Elektronische Musik – Rückblick

Auf der Suche nach dem verlorenen Klang

Erfinder Leon Theremin, Foto: Archiv von A. SmirnowAndrej Smirnow, Direktor des Theremin Centers für elektroakustische Musik am Staatlichen Konservatorium Moskau, erzählt über das Schicksal der Gemeinschaft von Klangforschern, Apologeten der „Maschinenmusik“ und Erfindern neuer musikalischer Technologien zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Am Anfang war das Wort

Im Jahr 1909 entwickelte der Militärarzt und Maler Nikolai Kulbin, einer der Begründer des russischen Futurismus, das Konzept der Freien Musik, die mikrotonal sein sollte, „sich nach denselben Gesetzen richtet wie die Musik der Natur und die ganze Kunst der Natur“ (N. Kulbin: Swobodnaja musyka (Die Freie Musik), Sankt Petersburg 1909, S. 7–12.) und neben „musikalischen“ Klängen beliebige Klänge aus der Natur nutzt. 1916 veröffentlicht der Komponist und Musiktheoretiker Arseni Awraamow in Moskau eine Serie von Artikeln über neue Methoden zur Klangsynthese, mit denen er der Idee der physikalischen Modellierung akustischer Prozesse sehr nahe kommt.

Befeuert von den Ideen Awraamows, schreibt der Erfinder Jewgeni Scholpo im Sommer 1917 in Kronstadt den Essay Feind der Musik. Dieser enthält die detaillierte Beschreibung eines „Mechanischen Orchesters“, einer Musikmaschine also, die imstande ist, den Prozess des Komponierens von Musik zu automatisieren, indem sie anhand einer speziellen grafischen Partitur, die ohne Beteiligung eines Musikers optisch abgelesen wird, beliebige Klangspektren erzeugt. Scholpo beschreibt den exakten Prototyp des legendären ANS-Synthesizers, den der Konstrukteur Jewgeni Mursin vierzig Jahre später in Moskau entwickeln wird. In seinem Essay liefert Scholpo eine differenzierte verbale Beschreibung der „Musik der Zukunft“ und greift damit den klassischen Vertretern der Avantgarde vor, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Spektral- und elektroakustische Musik entwickeln.

Komponist und Musiktheoretiker Arseni Awraamow, Foto: Archiv von A. Smirnow


Nur wenig früher, im Sommer 1916, beschäftigt sich Dsiga Wertow, der künftige legendäre Filmregisseur, in seinem Petrograder „Laboratorium des Gehörs“ (Laboratorija slucha) mit Experimenten zur Wahrnehmung und Komposition von Klängen. Später erinnert sich Wertow: „Mir kam der Gedanke, dass es notwendig sei, unsere Möglichkeit zum organisierten Hören zu erweitern. Dass diese Möglichkeit nicht auf gewöhnliche Musik beschränkt bleiben dürfe. In den Begriff „ich höre“ schloss ich die gesamte hörbare Welt ein.“ (D. Wertow: Kak rodilsja i raswiwalsja kino-glas (Wie das Kino-Auge entstand und sich entwickelte). Aus dem Nachlass. Aufsätze und Reden, Bd. 2., Eisenstein-Zentrum, Moskau 2008, S. 291.) Allerdings wandte sich Wertow, enttäuscht von den Ergebnissen seiner frühen Experimente, schon bald Filmexperimenten zu und nahm die Klangexperimente erst zehn Jahre später mit der Entstehung des Tonfilms wieder auf.

