Museen und Stiftungen

Wie Museen und Stifter Wissen spannend vermitteln

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Das deutsch-russische Projekt „Wissenschaft für alle“ und sein drittes Forum

 

Ein Haar im Museum lassen und die eigene DNA isolieren, Nanowissenschaftler im Gläsernen Labor bei der Arbeit beobachten oder in einer Kutsche durchgeschüttelt werden wie zu Mozarts Zeiten – das Deutsche Museum München macht´s möglich.

Welche Strategien und Technologien benutzen Museen und Stiftungen, um Menschen auf naturwissenschaftliche und technische Fragestellungen aufmerksam zu machen? Das interessierte die Teilnehmer des 3. Forums „Wissenschaft für alle“ am 23. April 2012 in Moskau. Vertreter des Deutschen Museums München, des Planetariums Hamburg, der Phänomenta in Flensburg und der Max-Planck-Gesellschaft trafen mit Moskauer Kollegen vom Polytechnischen Museum, aus dem Experimentanium, dem Planetarium der russischen Hauptstadt und der Stiftung „Dinastija“ zusammen.

Bernhard Weidemann, Pressestellenleiter im Deutschen Museum München, berichtete über ständige gestalterische Veränderungen in den Ausstellungsräumen. Neue Exponate, weiter entwickelte Möglichkeiten der virtuellen Informationsvermittlung werden immer wieder in die Konzepte integriert. Gleichzeitig ist das Museum eine Baustelle, und das vermutlich noch zehn Jahre lang. Auch sein Moskauer Pendant, das 1872 gegründete Polytechnische Museum, befindet sich im Wandel. Es wird Ende des Jahres geschlossen, bis 2018 erweitert und umgestaltet. Beide Einrichtungen reagieren mit riesigen Investitionen auf neue Ansprüche in der Wissensvermittlung. Einfallsreich soll sie sein, interaktiv, anschaulich. Und stets auf dem aktuellen Stand.

Wie Natalia Sergiewskaja, stellvertretende Direktorin des Polytechnischen Museums Moskau, erläuterte, werden dessen Exponate künftig nach Basisthemen wie Energie, Information und Materie angeordnet. Sergiewskaja, die auch den 2009 gegründeten Entwicklungsfond des Museums leitet, berichtete außerdem, dass neben dem Umbau des Hauptgebäudes ein Neubau nahe der Staatlichen Universität Moskau geplant ist. Es soll u. a. Veranstaltungssäle, Labore und Kinosäle beherbergen. Die Modernisierung des ältesten naturwissenschaftlichen Museums Russlands habe für heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit gesorgt, sei aber unumgänglich.

Experimentieren und durch eigene sinnliche Erfahrung zu Erkenntnissen über naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten kommen, das kann man inzwischen in vielen Museen. Einrichtungen, die überwiegend auf Interaktion setzen, erfreuen sich in Westeuropa großer Beliebtheit, sind aber oft auf private Geldgeber angewiesen. In Russland ist das nicht anders, wenngleich die Zahl solcher Museen im Vergleich zum westeuropäischen Raum noch sehr gering ist. Irina Kuznetsowa, Programmdirektorin des 2011 gegründeten Moskauer „Experimentaniums“, berichtete von großen Anfangserfolgen. Ihr Museum biete nicht nur viele interaktive Exponate, sondern auch themenspezifische Führungen, Versuchsreihen und Vorlesungen.

Seit den 1980er Jahren agieren in Flensburg Vorreiter bei der Entwicklung interaktiver Exponate. Daraus hervorgegangen ist der Phänomenta-Verein, der seit 2001 als Institut der Uni Flensburg firmiert. In seinen Ausstellungsräumen können kleine und große Besucher anhand von rund 170 Experimenten Phänomene aus Naturwissenschaft und Technik selbst erkunden, ohne belehrt zu werden. Schilder geben kleine Hinweise zu den Zusammenhängen, ohne das Ergebnis zu verraten. Der Lernprozess soll durch eigene Erfahrungen und spielerische Auseinandersetzung mit den Phänomenen in Gang gesetzt werden, erläuterte Achim Englert, Geschäftsführer des Science Center Phänomenta auf dem Wissenschaftsforum in Moskau.

