Elektronische Musik – Rückblick

Selbststilisierung zu Maschinen:
Elektro-Pop der 1970er-Jahre

Kraftwerk aus Düsseldorf lernten sich angeblich auf einer der frühen Can-Sessions kennen und produzierten ab 1970 zunächst minimalistisch und elektronisch inspirierten Avantgarde-Rock.

Erst mit dem vierten Album fanden Florian Schneider und Ralf Hütter zum rein elektronischen Sound. Auf Autobahn entstand 1974 mit gleichförmigem maschinellen Rhythmus, modulierten Harmonien und roboterhaften Stimmen eine aus Farbe und Dichte komponierte Textur. Das bandeigene Klingklang-Studio ermöglichte eine frühe Form „dilettantischer“ Produktion. Kraftwerks Studiotechnologie lebte von Improvisation und Bastelei. Die Standardrhythmen einer elektrischen Orgel wurden zur Rhythmusmaschine umgebaut.

Transeuropa-Express von 1976 erwies sich als unerwarteter Stichwortgeber für die frühen HipHop-Kids der Bronx und bildete 1982 die Grundlage für Afrika Bambaataas Elektro-Meilenstein Planet Rock – ein Vorläufer früher Techno-Entwürfe in Detroit. Ein oft unterschätzter Aspekt ist dabei die Selbststilisierung zu Maschinen, ein eigenartiger Mix aus Körperlichkeit und Technologie. Kraftwerk waren, erinnert sich der Detroiter Technopionier Carl Craig, „so steif, dass sie funky waren“.

Einflüsse auf die elektronische Tanzmusik

Kaum weniger einflussreich für die elektronische Tanzmusik war das Schaffen des Produzenten Giorgio Moroders in München. Moroder hatte bereits 1970 den ersten Schlager mit Synthesizereinsatz verantwortet und einen kleinen Hit mit dem Synthiepop Son of my father gehabt. Love to Love you Baby von 1976 war eine 17-minütige, am orchestralen Philadelphia-Soul orientierte, dabei rein synthetische Tanzekstase, zu der die Exil-Amerikanerin Donna Summer orgasmisch stöhnte - wofür der Titel dann von der BBC gebannt wurde. Das Stück wurde zu einem Nummer 1-Hit in den USA. Es initiierte die Maxisingle und stand mit seinem voll synthetischen Endlosrhythmus Pate für Housemusik.

Eine andere musikalische Linie entstand durch die Düsseldorfer Formation Neu!, die ein Splitter der ersten Formation von Kraftwerk war. Ihr früher Instrumental-Klassiker Hallogallo, den der einflussreiche britische DJ John Peel 1971 in seiner BBC-Sendung vorstellte, ist ein 10-minütiges Gitarren-Ambientstück mit einem monotonen, dennoch leichten Rhythmus. Bands wie Neu! – ebenso wie die ähnlich orientierten Cluster, Harmonia und La Düsseldorf – inspirierten die Ambient-Produktionen Brian Enos und seine Arbeit mit David Bowie während dessen Berliner Phase Mitte der 70er Jahre. Sie gelten als wegweisend für Post-Rock und Ambient-Techno der 90er Jahre.

Für ihren Sound sorgte der 1987 verstorbene Produzent Conny Plank. Als ehemaliger Mitarbeiter in Stockhausens Studio war er die graue Eminenz des Krautrocks. Er orientierte sich an jamaikanischen Studiokünstlern wie Lee Perry und King Tubby, die bereits um 1970 mit ihren „Dub“–Effekten bahnbrechende Studio-Techniken aus Echo, Hall und Mehrspurreglern einführten einführten. Außer in zentralen Krautrock-Werken für Neu! und Cluster wurden Planks klare, harte Drums und unerwartete Effekte auch in Produktionen der Einstürzenden Neubauten und New Wave-Größen wie Devo, John Lydons PIL und Ultravox eingesetzt. Mit Kraftwerks Autobahn ist er 1974 für eine der wichtigsten und populärsten deutschen Produktionen verantwortlich.

Markus Schneider
schreibt seit 1985 über populäre Musik in Magazinen und Tageszeitungen, u.a. für die Berliner Zeitung und den Züricher Tagesanzeiger. Als TV-Autor arbeitet er für Deutsche Welle TV und arte/3sat.

Copyright: Goethe Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2006

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