Nachhaltig Planen und Bauen

„Grüne Architektur ist in Russland eher ein Markenzeichen als ein wirklicher Zukunftsbeitrag unter ökologischen Gesichtspunkten“

Boris Levyant ABD architectsDas Moskauer Büro ABD architects
projektiert kommerzielle Architektur.
ABD-Direktor Boris Lewjant bezweifelt, dass Investoren in nächster Zeit zur Einführung von Prinzipien nachhaltiger Entwicklung beim Planen und Bauen bereit sein werden. Er vermutet, dass derartige Innovationen aus dem Westen in Russland schnell zur Hülle verkommen.

Architektur und Städtebau haben sich historisch immer parallel zum technischen Fortschritt verändert. Welche Tendenzen gibt es Ihrer Meinung nach im heutigen Städtebau? Wovon hängt die Zukunft der russischen Städte ab?

White Square MoscowDer moderne Städtebau zielt vor allem darauf, eine qualitativ hochwertige Umwelt zu schaffen. Es gibt eine große Anzahl von Ansätzen, um dieses Ziel zu erreichen, wie zum Beispiel die Schaffung einer so genannten Hierarchie der Räume, wo das Private vom Öffentlichen unter Einhaltung einer bestimmten Abstufung getrennt wird. Die Bürger leben und arbeiten weiterhin an verschiedenen Orten, aber das Leben bekommt mehr Sinn und wird komfortabler. Zweifellos darf man bei einem solchen Ansatz zur Lösung städtebaulicher Aufgaben nicht nur auf Plattenbauweise und typisierte Planung zurückgreifen. Dies würde die russischen Städte und Stadtviertel ihres Gesichts berauben und den Menschen die letzte Chance nehmen, endlich ein eigenes Heim zu erwerben und sich als Bürger und nicht nur als Bewohner zu fühlen.

Was verstehen Sie unter dem Begriff „Modernisierung“ in Bezug auf Architektur- und Stadtplanung?

Wenn man unter „Modernisierung“ versteht, etwas den heutigen Bedürfnissen anzupassen, und verstehen möchte, in welchem Verhältnis dieser Begriff zur Planung in den Bereichen Architektur oder Städtebau steht, muss man erst einmal ermitteln, in welchem Zustand sich die Städte heutzutage befinden. Es ist offensichtlich, dass die Städte modernisiert werden müssen – ob es sich dabei um die Renovierung von Industriegebieten, einzelner Gebäude und dem Verfall ausgelieferter Wohnbezirke handelt, um die Rekonstruktion bestehender Gebäude oder die Verlegung neuer Versorgungsnetze. Das sind nur einige der Aufgaben, bei denen der Staat Verantwortung übernehmen und mit politischem Willen und dem Verständnis tätig werden muss, dass die Stadt ohne eine Lösung dieser Probleme nicht überleben wird. In der ganzen Welt sind Architekten das zentrale Glied in der Aktionskette bei der Veränderung des städtischen Raumes. Wirkliche Modernisierung bedeutet die Beteiligung an städtebaulichen Wettbewerben, an Großprojekten zur Erschließung städtischer Räume, zukunftsweisend sind auch Rekonstruktionen einzelner Objekte und Neugestaltungen von Industriegebäuden.

In der ganzen Welt und nun auch in Russland verbreiten sich heute mit großem Tempo Technologien für nachhaltiges Projektieren und Bauen. Welchen Platz kann dieser moderne Trend zu „grünen“ Gebäuden im aktuellen Modernisierungsdiskurs einnehmen?

