Elektroakustische Kunstmusik – Rückblick

Jenseits der Institutionen

Im Zuge der hegemonial auf Institutionen ausgerichteten Geschichtsschreibung wurden Neben- und Abwege der elektronischen Musik lange ausgeblendet.

Zu den wichtigsten künstlerischen Reflexen der Jahre nach 1968 gehörte der Aufruhr gegen die institutionalisierten Studios und deren Vereinnahmung der Produktionsmittel. Stockhausen-Schüler wie Johannes Fritsch und Peter Eötvös, die das Kölner Feedback-Studios gründeten, aber auch der in Kalkutta gebürtige Komponist und Programmierer Klarenz Barlow, leiteten 1970 – nicht zuletzt dank der Verfügbarkeit preiswerter Synthesizer – einen Paradigmenwechsel ein, der die Legitimität der Institutionen in Frage stellte und der freien Elektronik den Weg bahnte.

Seit den 1970er-Jahren setzten Künstler wie Heiner Goebbels und Alfred Harth diese Tradition fort, als sie mit ihrer Band Cassiber Montagetechniken des Tonbandzeitalters für Agit-Prop-Tracks wie Berlin, Q-Damm 12.4.81 nutzten. Hierher gehört auch das Lüneburger European Live Electronic Centre (EULEC), in dem Helmut Erdmann seit 1977 musikpädagogische Aufgaben wie die Vermittlung elektroakustischer Techniken voranbringt und historische Synthesizer wie den EMS Synthi 100 auf neue Klangfacetten hin aushorcht.

Forschungsprojekte und Multimediawerke am ZKM

Heute haben die meisten elektroakustischen Institutionen an Bedeutung verloren. Viele Einrichtungen, darunter Siemens und zuletzt auch der WDR, haben den Betrieb eingestellt. Eine wichtige Ausnahme ist das Institut für Musik und Akustik am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, das 1990 nach dem Vorbild des Pariser IRCAM gegründet worden ist. Als „Institut der ungehörten Töne" arbeitet man hier an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst – zunächst unter der Leitung von Johannes Goebel und seit 2004 unter der von Ludger Brümmer. Anders als in Freiburg, wo man sich seit jeher auf Live-Elektronik spezialisiert hat, werden in Karlsruhe unterschiedliche Forschungsprojekte verfolgt. Dazu gehören Probleme des Datenmanagements, die Franz Martin Olbrisch 1993 in seiner Tage dauernden Radio-Installation FM o99.5 zu bewältigen hatte.

Der in Ecuador geborene, in Freiburg lebende Komponist Mesias Maiguashca konnte seine Studien zum Resonanzverhalten von Metallinstrumenten am ZKM musikalisch umsetzen, als er 1993 seinen abendfüllenden Zyklus Reading Castañeda ausarbeitete. Das Projekt Fiber Jelly mit Nicolas Collins, Kaffe Matthews, Oval, Scanner, Anne Wellmer und Zeitblom versah das ZKM für ihre interaktive Arbeit Remix (2000) mit einem komplexen Datennetzwerk. In Kooperation mit anderen Instituten des ZKM entstehen außerdem Multimediawerke wie die Arbeiten von Kiyoshi Furukawa, der Bild und Klang miteinander verzahnt: in seiner „Kammermusik mit Bildern“ Small Fish (1999) für Computer und Spieler oder in seinem mit Wolfgang Münch realisierten interaktiven Environment Bubbles (2000).

Brückenschlag zwischen Akustik und Ästhetik

Im Rahmen der jährlichen Linux-Audio-Konferenzen werden seit 2004 Open-Source-Anwendungen gefördert, wie sie in Werken von Orm Finnendahl und anderen zur Anwendung kommen. Komponisten wie Goebel, Maiguashca, Brümmer und Finnendahl gehören zu einem neuen, noch jungen Künstlertypus, der von wissenschaftlichem und künstlerischem Ethos gleichermaßen beseelt ist. Dieser Brückenschlag zwischen physikalischer Akustik und musikalischer Ästhetik spiegelt sich beispielhaft in Werken und Schriften von Hans Tutschku, der seit September 2004 als Kompositionsprofessor und Leiter des Studios für elektroakustische Musik an der Harvard University tätig ist. Tutschku hat zahlreiche Anwendungen programmiert, die dem intuitiven Zugang des Musikers entgegenkommen und den körperlichen Gestus der Klangerzeugung inkorporieren.

Ähnliches gilt für Georg Hajdu, seit 2002 Professor für multimediale Komposition in Hamburg, der mit mikrotonalen Skalen experimentiert und an einer vernetzten, interaktiven Echtzeitkompositionsumgebung arbeitet. Johannes Goebel wiederum setzt seine am ZKM begonnene Arbeit seit 2004 am Experimental Media and Performing Arts Center (EMPAC) des Rensselaer Polytechnic Institute (US-Staat New York) fort, wo er sich vorrangig den musikalischen Möglichkeiten und Konsequenzen neuer Medien wie dem Internet widmet. Darüber hinaus hat die Tradition einer auf einfacher Technik basierenden aber von institutionellen Zwängen befreiten Kunst die elektronische Musik in Deutschland maßgeblich geprägt.

Zu den Pionieren dieser Strömung gehört der Hamburger Noise-Musiker und Komponist Asmus Tietchens, der mit dem Bochumer Klangkünstler Thomas Köner als „Kontakt der Jünglinge" seine musikalische Sozialisation durch Radioübertragungen elektronischer Musik tiefenpsychologisch und nicht ohne Humor nachbereitet.

Björn Gottstein
arbeitet als Kritiker und Moderator unter anderem für die Tageszeitung taz und den Westdeutschen Rundfunk. Veröffentlichung zahlreicher Texte zur Geschichte der elektronischen Musik.

Copyright: Goethe Institut e. V., Online-Redaktion

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Juli 2006
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