Ramishvili, Koka

Koka Ramishvili zählt zu den georgischen Künstlern, die nach 1990 das Land mehrere Male verlassen und gewisse Lebensabschnitte im Ausland verbracht haben. Dessen ungeachtet spielt in seinem Schaffen gerade die postsowjetische Thematik und die damit verbundene aktuelle Problematik Georgiens eine wesentliche Rolle – politische Veränderungen, Fragen der Identität, neue geografische Grenzen und die Kataklysmen im Land. Diese Ereignisse haben sich zum größten Teil vor den Augen des Autors abgespielt. Seine Fotoserie »War from My Window« (1991/1992), das Video »Pronostic Eventuel« (1998) und andere Arbeiten zeugen davon.

Koka Ramishvilis Video Change (2005) über die »bewegte Welt« der jüngsten Epoche ist eine seiner wichtigsten und interessantesten Arbeiten. Beachtenswert ist die aus drei Teilen bestehende Dramaturgie des Werks. Zwei Teile beinhalten dokumentarisches Fernsehmaterial von den Ereignissen des 23. Novembers 2003 in Georgien, insbesondere den Kulmina­tionsmoment der sogenannten Rosenrevolution, den Regierungswechsel von Eduard Schewardnadse zu Micheil Saakaschwili.

Der Fernsehchronik entnommene dokumentarische Bilder werden absichtlich extrem langsam, in Zeitlupe, gezeigt, so wie bei der Montage eines Films. Eine »Dekompression« der Dokumentaraufnahmen, die das genaue Studieren jeder einzelnen Episode und fast schon eine Erforschung von Details ermöglicht, extreme Nahaufnahme und gleichzeitiges Verschwimmen des Bildes sowie der begleitende monotone Sound und in die Länge gezogene, unklare Geräusche – all das widerspiegelt im ersten Teil sehr eindrucksvoll und heftig die »Kampfplastik« einer größeren Männergruppe in einem Raum: ausströmende Energie, Emotionen, Chaos, Gespanntheit, Ringen und Kontroverse.

Einen ähnlichen Charakter hat der zweite Teil der künstlerischen Arbeit, wobei Kampfpathos und Angriffslust in eine Stimmung des Rückzugs und der Vergänglichkeit übergehen. Es wird eine gewisse Erwartung und Spannung im Hinblick darauf erzeugt, wie sich die Ereignisse weiter entwickeln werden.

Doch das Sujet nimmt eine unverhoffte Wende. Der dritte Teil führt eine ganz andere Zeit vor Augen. Mit dem melancholischen Lied einer Schauspielerin wechselt die Handlung allmählich zu einem Fragment aus Rainer Werner Fassbinders Film »Die Sehnsucht der Veronika Voss«, der im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg spielt.

Ein reales historisches Ereignis, dokumentarische Fernsehbilder gehen unverhofft in die Fragmente eines Spielfilms über; die Spannung der kämpfenden Männer steht im Kontrast zur tragischen Heldin, der einstigen Filmikone bei Fassbinder.

Koka Ramishvilis Change ist nicht nur auf ein konkretes historisches Ereignis fixiert. Der Autor lässt in seinem Werk viele Fragen offen, die der Betrachter durch zahlreiche Anspielungen für sich selbst deuten kann.
Nino Chogoshvili