifern kann. Deswegen sind die Automaten Basketbol (Basketball), Chokkej (Hockey) und Awtogonki (Autorallye) sehr beliebt.

Wie gelingt es eurem Team, gleichzeitig den Zuschauerstrom, die Reparatur der Automaten und die noch andauernden Einrichtungsarbeiten der neuen Räumlichkeiten zu bewältigen?

Bei der Organisation des Museums ist Flexibilität gefragt. Mal ist man Bauleiter und dann wieder Buchhalter. Das Museum ist unser Hobby, aber andererseits verdienen wir damit auch Geld. Warum ist das so? Seit dem Umzug des Museums ins Stadtzentrum hat es täglich acht bis neun Stunden geöffnet. Da bleibt real keine Zeit für eine andere Beschäftigung, mit der man noch zusätzlich Geld für Lebensunterhalt und Freizeitgestaltung verdienen könnte. So ist aus unserem Hobby eine hauptberufliche Tätigkeit geworden. Aber natürlich ist klar, dass man mit dem Museum nicht das große Geld machen kann.

Wir freuen uns sehr, wenn wir Hilfe bekommen. Vor kurzem haben wir einen Automaten Skorochod geschenkt bekommen. Auch mit dem Designer hatten wir Glück: Igor Gurowitsch von Zoloto Group hat für uns Plakate gestaltet. Und unsere Webpräsenz wurde in dem berühmten Studio von Artemi Lebedew kreiert.

Limonade aus dem Automaten für viele ein Kindheitserlebnis.
Foto: readymedia.com



Zum Abschluss traditionsgemäß die Frage nach den Zukunftsplänen …

Wir wollen uns weiterentwickeln, die Vermarktung unseres Museums vorantreiben, Filialen in anderen Städten eröffnen. Vielleicht gelingt es uns sogar, auf Ausstellungstournee nach Europa zu gehen. Wir hatten sogar schon Angebote aus Berlin und Paris, aber vorerst sind diese Pläne noch nicht verwirklichungsreif. Ich bin aber sicher, dass es auch damit in zwei bis drei Jahren klappen wird. 

Technische Information von Alexander Wugmann:
Man unterscheidet elektromechanische und computerisierte Spielautomaten. Zu den elektromechanischen gehören zum Beispiel Morskoi boi und Basketbol, zu den computerisierten Awtogonki und Gorodki. Letztere sind leicht an ihrem Bildschirm zu erkennen. Obwohl die technische Basis in der Sowjetunion relativ rückständig war, gelang den Betrieben der Rüstungsindustrie das Kopieren eines ausländischen Spielautomaten ohne Mühe. Einige der Kopien wurden technisch sogar verfeinert. Bezüglich des Gameplays wurden in der Regel keine Veränderungen vorgenommen. Der Automat Basketbol beispielsweise ist äußerlich und im Spielszenario eine nahezu vollständige Kopie eines ausländischen Automaten. Das technische Innenleben des sowjetischen Pendants ist allerdings um eine Stufe komplizierter, was aber die Qualität und Attraktivität des Spiels leider nicht verbesserte, sondern lediglich den Aufwand für die technische Wartung des Automaten erhöhte. 

readymedia.com
Übersetzung: Marlies Wenzel

Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
Februar 2012

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