Metropolis MoscowIch glaube, dass ein „ökologischer“ Planungsansatz nicht wirklich die Tätigkeit in der Branche beeinflussen, also adäquate Lösungen der Probleme von Architektur und Development herbeiführen kann. Viele Regeln und Reglementierungen machen den Planungsprozess erfahrungsgemäß nur komplizierter und erhöhen die Korruptionsanfälligkeit. Zudem will niemand Mechanismen entwickeln, die zu einer wirklichen Optimierung des Planungs- und Bauprozesses führen würden, denn die Verantwortung dafür liegt in einem ganz anderen Bereich. „Grüne“ Architektur ist in Russland also eher ein Markenzeichen als ein wirklicher Zukunftsbeitrag unter ökologischen Gesichtspunkten. Denn die Planungskosten und besonders die Baukosten steigen unmäßig, aber da es bei uns keine Institutionen westlichen Vorbilds gibt, findet auch keine nachhaltige Entwicklung statt. Das Aushängeschild „Grüne Architektur“ lässt sich jetzt wohl einfach gut verkaufen. Modernisierung bedeutet doch einen Ruck. Aber ein solcher Ruck ist kaum möglich, wenn dabei riesige finanzielle Belastungen zu tragen sind.

Wie können Standards für nachhaltiges Bauen und ökologische Projekte Entscheidungsprozesse beim Planen beeinflussen?

Einerseits führt die Verschärfung der Standards, die für nachhaltiges Planen und Bauen gelten, zur Verteuerung des Projektes und seiner Realisierung. Andererseits eröffnen sich dadurch für Architekten und Ingenieure innovative Planungsmöglichkeiten. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die Investoren in näherer Zukunft Prinzipien nachhaltiger Entwicklung in den Planungs- und Bauprozess einführen werden. In Russland endet das eher in einem Missbrauch der Idee.

In Moskau und in Russland gehören Sie zu den führenden Büros. Sie planen nach den modernsten Prinzipien von Städtebau, Architektur und Design. Wie groß ist der Unterschied zwischen den Planungsansätzen im Westen und denen in Russland tatsächlich? Gibt es in Russland einen Trend zu Innovationen in der Planung?

Der Unterschied ist grundlegend: In Russland gibt es praktisch keine kommerziellen Architekten, also solche, die ihr Handwerk ausüben und dabei über die Funktionalität und Effektivität ihrer Planungsentscheidungen nachdenken. Unser gesamter Erfahrungsschatz aus der Zusammenarbeit mit ausländischen Firmen macht uns deutlich, dass westliche Planer anders denken – sie können die Bedürfnisse des Kunden besser nachvollziehen. In Russland verlieren die Auftraggeber oft viel Zeit beim „Kampf“ gegen den Architekten und dessen Ambitionen. Wer nicht mit ausländischen Firmen kooperiert oder in großen Planungsgruppen arbeitet, der hat zweifellos einen eingeengten Horizont – nicht nur, was die Planungsansätze angeht, sondern auch bezüglich des Verständnisses dieses Prozesses und der Steuerung des technologischen Aspektes der Planung. Im Ergebnis werden effektvoll erscheinende Lösungen ausgedacht, die aber jeder Effektivität entbehren. Andererseits sind die Auftraggeber nicht an originellen Lösungen interessiert. Wenn über die endgültige Form des Bauobjekts entschieden wird, überwiegt noch immer die Mentalität des „wilden Kapitalismus“.

Boris Wladimirowitsch Lewjant
Geboren 1955 in Moskau
Architekt, Präsident der Firma ABD architects
1973-1979 Studium am Moskauer Architekturinstitut (MArсhI)
1979-1987 Tätigkeit am Generalplanforschungsinstitut der Stadt Moskau
1987-1990 Mitarbeit im sowjetisch-amerikanisches Joint Venture Dialog (Moskau)
1991 Gründung der eigenen Firma ABD Limited (seit 2005 ABD architects)
Mitglied des Verbands der Moskauer Architekten und der Moskauer Architekturgesellschaft, Professor an der Russischen Architekturakademie, Mitglied der Moskauer Abteilung der Internationalen Architekturakademie.

Maxim Kobert
geboren in Kasachstan, hat Architektur an der Fachhochschule Bielefeld studiert und leitet heute stellvertretend das Moskauer Büro von „Eller+Eller Architekten“. Vorstandsmitglied im Klub deutscher Architekten und Ingenieure (KdAI).

Copyright: Goethe-Institut Moskau, Online-Redaktion

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