Revolutionäre Klangmaschinen

In den Jahren 1919–1920 entwickelt der Erfinder Leon Theremin in Gestalt des Termenvox das erste elektronische Musikinstrument der Welt. „Dieses Werk Theremins ist der erste empfindliche Schlag gegen die alte Musikwelt und zugleich einer der Grundpfeiler des künftigen Fundaments für die neue“ (A. Awraamow: Wosroschdenije musyki. Termenwox (Die Wiedergeburt der Musik. Das Termenvox), Rabis 1927, Nr. 23, S. 8.), schrieb Arseni Awraamow über diese Erfindung im Jahr 1927. Bei seinen zahlreichen Projekten strebt Theremin in der Kunsttechnologie eine Verknüpfung von Musik, Farbe, Gestik, Geruch und taktilen Empfindungen an. Theremins Erfindungen sind heute in den verschiedensten Bereichen anzutreffen: von der Spionagetechnik über die musikalische Akustik bis hin zu neuesten interaktiven Musiktechnologien, und Theremin selbst erlangte Kultstatus im Bereich der elektronischen Musik.

Erfinder Leon Theremin, Foto: Archiv von A. Smirnow


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Musik zum Spielfilm „Izjaschnaja schizn“ (1932) von Boris Jurzew. Komponist Nikolaj Kjukow. Am Theremin: Konstanin Kowalskij

Zeitgleich erfahren die Technologien der Geräuschmusik eine schnelle Entwicklung. Das Geräuschorchester, ständiger Begleiter einer jeden Theateraufführung, überschreitet allmählich die Grenzen der Gattung. Unter dem Einfluss der Vorstellungen im Projektionistischen Theater des Malers und Kunsttheoretikers Solomon Nikritin und im Werkstatt-Theater des Regisseurs und Choreografen Nikolai Foregger sowie der Klangexperimente des Theaterstudios von Sergej Eisenstein avanciert die Geräuschmusik Anfang der 1920er Jahre zur Modeerscheinung. Viele Erfinder lassen sich ihre neuen Klangmaschinen patentieren. Einige der Apparate, die auf elektrooptischen und neuesten elektronischen Technologien basieren, nehmen die Entwicklung späterer Jahrzehnte voraus. So lässt sich D. G. Tambowzew im Jahr 1925 ein mechanisches Tasteninstrument patentieren, das ein direkter Vorläufer des Mellotrons und der modernen Sampler war.

Der österreichisch-amerikanische Schriftsteller René Fülöp-Miller schrieb im Jahr 1926: „… wahrhaft proletarische Musik musste jene Rhythmen hervorheben, die allgemeinen und unpersönlichen Elementen des Menschentums entsprachen. Die neue Musik musste alle Geräusche des mechanistischen Zeitalters, den Rhythmus der Maschine, den Lärm der Großstadt und der Fabrik, das Schwirren der Treibriemen, das Knattern von Motoren und die grellen Töne der Autohupen in ihren Bereich einbeziehen. Deshalb ging man sehr bald daran, eigene Lärminstrumente zu konstruieren, Lärmorchester zusammenzustellen, dem Publikum anstelle der altgewohnten bürgerlich-individualistischen „Läppereien“ eine „wahrhaft neue Musik“ vorzuführen und solcherart die kollektive Seele auf die Offenbarung des Allerheiligsten vorzubereiten. Man imitierte alle erdenklichen Geräusche aus Industrie und Technik und vereinigte sie zu eigenartigen Fugen, in denen eine ganze Welt von Lärm die Ohren betäubte. In immer umfangreicheren Formen gab sich die neue „Maschinenmusik“ zu erkennen und bald wurden neue Lärmsinfonien, Lärmopern und Lärmfestspiele verfasst.“ (René Fülöp-Miller: The Mind and Face of Bolshevism, New York: Harper & Row, 1962, S. 183f.)

Eines der zentralen Projekte aus dem Zeitalter der Geräuschmusik war die legendäre Sinfonie der Sirenen von Arseni Awraamow, die erstmals am 7. November 1922 in Baku und genau ein Jahr später in Moskau zur Aufführung gelangte. Das grandiose Spektakel erfasste die gesamte Stadt: Motoren von Wasserflugzeugen, Werks- und Schiffssirenen und Lokomotivpfeifen bildeten ein gigantisches Orchester. Zwei Batterien der Artillerie traten an die Stelle der Schlaginstrumente: Maschinengewehre übernahmen die Funktion der kleinen Trommeln und die schwere Artillerie ersetzte die großen. Der Dirigent koordinierte das Spektakel von einem Fabrikturm aus mit Hilfe bunter Flaggen. Die zentrale Geräuschmaschine trug die Bezeichnung Magistral und bestand aus 50 Lokomotivpfeifen, die eine Gruppe von Musikanten nach speziellen Partituren betätigte.

