Dossier: Sprache der Zukunft > Ende der sprachlichen Vielfalt?

Wladimir Plungjan: Thesen zum Thema „Sprache der Zukunft. Wie werden wir sprechen?“

Ich bin vor allem Linguist, nicht Philosoph oder Soziologe. Deshalb ist mein Beitrag als die Meinung eines Linguisten zu verstehen, der sich mit der Struktur der menschlichen Sprachen und deren Funktion in der Gesellschaft beschäftigt.

Die wissenschaftliche Disziplin der theoretischen Linguistik ist stark mit einer Reihe von soziokulturellen Problemen der modernen Welt verwoben. Das Hauptproblem ist dabei die fortschreitende Einschränkung der Sprachenvielfalt der Menschheit.

Im Laufe der letzten Jahrhunderte verringerten sich die Sprachen langsam, doch jetzt grenzt es an ein Massensterben. Früher entstanden wieder neue Sprachen („sprachliche Divergenz“), doch heute herrschen zu raue Bedingungen vor, als dass neue Sprachen entstehen könnten. Als Resultat sehen wir heute hunderte vom Aussterben bedrohte Sprachen, wie jene, die nur eine kleine Zahl an Sprechern oder keine Schrift haben bzw. andere Kriterien eines hohen sozialen Status nicht aufweisen – so genannte „kleine“ oder „Minoritätssprachen“.

Dieser Prozess ist mit der Verringerung der Artenvielfalt auf der Erde gleichzustellen. Ökologen auf der ganzen Welt stufen dies als katastrophal ein, doch sind die Folgen des Sprachensterbens in soziokultureller Hinsicht womöglich noch viel schlimmer. Es ist ein Verlust von unersetzbaren Informationen, da Sprachen einzigartige Instrumente zur Beschreibung der Welt sind.

Dieses Problem betrifft auch die großen Sprachen, da es mit der Globalisierung und der Funktionserweiterung des Englischen einhergeht. Funktionseinbußen bei Sprachen sind gefährlich, denn sie sind mit einem Verlust an Prestige in den Augen der Sprecher und somit auch mit Identitätsverlust verbunden.

Ein weiteres Problemgebiet ist die Wissenschaft – bedarf es einer einheitlichen Wissenschaftssprache? Befürworter der Globalisierung lehnen verschiedene Wissenschaftssprachen ab, da diese die Verständigung unter Wissenschaftlern behindern. Jedoch ist bei einem Gedanken, auch bei einem wissenschaftlichen, nicht nur der Inhalt wichtig, sondern auch die Ausdrucksweise. Denn eine andere Sprache bedeutet eine andere Denkweise, eine andere Sicht auf Probleme und eine andere Weise, um über die Welt im Allgemeinen zu reflektieren. Außerdem wirkt es sich ohnehin nachteilig auf die Produktivität der Forschung aus, wenn alle gleich denken.

Das optimale Modell für die moderne theoretische Linguistik (womöglich auch für andere Geisteswissenschaften) ist demnach eine aktive Mehrsprachigkeit. Jeder Autor verwendet jene Sprache, in der es ihm leichter fällt zu schreiben, liest jedoch problemlos anderssprachige Werke.

In der Gesellschaft wird die Vereinfachung immer unterstützt. Verzichtet man jedoch gänzlich auf Komplexität, verzichtet man auch auf Freiheit. Zumindest in der Wissenschaft sollte man versuchen, dieser Tendenz entgegenzuwirken. Dort sollte die Freiheit und Komplexität das Gebot der Stunde sein.

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    Expertendiskussion

    mit Jürgen Trabant und Wladimir Plungjan am 29.03.2011 in Moskau

    Mehrsprachigkeit – Sprachen ohne Grenzen

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    Welche Wirkung hat Mehrsprachigkeit auf das politische, soziale, geistige und kulturelle Leben? Welchen Wert für Wirtschaft und Wissenschaft?