Lokale Kunstszene

Die Kaliningrader Initiative oder von der Technik des Senkrechtstarts

Auf der Kurischen Nehrung. Foto: Alisa PrudnikovaAuf der Kurischen Nehrung. Foto: Alisa PrudnikovaEs wäre ungewöhnlich, wenn es sich mit der Kunst in Kaliningrad-Königsberg genauso verhielte wie in den anderen großen Städten unseres Landes – so eigentümlich und auch seltsam war diese Gebietsstadt mit ihrem europäischen Schicksal in der Vergangenheit und wird es unzweifelhaft auch in nächster Zukunft bleiben. Kaliningrad ist vor allem deshalb interessant, weil es dort einerseits bis vor kurzem überhaupt keine Plattform für Gegenwartskunst gab, die Kultur tief provinziell geprägt und gleichzeitig mit der offiziellen Ideologie überladen war. Andererseits aber haben in den letzten zehn Jahren die Nähe der Stadt zu Europa, die Buntheit ihrer Bevölkerung, deren Wurzeln nicht nur in Zentralrussland liegen, die allgemeine Atmosphäre, die Veränderungen ankündigte, und die Zukunft, die vieles zu versprechen schien, dazu geführt, dass in Kaliningrad bestimmte Prozesse beobachtet werden konnten, die sich an anderen Orten kaum abzeichneten, wenn es sie überhaupt gab. Das betrifft sowohl die Haltung der Menschen als auch die Stimmung in den Straßen und sogar die eigentlich überall gleiche, aber hier doch ein bisschen andere neurussische Kultur. Das spiegelt sich auch in der künstlerischen Aktivität und dem Zustand der Kunstszene wieder.

Die letztere gibt es hier in diesem Sinne natürlich nicht. Wahrscheinlich gibt es sie in Russland sowieso nur in Moskau. Und überhaupt, mir scheint es, dass die Kunstszene in letzter Zeit ihre Grundzüge einer wie auch immer gearteten Ortsgebundenheit verliert und einfach nur zur Kunstszene wird, an die Künstler und Kuratoren aus ganz unterschiedlichen Orten angebunden sind. Vielleicht, weil es so wenige Kaliningrader gibt, vielleicht, weil sie an solch einem besonderen Ort tätig sind, quasi im „Abseits“ leben, fällt der exterritoriale Charakter ihrer Tätigkeiten so sehr ins Auge. Symbole dafür sind solche wichtigen Projekte wie die Arbeit von Dmitrij Bulatow in der Zusammenstellung „globaler“ Enzyklopädien der Lautpoesie und Bio-Kunst, oder der Plenair-Workshop auf der Kurischen Nehrung, die Künstler aus unterschiedlichen Städten und Ländern bis hin zu China zusammenbrachte.

Als einen typischen und wichtigen Zug der aktuellen Kaliningrader Kunst würde ich die demonstrative Distanzierung vom Regionalismus bezeichnen. Und diese gelingt absolut. Alles, was aktuell in Kaliningrad geschaffen wird, ist unprovinziell, glänzt mit europäischer Technik und dem Verständnis für die Wege der Kunst in der heutigen Zeit. Die Definitionen einer Kulturmetropole und der kulturellen Provinz sind heute absolut verschwommen, es gibt keine Hauptstädte mehr, keine informellen Zentren mit kultureller und künstlerischer Macht, und selbst die Provinz zeichnet sich derzeit nicht mehr durch schwermütige Nichtbeteiligung aus. Im Gegenteil: Das in der Ferne liegende wirkt anziehend, und die Handlung von der Peripherie aus erreicht spezifische Obertöne. In diesem Sinne ist die geographische Lage Kaliningrads in der Welt und auch in der Zeit nur zu beneiden, besonders, weil die Stadt so anziehend auf viele „großstädtische“ Menschen zu wirken scheint.