Sinfonie der Geräusche

In den Jahren 1926–1927 entwickeln der Wissenschaftler und Erfinder Pawel Tager in Moskau und der Ingenieur und Erfinder Alexander Schorin in Leningrad zeitgleich die ersten sowjetischen Tonfilmsysteme. 1929 schuf in Leningrad eine Brigade von Musikern unter Leitung von Arseni Awraamow die experimentelle Tonspur des ersten Tonfilms von Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Abraam Room, der den Titel Pjatiletka. Plan welikich rabot (Fünfjahresplan. Der Plan der großen Arbeiten) trug. Zur selben Zeit greift Filmregisseur Dsiga Wertow sein früheres Projekt vom „Laboratorium des Gehörs“ auf und macht erstmals Feldaufnahmen (Geräusche von Fabriken, Eisenbahnen und ähnlichem) mit Hilfe einer Ausrüstung, die Alexander Schochin eigens für ihn und den Film Enthusiasmus (Sinfonie des Donbass, 1930) geschaffen hatte. Die Tonspur dieses Films, den der Autor als „Geräuschsinfonie“ bezeichnet, war das erste ästhetische Experiment zur Musique concrète, einer Richtung, die in Frankreich zwanzig Jahre später vom französischen Komponisten, Ingenieur und späteren Tonproduzenten Pierre Schaeffer begründet wurde. In den Jahren 1932–1933 entstehen die Filme Dela i ljudi (Dinge und Menschen) von Alexander Matscheret und Isjaschtschnaja schisn (Das feine Leben) von Boris Jurzew, die in ihrer Art Meisterwerke der Geräuschmusik und der Musique concrète darstellen, geschaffen vom Komponisten Nikolai Krjukow und dem Schauspieler und Erfinder Wladimir Popow, der als Cheftechnologe des Geräuschorchesters galt.

Arseni Awraamows „Sinfonie der Sirenen“, Foto: Archiv von A. Smirnow


Die Klangexperimente stehen jedoch im Widerspruch zu den neuen ideologischen Grundsätzen der totalitären Macht und werden um 1935 praktisch eingestellt. Die endgültige Zerschlagung der musikalischen Avantgarde erfolgt in der Sowjetunion im Jahr 1948. Während Pierre Schaeffer in Paris an seinem revolutionären Radioprogramm Concert a bruits arbeitet, das offiziell die Geschichte der Musique concrète und der elektronischen Musik einleiten wird, findet in Moskau auf Erlass des Politbüros der 1. Gesamtsowjetische Kongress der Komponisten statt. Die Oper Welikaja druschba (Die große Freundschaft) des Komponisten Wano Muradeli wird wegen ihres Formalismus verurteilt und künstlerische Experimente jeglicher Art faktisch verboten. Heute sind die Namen derer, die in den Jahren 1910–1930 einen kulturellen Durchbruch vollzogen, vollkommen in Vergessenheit geraten und das Schicksal der Akteure, die Anfang des 20. Jahrhunderts zur Gemeinschaft der Klangforscher, der Apologeten der „Maschinenmusik“ und der Erfinder neuer musikalischer Technologien zählten, bleibt bis heute ein nahezu unbeschriebenes Blatt in der „Biografie“ des künstlerischen Lebens in Russland.
Andrej Smirnow
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Elektroakustische Musik am Moskauer Konservatorium, Leiter des „Theremin Center“

Übersetzung: Marlies Wenzel
Copyright: Goethe-Institut Russland
Online-Magazin „Deutschland und Russland“
Mai 2012

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