Elektroakustische Kunstmusik – Rückblick

Forschung und Fortschritt

Zu den wichtigsten Neuerungen, die noch im Kölner Studio wesentliche Impulse erhielt, gehört die der Mehrkanaligkeit.

Mit dem vierspurig produzierten Gesang der Jünglinge (1955/56) und dem räumlich konzipierten Orchesterstück Gruppen (1955-57) setzte Stockhausen die Idee der „Raummusik“ als ästhetisches Paradigma durch. Das Kugelauditorium entstand anlässlich der Weltausstellung 1970 in Osaka als ein diesem Konzept angepasster Konzertsaal. „Raummusik“ ist seither eine gängige kompositorische Praxis, die sich zum Beispiel der 7-Kanal-Komposition La légende d'Eer (1977) von Iannis Xenakis oder im Orchesterstück Quasi una fantasia (1988) von György Kurtág niedergeschlagen hat. Ganze fünfzig Jahre später wird die Idee heute als 5.1-Surround-Sound popularisiert, allerdings eher im Zuge des medial technifizierten Eigenheims und nicht um elektronische Musik damit zu hören.

Im 1959 von Siemens eingerichteten Klanglabor fand Josef-Anton Riedl früh zu einer Synthese zwischen rein elektronischer Musik und „musique concrète“. Zwar scheiterte man im Siemens-Studio mit dem Versuch, elektronische Schlagermusik kommerziell auszuschlachten. In der großzügig ausgestatteten Forschungsabteilung entstand aber bald ein digitales Syntheseverfahren, bei dem die einzelnen Parameter eines Klangs auf Lochstreifen gespeichert und mithilfe eines Kartenlesers abgerufen werden konnten und das gemeinsam mit Computerprogrammen der US-amerikanischen Telefonfirma Bell zu den ersten rechnergestützten Klangmaschinen gehört. Der Lochstreifenleser wurde von Riedl – vor allem in seiner Komposition Nr. 2 (1963) – extensiv genutzt. Komponisten wie John Cage und David Tudor reisten eigens wegen dieser Apparatur zu Studienzwecken nach München.

Innovatives Potenzial der Elektroakustik

Das Metier der Live-Elektronik, das John Cage 1960 mit seiner „Cartridge Music“ ins Leben gerufen hatte, wurde 1964 von Stockhausen in Mikrofonie I für Tamtam, Mikrofone und Mischpulte importiert. Er setzte die live-elektronische Verwandlung des Klangs 1969 mit Mantra für zwei Klaviere und einen Ringmodulator am SWR in Freiburg fort. Diese Produktion führte 1971 zur Gründung des Experimental-Studios der Heinrich-Strobel-Stiftung am SWR. Hier hatten Studioleiter Hans-Peter Haller und der Ingenieur Peter Lawo 1970 das erste „vollelektronische Klangsteuergerät zur Bewegung einer Klangquelle in einem vorgegebenen Raum“ gebaut, das als „Hallers tolle Kiste 4“ und später als „Halaphon“ in die Geschichte einging.

Berühmt wurde das „Halaphon“ durch den verwehten, filigranen Klang, der sich durch das gesamte Spätwerk Luigi Nonos zieht. Nono hat in Freiburg zwischen 1980 und 1990 zwölf Werke realisiert, darunter seine epochale „Tragödie des Hörens“ Prometeo (1981–1985). Das Freiburger Studio ist stets beides gewesen: Instrument und Labor. Historische Werke von Nono, Cristóbal Halffter und Pierre Boulez werden heute aufführungstechnisch gepflegt und, wo nötig, aktualisiert. Gleichzeitig sind in Freiburg gemeinsam mit den Komponisten immer wieder werkspezifische live-elektronische Lösungen entwickelt worden: für das elektroakustische Korsett, mit dem Brian Ferneyhough den Instrumentalisten seiner Time and Motion Study II (1976/77) umgibt, für den räumlichen Kontrapunkt, der sich in Emmanuel Nunes' Wandlungen (1985/86) zwischen Ensemble und Lautsprecher als Dialog entfaltet, oder für die komplexen Spiegelungsverfahren, die Isabel Mundry für ihr Stück Gesichter (1997) konzipierte.

Das innovative Potenzial der Elektroakustik deutscher Provenienz scheint damit zunächst erschöpft. Wegweisende Neuerungen, wie die Spannungssteuerung, die dem „Moog“- und dem „Buchla“-Synthesizer zugrunde liegt, wurden in den USA entwickelt. Auch die Revolution der FM-Synthese wurde im CCRMA-Studio der Stanford-University entdeckt, bevor sie in Gestalt des „DX-7“-Synthesizers von Yamaha die Popmusik der 1980er-Jahre dominierte – von Michael Jackson bis Front 242. Ähnliches gilt für die Granularsynthese und das „Physical modelling“, für Standard-Software wie „Max/MSP“, „SuperCollider“ und die Programme des Pariser IRCAM.

Björn Gottstein
arbeitet als Kritiker und Moderator unter anderem für die Tageszeitung taz und den Westdeutschen Rundfunk. Veröffentlichung zahlreicher Texte zur Geschichte der elektronischen Musik.

Copyright: Goethe Institut e. V., Online-Redaktion

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Juli 2006

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