„The Examination Love“, die Serie von Jelena Tswetaewa über eine Frauenklinik, 2001. Foto: Jelena Tswetaewa. © NCCA KaliningradDas andere allgemeine Kennzeichen der Prozesse in Kaliningrad ist ein gesamtrussisches, aber ein, wie es scheint, für die ausgereiftere europäische und amerikanische Entwicklung eher eigentümliches. Und zwar die Unaufgeteiltheit des Prozesses, seine Unzersplittertheit, sein synkretischer Charakter. Der schöpferische und organisatorische Prozess, der Prozess, sich das Leben in dieser heutigen Welt durch allgemeine Herangehensweisen anzueignen, und auch der Prozess der spezifischen Absonderung des Künstlers vor dem Hintergrund des Lebens, der Kommunikation und des Managements überhaupt – all das geht vom einen ins andere über, verschmilzt, ist organisatorisch und formal nicht voneinander zu trennen. Die Kaliningrader Filiale des National Centre for Contemporary Arts (weiter NCCA) ist aus der Tätigkeit junger Künstler hervorgegangen, die in der Kaliningrader Kunstgalerie gearbeitet und sich mit der Museums- und Ausstellungsarbeit beschäftigt hatten. Sie waren „Kunstwissenschaftler“. Als die Filiale in der Stadt eröffnet wurde, wurden diese Kunstwissenschaftler zu Kuratoren, zu ihnen gesellten sich Gleichgesinnte und gemeinsam nahmen sie das in Angriff, was man die Organisation der Kunst nennen kann. Allerdings ist bekanntlich eines der Probleme der Arbeit auf dem Gebiet der aktuellen russischen Kunst die Frage nach den Künstlern. Wo sind sie, wie kann man sie finden, wie sind sie zu schaffen? Ich vermute, dass das nicht nur ein russisches Problem ist, aber bei uns ist es besonders zugespitzt, weil bei uns die Form niemals vom Inhalt getrennt werden kann.

In Kaliningrad gibt es eben „keine Künstler“, oder nur sehr wenige. Unter diesen Bedingungen sind die Kuratoren selbst dazu gezwungen, zu Künstlern zu werden, und in ihre Projekte einen immer stärkeren individuellen und künstlerischen Sinn einzubringen. Hier ist zu bemerken, dass sich die Kaliningrader Initiative von anderen durch ein fundiertes Durchdachtsein und Besprochensein abhebt, dass sie mit Reflektionen ausgefüllt ist und viele bekannte Kritiker und Theoretiker an ihr beteiligt waren.

Was meine ich mit der Technik des Senkrechtstarts? Na ja, natürlich einen Start ohne Beschleunigung, ohne stetige Entwicklung und das Hineinwachsen der Bewegung auf der Horizontalen in den Anstieg auf der Vertikalen. Die Kaliningrader sind sowohl in ihrem künstlerischen Schaffen als auch in ihrem Management zu dem geworden, was sie werden wollten, fast ohne Konzept, und sofort in der Form, die für die aktuellste, technisch ausgefeilteste gehalten wird. Das ist eine sehr aussagekräftige Entwicklung, die es in den anderen russischen Großstädten mit ihrer graduellen Geschichte nicht gibt und auch nicht geben kann. Ein solcher Senkrechtstart ist genauso die entschlossene Wahrnehmung der Wirklichkeit in der Synchronie der vertikalen Schnittfläche, wenn Themen und Auffassungen der Kunst quasi wie aus der Höhe eines Vogelfluges betrachtet werden, planetar: Geographie und Biologie, Stadtkultur und globale Wortschöpfung, das heimatliche Kaliningrad und die gesamte große Geschichte.

„Chanukka“, 2000–2005. Foto: Jewgenij Umanskij. © NCCA KaliningradAus der Sicht der Form scheint mir das Wichtigste in der Kaliningrader Kunst ihre Multimedialität und die gegenseitige Durchdringung alter und neuer Medien zu sein. Obwohl es die Malerei hier an sich eigentlich nicht gibt; dafür aber die traditionelle – im positivsten Sinne des Wortes – Fotografie (die Serie von Jelena Tswetaewa über eine Frauenklinik). Und auch das soziale Projekt „Chanukka“ von Jewgenij Umanskij bringt im Hinblick auf die Qualität des Endprodukts quasi malerische Objekte und fotografische Bilder hervor.