Auch die Max-Planck-Gesellschaft agiert unter dem Motto „Komm staunen – und verstehen“. Neben ihrer Forschungstätigkeit organisiert sie internationale Ausstellungen, wie den Science Tunnel in Kolumbien oder den Science Express in Indien, betreibt die Science Gallery in Berlin speziell für ein junges Publikum und schickt ihr Motorschiff MS Wissenschaft als Mathe- oder Zukunftsschiff über deutsche Wasserstraßen. Mit solchen Aktivitäten versuche man über die konventionelle Pressearbeit hinaus wissenschaftliche Sachverhalte einem interessierten Publikum nahe zu bringen, berichtete Andrea Wegener, Öffentlichkeitsarbeiterin bei der Max-Planck-Gesellschaft.

Ein attraktiver „Spielplan“ lockt jährlich über 300 000 Menschen ins Hamburger „Sternentheater“. Thomas W. Kraupe, Direktor des dortigen Planetariums, veranschaulichte, wie sich seine Einrichtung zu einer international beachteten Begegnungsstätte von Wissenschaft, Kultur und Öffentlichkeit entwickelt hat. Nicht allein die exquisiten technischen Möglichkeiten erlauben den Besuchern Entdeckungsreisen in den Kosmos. Sie werden im Sternensaal auch mit verblüffenden Blickwinkeln auf den Planeten Erde und dessen Bezügen zum Weltraum konfrontiert. Wie entstand die Erde? Warum ist es im All dunkel? Wann haben wir Kontakt zu Außerirdischen? Solche Fragen werden im Hamburger Planetarium publikumswirksam aufgegriffen. „Wir erzählen Geschichten der Welt, verbinden Menschen mit dem, was für sie unerreichbar und unvorstellbar ist“, so Kraupe. Wissenschaftler, Pädagogen, Künstler und Dramaturgen arbeiten zusammen, um Vorstellungsvermögen und Weltsicht der Besucher auf spannende, ästhetische Weise zu erweitern.

Auch das modernisierte Moskauer Planetarium kann stolz auf ein großes Besucherinteresse sein. Täglich kommen über 4000 Menschen in das größte und älteste, 1929 eröffnete, Planetarium Russlands, berichtete dessen Wissenschaftsdirektorin Faina Rubljowa. Ab 1994 erlebte die Einrichtung eine 17 Jahre währende Rekonstruktion und verfügt heute über einen Kuppelsaal, ein Freilichtmuseum, zwei Museumsabteilungen, die sich mit Astronomie befassen, einen 4-D-Kinosaal und eine Sternwarte, alles mit hochmoderner technischer Ausrüstung.

Von Bedeutung für die Wissenspopularisierung sind auch private Stiftungen. Das Moskauer Forum „Wissenschaft für alle“ hatte die Geschäftsführerin von „Dinastija“, Anna Piotrowskaja eingeladen. Der private Fond, mit dem vor allem Forschungsprojekte junger Wissenschaftler unterstützt werden, wurde 2002 vom Mobilnetzunternehmer Dmitrij Zimin gegründet. „Dinastija“ fördert gleichzeitig die Tätigkeit von Pädagogen, initiiert Aufklärungsprogramme für Jugendliche, öffentliche Lesungen und wissenschaftliche Festivals. Außerdem, so Piotrowskaja, unterstütze die Stiftung die Herausgabe populärwissenschaftlicher Bücher und vergebe jährlich einen Preis für das beste Sachbuch.

Die Vertiefung des Wissenschaftsdialogs zwischen deutschen und russischen Institutionen gelang auch mit diesem dritten, vom Moskauer Goethe-Institut und etlichen Partnern organisierten, Forum. Es gab Anstoß zu weiterem Gedankenaustausch und für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wissenspopularisierung.

Ulrike Buchmann
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