Ökologisches Bauen in Russland. Tendenzen und Perspektiven

Der Begriff der Nachhaltigkeit (sustainability) ist in Russland noch weitgehend unbekannt. Er bedeutet, dass wir unser Leben nicht auf Kosten zukünftiger Generationen planen sollen, indem wir die natürlichen Ressourcen verbrauchen. Obwohl vielen das Problem der globalen Erwärmung bekannt ist, verwenden den Begriff „Nachhaltigkeit“ nur eine Reihe von Ökologen und Wissenschaftlern. Was ökologische Architektur und nachhaltiges Bauen betrifft, so wissen auch hier nur wenige Bescheid.
Anreize für energieeffiziente Häuser in Russland
Die Statistik internationaler Experten zeigt, dass in Russland dreimal so viel Energie verbraucht wird wie in anderen europäischen Ländern. Im letzten Jahr hat sich allerdings vieles in die richtige Richtung bewegt. Die Initiative ging dabei vom Staat aus – und nicht von der Gesellschaft. Premierminister Wladimir Putin versprach, die Energieintensität des Bruttoinlandsprodukts bis 2020 um 40 Prozent zu senken. Am 23. November 2009 wurde das Föderale Gesetz „Über die Energieeinsparung und die Steigerung der Energieeffizienz“ verabschiedet. Das Gesetz sieht vor, Glühlampen gegen Energiesparlampen auszutauschen und in allen Häusern Energiezähler zu installieren. In Russlands sollen verschiedenen Städten acht energieeffiziente Viertel entstehen.
Die Stadtregierung Moskaus erließ eine Verordnung über die Modernisierung von Plattenbauten aus den 1970er Jahren. Im Nördlichen Verwaltungsbezirk Moskaus kann man sehen, dass Wärmeisolierplatten an die Fassaden montiert werden. Im Zuge der ersten Etappe wurden 51 Häuser isoliert, wodurch offiziellen Angaben zufolge die Ausgaben für die Beheizung um 60 Prozent gesenkt werden konnten. In dem neuen Gesetz über Energieeffizienz sind finanzielle Anreize für „grüne“ Gebäude festgeschrieben, was ein Anreiz für die Entwicklung ökologischer Architektur werden kann. Im Januar 2009, noch vor der Verabschiedung des Gesetzes, wurde das Webjournal „Ökologische Architektur“ (ECA) gestartet, das Architekten und Baufirmen hilft, sich auf dem neuen Gebiet zu orientieren.
Internationale Standards ökologischer Zertifizierung
Im Herbst 2009 wurde der „Russische Rat für ökologische Architektur“ (RuGBC) gegründet. Initiatoren waren westliche Bauunternehmer, die daran interessiert sind, hochwertige Bürogebäude für Mieter aus westlichen Ländern zu bauen. Dabei handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die Entwickler, Baufirmen, Hersteller von Baumaterialien, Architekten, Ingenieure, Ökologen und Enthusiasten vereinigt. Momentan gehören dem Rat 40 Mitglieder an. Sein Ziel ist es, die Kompetenz im Bereich des ökologischen Bauens zu erhöhen und nationale Standards für „grünen“ Gebäuden auszuarbeiten. Im Jahr 2009 startete in Moskau das englische Zertifizierungssystem für Ökogebäude BREEAM. Derzeit befinden sich die Bürozentren Dukat Place auf der Gaschek-Straße sowie die „Belyje Sady“ (Weiße Gärten) an der Station Belorusskaja auf der Lesnaja-Straße im Prozess der Zertifizierung. Diese Gebäude sind hohen Standards entsprechend errichtet worden, was ihre „grüne“ Zertifizierung möglich macht. Manche Gebäude, die in Moskau gebaut werden, so etwa das Einkaufszentrum „Bjelaja Datscha“, wurden von Anfang an nach BREEAM-Vorgaben projektiert.
In Russland existiert außerdem das amerikanische System ökologischer Zertifizierung LEED. Im Mai 2010 beginnt in Sankt Petersburg der Bau eines Bürogebäudes am Obvodnyj-Kanal nach dem Projekt der Architekturbüro Zyzin und der Ingenieursfirma „Bjuro Techniki“, die auch als Auftraggeber fungiert. Das Gebäude hat Aussichten auf ein goldenes LEED-Zertifikat. Hierbei handelt es sich um den seltenen Fall, in dem ein russischer Auftraggeber den Sinn ökologischer Architektur versteht und zu ihrer Förderung beitragen will.
Ein russischer Pionier im Bereich ökologischer Architektur
Unter den führenden russischen Architekten herrscht vielfach Skepsis gegenüber dem Thema Ökoarchitektur; viele vermuten dahinter lediglich eine Marketing-Strategie. Andere bezeichnen ihre Gebäude als ökologisch, was sie mit der Einhaltung nationaler Standards (SNIP) begründen. Diese sind jedoch weit vom internationalen Niveau entfernt. Einzelne Enthusiasten gibt es allerdings auch unter den Architekten. An der technischen Universität Wladiwostok unterrichtet der Architekt Pawel Kasanzew schon zehn Jahre das Fach „Ökologisches Planen“. Seine Studenten nehmen an internationalen Messen teil. Er hat ein Lehrbuch über ökologisches Bauen verfasst sowie ein Handelszentrum und private Wohnhäuser mit Solarstrombetrieb gebaut.
Vor uns liegt nicht nur Sotschi 2014
Allgemein erwartet man in Russland, dass die Bauten der Winterolympiade 2014 in Sotschi ein Vorreiterbeispiel für „grüne“ Architektur werden. Schließlich hat Russland offiziell angekündigt, dass die Gebäude „grünen“ Standards entsprechen sollen. Wie die Korporation „Olimpstroj“ mitteilt werden bis zum Juli 2010 eigene Ökostandards erarbeitet, nach denen man 150 Objekte zertifizieren möchte. Zehn Gebäude sollen nach den internationalen Standards LEED und BREEAM beurteilt werden.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die „grüne“ Architektur allmählich auch nach Russland vordringt, obwohl bisher weder bei den Auftraggebern noch bei der Bevölkerung ein Bewusstsein für ihre Notwendigkeit vorhanden ist. Vorangebracht wird sie durch staatliche Behörden, Journalisten und ausländische Immobilienentwickler. Die Situation ändert sich jedoch schnell. Die notwendigen gesetzlichen Anreize wurden bereits geschaffen, und in zwei bis drei Jahren, wenn die Preise für Energie steigen, werden vermutlich auch ökonomische Anreize für das Bauen ökologisch sauberer Gebäude entstehen.
Kunstwissenschaftlerin und Chefredakteur des Webjournals „EKA: Ökologische Architektur“ (www.ec-a.ru)
Copyright: Goethe-Institut Moskau, Online-Redaktion, Mai 2010
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burck@moskau.goethe.org
Links zum Thema
- Programm der Moskauer Stadtregierung zur Modernisierung von Plattenbauten

- Zertifizierungssystem für Ökogebäude BREEAM

- „Olimpstroj“: Zertifizierung von Objekten für Olympia 2014 in Sotschi nach internationalen Ökostandards

- Webjournal „Ökologische Architektur“

- Pawel Kasanzew, Architekt


- Architekturbüro Zyzin