Ich will noch zwei inhaltliche, thematische Momente unterstreichen – die Stadt und den Kosmos der Natur. In dieser Formulierung klingt das fast traditionell-romantisch. Einerseits analysieren Künstler oft die Formen der Stadtkultur, des Stadtmenschen, beschäftigen sich mit der Kunst der Stadt. Andererseits aber wenden sie sich immer wieder der Natur zu, die ihre Arbeiten entweder direkt durchdringt, wie bei Jurij Wassiljew, oder indirekt, in der Gestalt von Schnee und Saft, Vögeln und Sand, den Linien des Meereshorizontes, des Wassers und des menschlichen Körpers. In Kaliningrad ist die Natur stärker zu spüren, überhaupt nicht dagegen die muffige Luft des Ateliers, des geschlossenen Kreises, der Küche. Auf Wunsch kann man darin sogar etwas Königsbergerisches, Baltisches sehen. Selbst das Thema des Körpers, in Kaliningrad derart offen betont, ist von einer gewissen natürlichen Kälte ergriffen, von Abgeschiedenheit. Vielleicht tut die ursprüngliche Gesundheit der Natur, des Bodens und der Luft das ihre dazu, und die Sinnlichkeit schafft es buchstäblich nicht, zu stagnieren.

Eines der schwerwiegendsten, wenn nicht das Hauptproblem der Kaliningrader Kunst ist das „Kaliningraderische“ oder jene Spezifika, die durch ihren Standort definiert werden – einer ehemals deutschen Stadt, einer ehemals geschlossenen sowjetischen Stadt usw. Die offizielle sowjetische Kunst hat als spezielle Kaliningrader Themen die Genres des Fischfangs, des Meeres und des Kriegspatriotismus bedient. In den siebziger Jahren erhoben das romantische Groteske, das märchenhafte Mittelalter und das Hoffmannsche ihren Anspruch auf die Rolle der Zeichen eines „Kaliningraderischen“ in der Malerei und Grafik. Die Kaliningrader Kunst begann, sich als „gotisch“ zu begreifen. In der postsowjetischen Zeit hat sich diese Tendenz noch verstärkt und Merkmale des Vulgär-Manieristischen angenommen; es begann die unablässige Ausbeutung des Jugendstils, im Verlauf kamen Barock und Rokoko dazu. Vor diesem Hintergrund einer allgemeinen kulturellen und dekorativen Entwicklung ist gar nicht leicht festzustellen, worin genau die Besonderheit der hiesigen aktuellen Kunst besteht, vor allem, da alle Künstler die Überwindung der lokalen Verbundenheit in ihren Themata und Motiven anstreben.

Zusammenfassend kann man sagen, dass heute für die Kaliningrader Spezifik in erster Linie das Verständnis und der Umgang mit dem geographischen Faktor, also der Tatsache, dass die Stadt auf einer Kreuzung globaler Wege, zwischen Ost und West, Nord und Süd liegt, zwischen Russland und Europa, dem Baltikum und dem Festland, besonders ausschlaggebend sind. Darin offenbart sich auch die neue Umgangsweise mit Königsberg, denn Kaliningrad wurde immer als Randgebiet behandelt, als der entfernteste Punkt der Sowjetunion, nicht jedoch als Knotenpunkt für weltweite Kommunikation. Weiter ist es die offensichtliche Abneigung gegenüber Königsberg, die die Gesamtheit der historischen Fragmente umfasst und die Bestimmung Kaliningrads, die Hauptrolle selbst zu spielen, also das Interesse für die reale eigene Stadt, für das postsowjetische Gebietszentrum und seine Struktur, für die sozialen Prozesse und die Menschen. In diesem Kontext ist das Projekt „Chanukka“ von J. Umanskij sehr aussagekräftig. Der Autor fotografierte Hunderte von entstellten Inschriften des jüdischen Wortes „Chanukka“, die schlagartig und aus unbekanntem Grund in der ganzen Stadt aufgetaucht waren. Was Umanskij zeigt und festhält, ist die Einstellung gegenüber den jüdischen Inschriften. Als Ästheten interessiert ihn natürlich die dekorative Qualität der aufgetauchten „Bilder“ mit Text, als Konzeptualisten dagegen interessiert er sich dafür, die Gesellschaft der Stadt zu untersuchen.

