Winterstürme im Wohnzimmer – Werner Sobeks epochales Wohnhaus R 128 in Stuttgart

Der Ingenieur Werner Sobek hat sich ein Haus ganz aus Glas geschaffen, das energieautark ist und in seiner vorausschauenden Architektur schon jetzt in einem Atemzug mit den Bauten eines Mies van der Rohe genannt werden kann.
Über einen Mangel an Gästen aus aller Welt kann sich Werner Sobek nicht beklagen, trotzdem wird er nicht müde, die Besucher in die Geheimnisse seines viel publizierten Glashauses einzuweihen, das mittlerweile Architekturfreunde in aller Welt zu kennen scheinen. Denn der Stuttgarter Ingenieur hat sich nicht nur ein Privathaus gebaut, er verfolgt damit eine Passion: Er will den Weg weisen zur Architektur der Zukunft.
Man könnte sein Haus R 128 (Römerstraße 128) auseinanderschrauben und sortenrein recyceln. Doch dazu – die Prognose sei gewagt – wird es auch auf längere Sicht nicht kommen, denn der Landesdenkmalpfleger würde sein Veto einlegen. Das Haus gilt bereits heute als Ikone der Architektur des 20. Jahrhunderts, vergleichbar mit dem Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe 1929 oder seinem Farnsworth House von 1946. Wenn Architektur bedeutet, Form, Konstruktion und Haustechnik zu höchster Raffinesse zu entwickeln und zu verfeinern, dann stehen wir bei Sobeks Haus vor einem Meisterwerk; wenn Bauen bedeutet, ein funktionsfähiges, behagliches Heim zu schaffen, vor einem rigorosen Artefakt ohne Alltagstauglichkeit.
Haus ohne Wände
Nur zehn Tonnen Stahl genügten für das Traggerüst, das mit maschineller Präzision vorgefertigt und am Ort montiert wurde. Ein Treppenlauf verbindet die offenen Räume der vier Geschosse, eine Glashaut umhüllt den würfelförmigen Hauskörper, ein Dach mit Fotovoltaikpaneelen deckt ihn.
Wände gibt es nicht, und bis auf zwei Toiletten keine geschlossenen Räume, Möbel eher vereinzelt: ein gelbes Regal im Erdgeschoss, ein Bett, eine verschiebbare Badewanne und einen matt schimmernden Kubus („Schrankwand“) im ersten Geschoss, Sitzgruppe, Le-Corbusier-Liege, ein rotes Bücherregal und Hi-Fi-Lautsprecher im Zweiten, die Küchenzeile (wegen der fehlenden Wände ohne Hängeschränke) und einen Esstisch im Obergeschoss – welche Wohnungsausstattung lässt sich schon mit zwei Sätzen aufzählen!
Neueste Technik
Werner Sobek, der an der Universität Stuttgart die renommierten Lehrstühle von Frei Otto und Jörg Schlaich zum Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren ILEK zusammenführte und als Ingenieur Bauten der international renommiertesten Architekten betreut, begnügte sich nicht mit der Statik.
Energieautark sollte das Haus und mit den neuesten Techniken unserer Zeit ausgerüstet sein. Im Wohnhausbau noch nie eingesetzte Dreifachscheiben gewährleisten, dass aus dem Glashaus im Sommer trotz des Verzichts auf jeglichen Sonnenschutz kein Treibhaus wird. Ein Wärmepumpensystem und ein 12.000-Liter-Wasserlangzeitspeicher sorgen für den saisonalen Temperaturausgleich, den Strom erzeugen 48 Solarmodule mit einer Leistung von 6,72 Kilowatt, und noch dazu einem jährlichen Überschuss von immerhin 200 Kilowattstunden. Im Winter steigt Sobek allerdings aufs Dach, um dem Schnee von seinem Kraftwerk zu schippen.
Architektonischer Purismus
Selbstredend ist alles im Haus rechnergesteuert und überwacht, wenn nötig von außerhalb übers Internet. Was er für sinnvoll hält, lässt Sobek einbauen, und was es an Sinnvollem noch nicht gibt, lässt er entwickeln. Die Haustür mit Spracherkennung öffnet sich per Zuruf, die Toilettentür auf Handzeichen. Wasserhähne werden durch berührungslose Sensoren gesteuert, Raumtemperatur, Beleuchtung und Fenster per Touchscreen. Besucher benötigen natürlich eine Einweisung um zurechtzukommen.
Da es keine Lichtschalter, Türklinken, Fenster- und Schranktürgriffe gibt, keine Vorhangstangen, Fußleisten und dergleichen, geht Sobeks architektonischer Purismus schon weit über Mies van der Rohes hinaus. Und er wird vom Ehepaar Sobek auch konsequent gelebt, denn für Nippes gibt es keinen Platz. Stauraum ist rar, und in Ermangelung einer Garderobe legt der Besucher den Mantel übers Geländer. Es ist wohl eine Frage der Einstellung, auf all den Kram verzichten zu können, der sich in einem Haus ansammelt.
Wohnen im dritten Jahrtausend
Wenn sich in diesem faszinierenden Haus, dem die Stuttgarter Innenstadt zu Füßen liegt, trotz der grandiosen Aussicht bestimmt 95 Prozent der Menschen nicht wohlfühlen würden, dann deshalb, weil es keinerlei Geborgenheit und Intimität bietet. Einsehbar ist das Haus zwar nicht, doch man lebt wie im Freien, mitten in der Natur, mitten im Wettergeschehen. Der Mond ist Bettnachbar, und Winterstürme scheinen durchs Wohnzimmer zu fegen. Am Abend sitzt man gerne im Dunkeln in der Badewanne, während die Stadt heraufleuchtet.
„R 128“ klingt wie eine Typenbezeichnung, nicht zu Unrecht, denn die Familie Sobek testet einen Prototypen, erprobt im Selbstversuch das Wohnen des dritten Jahrtausends. Ein ökologisches Musterhaus, das in seiner unerhört konsequenten Reduktionsästhetik ein architektonisches Manifest darstellt, ein Haus, das den Weg weist, aber nicht das Ziel sein will. Der Nachfolgebau H 16, das Haus eines Fabrikanten, steht in Tieringen auf der Schwäbischen Alb, nicht ganz so radikal in der Architektur, aber weiterentwickelt in der Technik. Und R 129, das noch radikalere, Ufo-förmige Ganzglashaus ist in Planung und wird die Entwicklung vorantreiben.
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker.
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Oktober 2005, Aktualisiert im Oktober 2009
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