„Russkij krasnyj“ („das russische Rot“), 2003/2005. Foto: Jurij Wassiljew. © NCCA Kaliningrad

Ich möchte noch etwas über den eigenständigen Expressionismus in Kaliningrad bemerken. Zu Zeiten der Deutschen war die Stadt einmal ein wenn nicht leuchtendes, so doch sehr ausdrucksvolles Zentrum der expressiven Kunst, und das Wichtigste: Die großen Expressionisten (wie Schmitt-Rottluff und Pechstein) zog es hierher, hier bemühten sie sich darum, die sinnliche Wahrnehmung der elementaren Natur, ihrer Macht und Tragödienhaftigkeit zu schärfen. Nicht zufällig hat diese Erde Käthe Kollwitz mit ihrer Exaltiertheit und ihrem düsteren Pathos hervorgebracht. Nach dem Krieg und bis heute hatte der Expressionismus in Kaliningrad keinen großen Namen mehr.

Und doch zog in der letzten Zeit in der russischen Szene der Gegenwartskunst ein Kaliningrader Künstler die Aufmerksamkeit auf sich, in dessen Werk Schärfe und Finsternis, Schwere und Schrei, Blut und Stöhnen zu finden sind. Und zwar Jurij Wassiljew. Seine Themen und auch seine Struktur sind sehr russisch. Das multimediale Projekt, das er entwickelt, nennt sich „Russkij krasnyj“ („das russische Rot“). Der Inhalt der Arbeit ist vielschichtig: Hier gibt es nicht nur „Psycho“, nicht nur „Pathos“, es ist politische Kunst, und noch dazu in ihrer scharfen, problematischen Form. Mir scheint das nicht nur ein Tribut an die „Politic Art“, sondern auch ein glaubwürdiger – mögen die Leser mir dieses nichtintellektuelle Wort verzeihen – Ausdruck eben dieses Zustandes der Kunstsphäre, den man mit den Worten „Ermüdung durch den fehlenden Sinn“ beschreiben kann.

In Kaliningrad ist die selbstkritische Stimmung in der Kunst schwächer ausgeprägt als zum Beispiel in St. Petersburg oder Moskau. Hier herrscht ein anderes Klima, das meiner Wahrnehmung nach grundsätzlich von Optimismus und Vitalität geprägt ist; hier steht alles in voller Blüte, und nichts verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Und trotzdem scheint es mir, dass das Aufblühen der Kaliningrader Großbürgerlichkeit auf der Grundlage der alten deutschen Großbürgerlichkeit auch hier zum Erscheinen von weitaus beunruhigenderen und konsequenteren Kunstformen hätte führen müsste, als denen, die sich derzeit zeigen. Der Wunsch, den ich hier ausspreche, ist nicht rückwärts gerichtet. Er ruft zum wirklichen Abenteuer des Experimentierens auf, träumt von einem Senkrechtstart nicht nur im Sinne des „sozialen Prestiges der Kunst“ (D. Prigow), sondern von einer wirklichen Transgression und Performativität, die vor unseren Augen aus der Performance verschwindet – welche damit zur Bagatelle des kulturellen Alltags wird.

Gekürzte Fassung. Der vollständige Text wurde veröffentlicht in рН, Ausgabe 3/2002, www.ncca-kaliningrad.ru/ph

Iwan Tschetschot 2002
Dr. der Kulturwissenschaft, Leiter des Sektors für Geschichte und Theorie der bildenden Kunst und Architektur des russischen Instituts für Kunstgeschichte RAN, Dozent an der philologischen Fakultät der Staatlichen Universität St. Petersburg, Vorstandsmitglied des Instituts Pro Arte (St. Petersburg), Mitglied des St. Petersburger Regionalkomitees der Kunstwissenschaftler und des internationalen Büros „SINA“ (Kunstwissenschaftler-Komitee), Mitglied der Max Beckmann Gesellschaft (München). Autor von mehr als 30 Publikationen in russischen und ausländischen Medien, zahlreiche Vorlesungen an Universitäten in Österreich, Deutschland, der Schweiz, England, Italien und Kuba, Teilnahme an und Organisation von internationalen Kongressen, Konferenzen und Ausstellungen.

Übersetzung ins Deutsche: Anna Brixa

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